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Der Couchsurfer unter den Profs

An der TU erforscht Dmytro Inosov Neutronen. Daheim in seiner Wohnung begrüßt er Gäste aus aller Welt.

© Christian Juppe

Von Henry Berndt

Jedes Jahr ein neues Land. Mindestens. Das ist sein Ziel. „Mit zunehmendem Alter wird das natürlich schwieriger“, sagt Dmytro Inosov und lacht. Kirgisistan war in diesem Jahr Nummer 38, der Iran vor wenigen Tagen die 39. Wie so oft war es eine wissenschaftliche Konferenz, die den 38-jährigen gebürtigen Ukrainer dorthin führte. Dmytro ist Professor für Neutronenspektrokopie an der TU Dresden. Einfach gesagt, erforscht er die magnetischen Eigenschaften von neuartigen Materialien.

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Allein schon für alle seine Experimente muss er regelmäßig nach München und Grenoble. Nur etwa die Hälfte der Nächte eines Jahres verbringt er daheim in seiner Wohnung im Dresdner Süden. Sein Leben aus dem Koffer genießt er, auch wenn er es sich früher niemals so vorgestellt hat. Als er noch bei seiner Familie in der Ukraine lebte, wurde er durch Zufall auf eine freie Doktorandenstelle in Dresden aufmerksam und sollte sich innerhalb einer Woche entscheiden. Der Flug nach Dresden war seine erste Reise ins Ausland überhaupt. Da gab es einiges nachzuholen.

Inzwischen ist er seit vier Jahren Juniorprofessor. An der TU lehrt er auf Englisch und Deutsch, wobei er nie einen Sprachkurs besucht hat und sich sein Deutsch im laufenden Betrieb beibrachte.

Auch wenn er allein lebt, wird es ihm zu Hause so schnell nicht langweilig, denn an Gesellschaft mangelt es dem Herrn Professor nie. Dmytro ist leidenschaftlicher „Couchsurfer“, das heißt, er übernachtet gern in fremden Gästezimmern, vor allem aber nimmt er gern Gäste bei sich zu Hause auf. Kostenlos, aber keinesfalls umsonst, wie er betont. „Ich bekomme auf diese Weise, viel mehr, als ich gebe.“

Couchsurfing.org ist ein weltweites Netzwerk für Gastfreundschaft, das auf einer Onlineplattform basiert. Dmytro gehört zu den aktivsten Mitgliedern in Dresden, hat schon mehr als 100 Freunde und genauso viele Bewertungen früherer Gäste in seinem Profil, die sich in Lobhuldigungen gegenseitig übertreffen. Seit fünf Jahren ist er hier angemeldet. „Ich hatte vorher nicht so viele Kontakte in Dresden“, sagt er. „Couchsurfing ist ein gutes Fenster zur Welt, vor allem mal außerhalb der eigenen Fachkompetenz.“

Als er jüngst zur Konferenz in den Iran musste, organisierte er sich kurzerhand eine kostenlose Unterkunft bei einem Couchsurfer. „Die Reisekosten gehen ja von meinem Forschungsbudget ab“, sagt er. „Sparen ist also im eigenen Interesse.“

Auf dem Klappsofa in seiner Wohnung nimmt Dmytro in der Regel ein oder zwei Leute auf, im Ausnahmefall auch mal fünf. Damit sich alleinreisende Gäste nicht so einsam fühlen, hat Dmytro bei Ikea einen Kuscheltier-Elefanten namens Henry gekauft, der ihnen nachts Gesellschaft leistet.

Im Laufe der Jahre nahm der Professor schon Musiker aus Russland auf, die sich hier an der Hochschule für Musik bewarben und ein Pärchen aus den Niederlanden, das mit dem Fahrrad bis nach Japan fuhr. Aber auch Touristen bekommen bei ihm ein warmes Plätzchen, sofern sie halbwegs sozial interessiert wirken. „Ich mag keine Leute, die nur das Hotel nicht bezahlen wollen“, sagt er. „Ich suche potenzielle Freunde.“ Eine Reihe von ihnen sind ganz reale Freunde geworden.

Zum Beispiel eine junge Frau aus der Ukraine, der Dmytro spontan den Spreewald und Berlin zeigte. Neulich schickte er ihr kirgisische Pantoffeln. Mit anderen Couchsurfern übernachtet er schon mal in einer Höhle in der Sächsische Schweiz, geht wandern, angeln oder fährt mit ihnen nach Norwegen, zum Nordlichter-Gucken.

Überhaupt ist Norwegen eines von Dmytros Lieblingsländern. Bei aller Freude an Gesellschaft genießt er genauso auch die Weite und Einsamkeit, versucht Trubel aus dem Weg zu gehen. Als Doktorand reiste er mal allein per Anhalter durch Norwegen. Ohne Zelt. Als Pilger lief er später von Oslo nach Trondheim.

Wäre das nicht auch eine Heimat für ihn? „Wirklich zu Hause fühlen würde ich mich nirgendwo“, sagt er mit ernstem Gesicht. So ein Gefühl wie Heimat ist ihm fremd. Es sind mehr die Menschen, die ihn beschäftigen. „Egal, wo ich bin, ich will immer wieder weiter.“