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Der Berg der Heimatlosen

Auf dem Keulenberg in Oberlichtenau werden gefallene Jugendliche betreut. Das ist nicht leicht. Auch nicht für die Goldene Wurzel.

© René Plaul

Von Reiner Hanke

Einsam ist es derzeit auf dem Keulenberg. Der versteckt sich unter einer Schneehaube. Wanderer machen sich jetzt eher rar. Dafür wurde Polizei beobachtet. Von merkwürdigen Vorgängen auf dem Gipfel berichtet Uwe Schubert aus Oberlichtenau. Dort befindet sich auf dem privaten Gipfelbereich seit Kurzem ein Jugendprojekt. Der Polizeieinsatz habe sich noch kurz vor dem Jahreswechsel, am 29. Dezember, zugetragen, weiß Uwe Schubert. Auch Rettungs- und Notarztwagen seien auf den Gipfel gerollt. Dem habe er später einen Besuch abgestattet. Das Tor stehe offen, die Gebäude des ehemaligen Gasthauses und des Wohngebäudes dahinter wirken verlassen. Alles sei ziemlich dunkel gewesen, bis auf ein kleines Licht. Was ist los auf dem Gipfel und wie soll es jetzt überhaupt touristisch mit dem Berg der Heimat weitergehen? Das bewegt nicht nur Uwe Schubert.

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Das Gelände rechter Hand der Zufahrtsstraße befindet sich in privatem Besitz. Im Vorjahr gab es einen Eigentümerwechsel auf dem 25 000 Quadratmeter großen Areal. Die Firma HFM Heimpold Facility Management in Dresden erwarb das Gelände. In die frühere Gaststätte zog ein Jugend-Sozialprojekt unter dem Dach der Radebeuler Sozialprojekte ein. Es handelt sich um junge Leute mit familiären und Suchtproblemen: Alkohol, Drogen, Spielsucht. Das Angebot zur Erziehungshilfe richtet sich an junge Menschen, denen emotionale Zuwendung fehlt, ohne Schulabschluss, Ausbildung und Arbeit. Sie sollen wieder eine Zukunft in der Gesellschaft bekommen. Das soll fern vom gewohnten Umfeld, von Drogen und Alkohol, gelingen. Mit einem klar strukturierten Tagesablauf, mit Einzel- und Gruppenarbeit, Arbeitstherapie und Sportpädagogik. Auch Eltern und Angehörige werden einbezogen. Die Therapieeinrichtung „Haus Keulenberg“ nimmt bis zu neun junge Leute zwischen 14 und 21 Jahren auf. Leider, so lässt eine Mitarbeiterin wissen, sei der Bedarf noch viel größer. Das Heim ist also keinesfalls verlassen. Allerdings bestätigt die Polizei den beobachteten Vorfall. Ein 17-jähriges Mädchen sei gesucht worden, so Pressesprecher Thomas Knaup. Das Mädchen sei aus der Wohngruppe am Keulenberg verschwunden gewesen. Wie sich dann herausgestellt habe, befand sich die 17-Jährige in einem Krankenhaus. Nähere Informationen gab es dazu bisher nicht.

Bewohner machen sich ihre Gedanken

Das Jugendamt des Kreises hat momentan zwei Jugendliche in der Einrichtung untergebracht. Diese beiden jungen Leute habe der Polizeieinsatz nicht betroffen und der Vorfall sei dem Landratsamt auch nicht mitgeteilt worden. Allerdings räumt Sabine Rötschke, Pressesprecherin in der Kreisbehörde, ein: In einer Spezialreinrichtung wie dieser könne es schon „gelegentlich zu solchen Einsätzen kommen, ohne dass immer sofort das Jugendamt involviert wird“.

Am Fuße des Berges der Heimat, der irgendwie auch zum Berg der Heimatlosen geworden ist, machen sich die Leute inzwischen Gedanken. Sie drehen sich um die touristische Zukunft ihres Hausberges, nachdem sich der Bergverein aufgelöst hat und mit der Berggastronomie Schluss ist. Im ehemaligen Gasthaus sind die Gäste jetzt die Jugendlichen.

Kein Betreiber für die Wurzel

Bleibt noch der Imbiss „Goldene Wurzel“ auf dem kommunalen Areal. Der neue Eigentümer des Privatareals, Jan Heimpold, hatte Interesse bekundet, die Imbissversorgung fortzuführen. Das Interesse ist nach Informationen aus dem Ortschaftsrat auch noch vorhanden. Die Umsetzung gestaltet sich aber offenbar schwierig. Die Ortschaftsratsvorsitzende Anett Thomschke berichtet, wie sie selbst Gaststätten, Bäcker und Fleischer abgeklappert habe, um einen Betreiber zu finden. Erfolglos. Ohne die frühere Baude als Hauptstandbein, sei der Imbiss nur schwer wirtschaftlich zu betreiben. Schon allein, weil der Kundenstrom natürlich stark vom Wetter abhängig ist. Um den Berg überhaupt touristisch am Leben zu erhalten, will der Ortschaftsrat jetzt einen neuen Anlauf starten. Tom Kaiser spricht von einer Interessengemeinschaft: „Wir wollen engagierte Bürger der Anrainer von Großnaundorf über Höckendorf bis Gräfenhain ansprechen und für den Berg gewinnen.“ Themen gebe es viele: die Ordnung und Sauberkeit, Bergfeste, die Beschilderung, die Sehenswürdigkeiten mit dem Aussichtsturm und der Burgruine und auch den Imbiss. Da sei der Ortschaftsrat auch nicht auf den Privateigentümer fixiert. Das könne jeder andere Betreiber sein. Ohnehin ist das Interesse Heimpolds an der Goldenen Wurzel im Rat umstritten. Denn mit Rücksicht auf das Jugendprojekt sollte wohl auf Alkohol im Ausschank verzichtet werden. Dem Wanderer sollte aber auch ein Glühwein oder ein Gipfelbier geboten werden, heißt es auf der einen Seite. Die Ortschaftsratsvorsitzende freilich wäre schon froh, wenn sich die Fensterläden überhaupt wieder öffnen würden – und wenn’s nur für Kaffee und Kuchen wäre.

Am Ende komme es darauf an, wie viele Keulenbergfreunde mitziehen, um auf dem Gipfel etwas zu bewegen, so Tom Kaiser. Ein Knackpunkt seien auch die Toiletten, die auf dem Privatgelände stehen und nicht mehr nutzbar sind. Man sei in dem Punkt mit der Stadt im Gespräch. Platz für eine neue Anlage sei vorhanden. Egal, was die IG zuerst anpacke, sagt Tom Kaiser: „Vom jetzigen Stand aus gesehen, kann es eigentlich nur besser werden.“