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Der besondere Arbeitnehmer

Der Sebnitzer Perry Preuß soll bei der Fahrzeugelektrik angestellt werden – dank eines außergewöhnlichen Projekts.

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© Kristin Richter

Von Thomas Möckel

Sebnitz/Pirna. Perry Preuß räumt schwarze Verpackungsteile und blaue Plastikkisten in eine Art übergroße Spülmaschine ein. Sorgsam stapelt er alles auf die Gestelle, damit so viel wie möglich in den Spülgang passt. Dann fährt eine riesige Metallhaube über das Einsortierte, unbeobachtet von außen beginnt es zu rumpeln und zu rauschen, am Ende ist alles sauber. Die eigens für derartige Waschgänge konstruierte Maschine steht bei der Fahrzeugelektrik Pirna (FEP), Perry Preuß bedient sie, allerdings ist er kein gewöhnlicher Arbeitnehmer. Noch nicht. Er will aber bald wieder einer sein. Perry Preuß, 49, hatte früher einmal Arbeit in einem ICE-Werk, der Tagesablauf war geregelt. Irgendwann aber gab es das alles nicht mehr, wie es dazu kam, darüber mag er nicht sprechen, es ist zu persönlich. Weil sich aber seit Jahren schon andere um ihn sorgen, könnte es bald beinahe wieder so sein wie früher, mit einem richtigen Arbeitsvertrag und einem festen Job. Perrys Werdegang ist das Ergebnis eines außergewöhnlichen Projekts.

Schon seit Jahren kooperiert die FEP mit der Awo Sonnenstein, Träger einer anerkannten Werkstatt für Behinderte. Weil die dort beschäftigten Menschen nach Auskunft von Ingo Mangelsdorf, Leiter des Bereiches Arbeit bei der Awo, möglichst viel am normalen Leben teilhaben sollen, arbeiten nicht alle Klienten in speziellen Einrichtungen. Der caritative Verein setzt vor allem auf Außenarbeitsplätze, dort arbeiten Menschen in sogenannten geschützten Arbeitsverhältnissen direkt in großen Betrieben, die Awo betreut sie vor Ort.

Die Wiege dieses Gemeinschaftsprojekts steht bei der FEP, sie war das erste Unternehmen in der Pirnaer Region, in der es Außenarbeitsplätze gab. Derzeit sind im Werk 39 Klienten in den Außenarbeitsplätzen beschäftigt. Und daraus soll noch viel mehr erwachsen. Ein bis zwei Beschäftigten aus diesen geschützten Arbeitsverhältnissen, so das Ziel, will die FEP jährlich einen festen Job bieten und sie auf diese Weise in den freien Arbeitsmarkt integrieren. „Als größter Arbeitgeber in Pirna wollen wir so auch unserer sozialen Verantwortung gerecht werden“, sagt Peter Weber, Vorsitzender der FEP-Geschäftsführung. Aber die soziale Verantwortung ist nur ein Teil des Projekts. Der jeweils Auserwählte muss auch jene Leistung bringen, die von anderen Arbeitnehmern verlangt wird. Um herauszufinden, ob der Proband für den Alltag im normalen Arbeitsleben gerüstet ist, beginnt der Übergang vom geschützten in ein freies Arbeitsverhältnis mit einem längeren Praktikum. „Anfangs hatte ich ein paar Bedenken, aber es dauerte nicht lange, dann lief es richtig gut“, sagt Perry. Er arbeitete im Versand und in der Behälterwaschanlage. Er kam stets pünktlich, war freundlich, nett zu den Vorgesetzten, erledigte seine Arbeit rasch und eigenständig. „Wir haben schnell gewusst, dass er für die Stelle geeignet ist“, sagt Steffen Schöffler, Perrys unmittelbarer Chef.

Inzwischen hat der 49-Jährige aus Sebnitz den Arbeitsvertrag in der Tasche, momentan ist er in der Probezeit, klappt alles, schließt sich ab Anfang 2017 ein unbefristetes Arbeitsverhältnis an. Dann wartet eine 40-Stunden-Woche auf Perry, auch Schichtdienst, er soll voll integriert werden. Das ist auch sein persönlicher Wunsch. „Ich will einfach ganz normal behandelt werden“, sagt Perry.

Zu der Normalität gehört auch, dass die FEP ihm eine Arbeit gibt, die außerordentlich wichtig ist. Die FEP, insgesamt 450 Beschäftigte am Standort Pirna, rund 100 Millionen Euro Jahresumsatz, liefert vor allem Bauteile an große Automobilhersteller wie VW, Opel oder BMW. Dazu zählen beispielsweise Öldruckschalter, die in Motoren verbaut werden. Die Transportkisten liefert der Hersteller, die FEP schickt sie bestückt mit ihren Produkten zurück. Die Anforderung: Die Kisten müssen absolut sauber sein, jedes Staubkorn könnte später zu Motorschäden führen. Liefert die FEP verschmutzte Kisten, werden dafür teils empfindliche Geldstrafen fällig. Damit das erst gar nicht passiert, ließ das Unternehmen eine Behälterwaschanlage bauen. Und geht es nach der FEP, soll Perry kein Einzelfall bleiben. Weitere Beschäftigte aus geschützten Arbeitsverhältnissen sollen seinem Beispiel folgen, so denn alles passt.

Dass es bei ihm passt, scheint schon jetzt ohne Zweifel, zumal er seine Stelle gleich mit einem Neurervorschlag begann. Perry stellte fest, dass auf die Haltegitter in der Waschanlage mehr Teile passen, als er derzeit einstapeln kann – die Gitter waren einfach zu großzügig konstruiert. Perry schlug vor, neue Gitter mit kleineren Abständen zu bauen, so ließen sich in einem Waschgang mehr Teile reinigen und somit Wasser und Strom sparen. In Kürze bekommt Perry neue Haltegitter, Lehrlinge werden sie als Projektarbeit fertigen.