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Der Biobringer

In Riesa bestellen immer mehr Kunden Ökokisten im Internet. Die SZ hat eine Liefertour begleitet.

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© Sebastian Schultz

Von Nadja Knauer

Riesa. Die glatte Straße ist mit Neuschnee bedeckt, schon wieder schaltet die Ampel auf Rot, Fußgänger drängeln sich ungeduldig an den wartenden Autos vorbei – und mittendrin: Ein grüner Transporter, beladen mit ebenso grünen Kisten. Am Steuer sitzt Frank Adner*. Abwechselnd schaut er auf seine Uhr und auf die Liste, die vor ihm auf dem Armaturenbrett liegt.

Schon seit 5.30 Uhr ist er auf den Straßen im Landkreis unterwegs, gerade in Riesa. „Dem Zeitplan hänge ich schon hinterher. Bei diesem Wetter dauert alles zwei Stunden länger.“ Frank Adner – die schulterlangen Haare zum Pferdeschwanz gebunden, die graue Weste bis zum Hals geschlossen – ist einer von drei Fahrern des Demeter-Hofs in Mahlitzsch.

Jede Woche legt er Strecken von rund 1 000 Kilometern zurück, liefert über 700 Ökokisten an private Haushalte, Bioläden und Firmen im Dresdener Umland sowie in Riesa und Meißen aus. Bepackt sind sie mit Obst und Gemüse aus eigenem Anbau sowie Brot, Milchprodukten, Eiern und Wurst – alles bio. „Die Produkte, die bei uns im Hofladen verkauft werden, kann jeder Kunde auch einfach auf der Homepage in Form einer ‚Ökokiste‘ bestellen“, erklärt Adner. Geliefert werden die Kisten bis vor, teilweise sogar bis hinter, die Haustür.

Der Transporter kommt nun vor einem weißen Haus in der Riesaer Innenstadt zum Stehen. Eine schmale Steintreppe führt zum Eingang hinauf. Bevor er aussteigt, kramt Adner einen Bund mit einem Dutzend Schlüsseln aus dem Handschuhfach. Die meisten Kunden sind Abonnenten, die regelmäßig bestellen. Sie kennen die Fahrer und ihre Lieferzeiten schon. „Oftmals sind die Leute nicht da, wenn ich liefere, aber da Produkte wie Milch und Eier vor allem im Sommer schnell gekühlt werden müssen, habe ich einen Schlüssel für die meisten Keller, wo ich die Kisten unterstellen kann“, erzählt der Fahrer.

Kohl im Winter

Mit geübten Handgriffen packt er eine Kiste fest und trägt sie schnellen Schrittes die Treppe hinauf, bevor er sich auf den Weg zum nächsten Ziel seiner Auslieferungstour begibt. Vor einem Einfamilienhaus macht Adner erneut halt. Noch bevor er die hölzerne Eingangstür erreicht, öffnet ihm ein gut gelaunter Mann mit grauem Haar und begrüßt ihn freundlich. „Mein Sohn und seine Frau bestellen regelmäßig die Standardkiste für die ganze Familie. Da sie aber beide berufstätig sind und ich Rentner bin, bin ich im Haus und kann die Kiste annehmen“, sagt Kunde Günther Herold.

Die Standardkiste wird mit saisonalem Obst und Gemüse bepackt. Ihr Inhalt ändert sich ständig. Derzeit gibt es viel Kohl, Winter eben. Was genau in der nächsten Kiste ist, können die Kunden auf der Homepage sehen, sie aber auch frei zusammenstellen oder einzelne Produkte austauschen. Das scheint die Kunden anzusprechen. „Wir wohnen über 40 Kilometer vom Hof entfernt, haben keine Zeit, hinzufahren, und dennoch liegen uns die Bioprodukte am Herzen.

Dass man sie online bestellen und einfach zu sich nach Hause liefern lassen kann, ist darum ideal“, erläutert Günther Herold. Zudem ist die sächsische Stahlstadt nicht gerade gesegnet mit Bioläden: Einen Bioladen gibt es in Riesa – genau genommen ist es ein Reformhaus, das auch Bio-Lebensmittel anbietet.

Nachdem Frank Adner die Kiste ausgeladen hat, steigt er wieder in seinen Transporter und wirft einen Blick auf seine Liste. Noch mehr als zehn Kunden müssen beliefert werden.

Die Bestellungen für die Kisten gehen im Hofbüro in Mahlitzsch über die Homepage oder per Fax und Telefon ein. Die Kisten für den kommenden Tag werden von vier Packern im Lager zusammengestellt. „Wenn die Lieferungen zu groß sind, kommt es auch vor, dass ich noch mal zurückfahren muss, um die restlichen Kisten zu holen“, erzählt Adner.

„Kein Amazon-Betrieb“

Die Online-Ökokisten werden immer beliebter – auch außerhalb der Großstädte wie Leipzig oder Berlin, wo Kunden sogar zwischen mehreren Anbietern entscheiden können. „Die Nachfrage hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, was vorrangig daran liegt, dass der Wunsch nach Bioprodukten wächst. Aber auch der Online-Vertrieb trägt dazu bei. Dieser Komfort kommt bei den Kunden gut an“, erklärt Elke Schwab von der Betriebsgemeinschaft Hof Mahlitzsch. Sich dem neuen Vertriebsweg vollständig unterwerfen, möchte sie aber nicht. „Wir wollen kein Amazon-Betrieb werden. Wir sind Gärtner und Landwirte. Wir wollen nicht rund um Uhr verfügbar sein.“

Nach einem langen Tag von über acht Stunden ist der Kofferraum des grünen Transporters leer und die Namensliste vollständig abgehakt. Wenn morgen um 4.30 Uhr sein Wecker klingelt, begibt sich Frank Adner wieder auf den Weg nach Mahlitzsch, um die nächsten 70 Ökokisten abzuholen – nicht aber, ohne vorher selbst im Hofladen einzukaufen. „Auch, wenn der Online-Handel praktisch ist, ich persönlich kaufe lieber vor Ort im Laden ein. Da bin ich ganz traditionell.“

* Name von der Redaktion geändert.