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Der Bundeswehr-Werber

Als Soldat hat Stephan Thamm die halbe Welt gesehen. Jetzt sucht er Nachwuchs für die Truppe. Wollen junge Leute überhaupt zur Bundeswehr?

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© Kristin Richter

Von Jörg Stock

Pirna/Sebnitz. Der erste Termin war ein Reinfall. Über eine Stunde hat Stephan Thamm auf den Bewerber gewartet. Die fadenscheinige Ausrede: Bus verpasst. Herr Thamm hat das geahnt. Der junge Mann war schon als Malerlehrling dauernd zu spät gekommen und gleich in der ersten Woche rausgeflogen. Mit so einer Einstellung wird er auch beim Bund kaum landen, sagt Thamm. Disziplin und Pünktlichkeit sind mitzubringen. „Die Armee ist nicht die Erziehungsanstalt der Nation.“

Wollen Jugendliche zur Bundeswehr?

Sebastian Seifert (16), Schüler aus Polenz  "Ich möchte bei der Bundeswehr Offizier werden und studieren. Es geht in die technische Richtung, Reparatur von gepanzerten Fahrzeugen, irgendwas, was mit Mechanik zu tun hat. Meine Eltern waren erst nicht so begeistert, aber jetzt unterstützen sie mich."
Sebastian Seifert (16), Schüler aus Polenz "Ich möchte bei der Bundeswehr Offizier werden und studieren. Es geht in die technische Richtung, Reparatur von gepanzerten Fahrzeugen, irgendwas, was mit Mechanik zu tun hat. Meine Eltern waren erst nicht so begeistert, aber jetzt unterstützen sie mich."
Jessica Wehrmann (17), Schülerin aus Freital  "Ich interessiere mich sehr für eine Ausbildung bei der Bundeswehr und habe mich auch schon informiert. Für eine gute Ausbildung und gute Karrierechancen würde ich alles tun. Auch Auslandseinsätze und der Dienst mit der Waffe wären für mich kein Problem."
Jessica Wehrmann (17), Schülerin aus Freital "Ich interessiere mich sehr für eine Ausbildung bei der Bundeswehr und habe mich auch schon informiert. Für eine gute Ausbildung und gute Karrierechancen würde ich alles tun. Auch Auslandseinsätze und der Dienst mit der Waffe wären für mich kein Problem."
Benny Jungnickel (17), Gymnasiast aus Altenberg  "Prinzipiell könnte ich mir eine Karriere beim Bund vorstellen. Es gibt viele Aufgabenfelder und ein gutes Gehalt. Was mich abhält, ist die wachsende Wahrscheinlichkeit, in den Krieg zu müssen. Ich zweifle, ob berufliche Zukunft mir die Lebensgefahr wert wäre."
Benny Jungnickel (17), Gymnasiast aus Altenberg "Prinzipiell könnte ich mir eine Karriere beim Bund vorstellen. Es gibt viele Aufgabenfelder und ein gutes Gehalt. Was mich abhält, ist die wachsende Wahrscheinlichkeit, in den Krieg zu müssen. Ich zweifle, ob berufliche Zukunft mir die Lebensgefahr wert wäre."
Fabian Röttger (17), Azubi als Elektroniker, zu Besuch in Schöna  "Ich könnte mir eine Karriere beim Bund vorstellen, vielleicht bei der Marine. Mein Vater war auch da und hatte eine schöne Zeit, von der er oft erzählt. Ungern würde ich zu Auslandseinsätzen gehen. Aber Befehl ist Befehl, der muss dann ja ausgeführt werden."
Fabian Röttger (17), Azubi als Elektroniker, zu Besuch in Schöna "Ich könnte mir eine Karriere beim Bund vorstellen, vielleicht bei der Marine. Mein Vater war auch da und hatte eine schöne Zeit, von der er oft erzählt. Ungern würde ich zu Auslandseinsätzen gehen. Aber Befehl ist Befehl, der muss dann ja ausgeführt werden."

Die Bundeswehr sucht Nachwuchs. Jedes Jahr muss die Truppe rund 13 000 Zeitsoldaten gewinnen, zudem etwa fünftausend freiwillige Wehrdienstleister. Aus den Landkreisen Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Meißen sowie aus Dresden werden jährlich knapp fünfhundert Soldaten rekrutiert. Verantwortlich dafür ist vor allem Stephan Thamm, Chef des Dresdner Karrierebüros der Bundeswehr. Heute ist er nach Pirna gekommen und erzählt in einem graunüchternen Vortragsraum der Arbeitsagentur den Interessenten, was sie beim Bund werden können und wie.

Thamm, 33 Jahre, zierliche Statur, trägt ein blütenweißes Hemd mit goldbetressten Schulterstücken. Er ist Offizier der Marine, Kapitänleutnant, Kaleu, wie man landläufig sagt. Kaleu Thamm hat hier ein Heimspiel. Er ist in Dohna geboren und in Heidenau und Pirna aufgewachsen. Drüben, am Schiller-Gymnasium, hat er Abi gemacht. Damals hieß es noch Fetscher-Gymnasium. Wie stand es um seine Disziplin als Schüler? Der Kaleu feixt und erzählt von seinen Streichen, die ihm mehrere Verweise einbrachten. „Ich war ein echter Rüpel.“ Was ihm, dem Scheidungskind, fehlte, sagt er, war eine harte Hand. Die Armee hat ihn gelehrt, Verantwortung zu tragen. Die Hörner hat er sich dabei abgestoßen.

Ob die Hörner bei Danilo noch dran sind? Der 16-jährige Oberschüler, lang aufgeschossen, blond, hat sich in den Stuhl vor Thamms Schreibtisch gefaltet. Neben Danilo sitzt Claudia, seine Mutter. Danilo hat sich schon Gedanken gemacht. Er will Unteroffizier oder Feldwebel werden. Aber was ist besser für ihn: Der Truppendienst, eventuell bei den Fallschirmjägern, oder die technische Laufbahn als Mechaniker oder Elektroniker? Für Autos und alles, was PS hat, interessiert er sich jedenfalls. Ein Praktikum im Autohaus hat er schon hinter sich. Es hat ihm Spaß gemacht.

Das mit dem Praktikum gefällt dem Kaleu. „Früh aufstehen und schmutzig werden hat Ihnen also keine Schmerzen bereitet“, stellt er fest. Er überfliegt das Zeugnis. Mathe 2, Physik 3, Deutsch 3. Betragen, Fleiß und Ordnung 3 ? Da hakt er nach. „Gibt es Ablenkung?“ Eigentlich nicht, sagt Danilo. In der Fünften war er „ein bisschen chaotisch“. Seither ist es besser geworden. Hm. Der Kaleu liest weiter. „Also, die Vier in Bio, die muss echt nicht sein!“

Seit 15 Jahren ist Thamm schon Soldat. Als Seemann, unter anderem auf dem Segler Gorch Fock, hat er so ziemlich alles gesehen zwischen Nordnorwegen und Nordafrika und einen guten Batzen Menschenkenntnis angesammelt. Bei den Bewerbern, die vor ihm sitzen, fällt ihm vor allem ein Defizit an sozialen Kompetenzen auf. Er vermisst Teamgeist, Fairness, Verantwortungsbewusstsein und Verständnis für den Sinn des Soldatenberufs. Nicht wenige suchten beim Bund die gut bezahlte Ausbildung oder den sicheren Studienplatz. „Dabei vergessen sie, dass sie das hier tragen“, sagt Thamm und zupft sich an seinem weißen Diensthemd.

Danilo wird 17 sein, wenn er die Schule fertig hat, und Anfang 20, wenn er als Teamführer im Truppendienst mit seinen Befehlen zehn bis 15 Leute führt. Als Feldwebel geht es einem so ähnlich, wie einem Fußballtrainer, sagt Thamm. Man trifft Entscheidungen, die bei der Mannschaft nicht immer Beifall auslösen. „Ein bisschen Charisma kann da nicht schaden.“

Danilo braucht also Führungsqualitäten. Der Offizier lässt durchblicken, dass eine abgeschlossene Lehre für die Feldwebellaufbahn im Truppendienst von Vorteil wäre. Da hat man Lebenserfahrung gesammelt, Prüfungen bestanden, gelernt, in Hierarchien zu arbeiten, sagt Thamm. Danilo in eine Richtung drängen will er aber nicht. „Entscheiden müssen Sie“, sagt er.

Claudia, die Mutter, traut Danilo zu, dass er sich durchbeißt. Er kümmert sich schon um viele Dinge selbst, sagt sie. „Er ist kein Muttersöhnchen.“ Und wie steht es mit dem Berufsrisiko? Thamm hat davon gesprochen, dass die Längerdienenden auch ins Ausland müssen und dass es nicht ausgeschlossen ist, im Einsatz verletzt oder getötet zu werden. Was, wenn Danilo unter Beschuss gerät? „Das will man sich als Mutter gar nicht vorstellen“, sagt Claudia. Andererseits ist sie ein Mensch, der nicht gleich vom Schlimmsten ausgeht. Sie will sich später nicht vorwerfen lassen, sagt sie, ihrem Jungen den Beruf verbaut zu haben.

Kein Werben fürs Sterben! Protest dieser Art hat Kaleu Thamm mehrfach bei seiner Arbeit aushalten müssen, einmal sogar, vor einer Brandenburger Berufsschule, unter Polizeischutz. Sicher, die Truppe geht nicht mit den Gefahren hausieren. Das täten Polizei oder Feuerwehr genauso wenig, sagt Thamm. Im Beratungsgespräch aber kehrt er die Themen Tod und Verwundung nicht unter den Teppich. Spricht er vor Schulklassen, zeigt er auch das Foto eines zerstörten Patrouillenfahrzeugs, das 2008 in Afghanistan von einem Sprengsatz der Taliban getroffen wurde. Ein deutscher Soldat starb bei dem Anschlag.

Danilo hat sich entschieden. Er will die Uniform anziehen und Zeitsoldat werden. Den Bewerbungsbogen packt er gleich ein. Die Tage, an denen Stephan Thamm seine schicke Seemannskluft trägt, gehen indes zur Neige. Er hat bald ausgedient. Dann will er sein Glück in der freien Wirtschaft versuchen, sagt er, als Führungskraft in einem mittelständischen Unternehmen.