Teilen: merken

Täve sorgt für Empörung

Um die Nominierung des Radsportidols Gustav-Adolf Schur für die Hall of Fame des deutschen Sports gibt es Diskussion. Jetzt meldet sich der 86-Jährige zu Wort - und verharmlost die DDR-Doping-Geschichte.

© dpa

Er verklärt den DDR-Sport, verharmlost die Doping-Geschichte und verhöhnt damit die Opfer. So lauten zumindest viele der Reaktionen. Radsport-Idol Gustav-Adolf Schur hat mit einem Interview für Entsetzen gesorgt. Die ohnehin schon hitzige Diskussion über die Nominierung von Täve für die Hall of Fame des deutschen Sports erreichte umgehend neue Dimensionen.

Symbolbild Anzeige
Anzeige

DSC unterliegt in Vilsbiburg mit 0:3

Die DSC Volleyball Damen haben es nach der 2:3-Niederlage gegen Aachen nicht geschafft, in die Erfolgsspur zurückzukehren. 

Die Stiftung Deutsche Sporthilfe, einer der drei Träger der virtuellen Ruhmeshalle, distanzierte sich von Schur. Ein Rückzug der Nominierung blieb jedoch aus – auch weil der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), von dem die erneute Nominierung des DDR-Vorzeigesportlers ausging, auffallend zurückhaltend reagierte.

„Der DDR-Sport war nicht kriminell, sondern vorzüglich aufgebaut: Der Aufbau der sportlichen Gesundheit der Bevölkerung aus den Kindergärten heraus über den Schulsport bis hin zu den Leistungssporteinrichtungen war einmalig“, hatte Schur der Zeitung Neues Deutschland gesagt. Der Sport in der DDR sei „gut“ gewesen, so der 86-Jährige – weil er „beispielhaft den Aufbau der Gesundheit vorantrieb und dabei auch noch international erfolgreich war“. Er kenne „diese Berichte“ über Minderjährigendoping in der DDR, ergänzte Schur, ging aber nicht weiter darauf ein.

Die Frage sei, „was wir denn noch vom Westdoping in Erfahrung bringen können“, entgegnete er und meinte: „Nur soviel: Wir hatten in der DDR keine Dopingtoten, anders als im Westen.“ Er erwähnte in diesem Zusammenhang den Tod der Leichtathletin Birgit Dressel vor 30 Jahren. Die Kritik an seiner Nominierung für die Hall of Fame bezeichnete Schur als „gezielte Provokation“.

Ines Geipel, Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe, protestiert vehement gegen die Aufnahme vor allem von Schur, mit der man „die Ehrenhalle implodieren“ lassen würde. „Es beschädigt die Fair-Play-Sportler, die schon drin sind“, sagte sie und reagierte auf das Interview mit Empörung. „Schur blendet historische Wahrheiten nicht einfach aus, sondern lügt besseren Wissens. Das hat was Scheußliches, ist aber seit langem bekannt. Seine Nominierung für die Hall of Fame ist mehr denn je untragbar“, betonte Geipel.

Hall-of-Fame-Mitglied Henner Misersky, der als Skilanglauftrainer in der DDR Dopinggaben verweigert hat, warnte, dass der deutsche Sport mit diesen Auszeichnungen „seine Lebenslüge“ weiter zementiere.

Schur, unter anderem Weltmeister von 1958 und 1959 sowie von 1958 bis 1990 Abgeordneter der DDR-Volkskammer, kultiviert laut Misersky bis heute seine Treue zum Unrechtsstaat DDR. Die einstige Weitspringerin und ebenfalls nominierte Heike Drechsler, Olympiasiegerin 1992 und 2000, sei durch Doping sowie Stasi-Mitarbeit disqualifiziert, meinte Misersky.

Schwierig, etwas zu hinterfragen

Drechsler wies die Vorwürfe stets zurück. „Mit zwölf Jahren wohnte man im Internat, hatte seine Sportmedizin vor Ort, ging da zum Arzt. Da dachtest du ja, es ist alles richtig. Wenn man mit einer rosaroten Brille erzogen wurde und sah nichts anderes rechts und links, war es natürlich schwierig, etwas kritisch zu hinterfragen“, sagte sie vergangenen Oktober in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung.

Sporthilfe-Chef Michael Ilgner meinte, dass zu den Sporthilfe-Werten Leistung, Fair Play, Miteinander das Bestreben gehöre, „Brücken zu bauen, dabei aber auch notwendige Kontroversen auszuhalten“. Schurs jüngste Aussagen „passen jedoch nicht zu unserem Werte-Leitbild“.

In diesem Punkt äußerte sich der DOSB nahezu wortgleich, verzichtete auf dem sportpolitischen Minenfeld aber auf Kritik. „Eine Hall of Fame ist eine besondere Herausforderung und muss auch Widersprüchlichkeiten wie gesellschaftliche Brüche aushalten. Dadurch trägt sie zur Diskussion über kritische Themen im Sport bei“, heißt es in einer Erklärung. Angeblich hat der Dachverband Schur auf Druck zahlreicher ostdeutscher Mitglieder nominiert. Bereits 2011 gehörte Schur zu den Anwärtern auf die Hall of Fame, wurde aber von der Jury-Mehrheit abgelehnt.

Gut möglich, dass dies nun wieder passiert. Derzeit sind insgesamt 93 Juroren stimmberechtigt, darunter die noch lebenden Mitglieder der Ruhmeshalle. Für eine Aufnahme muss mindestens die Hälfte der abstimmenden Mitglieder mit „Ja“ stimmen. Die Wahl läuft bereits, einen konkreten Stichtag für das Ende gibt es derzeit nicht. (sid, mit SZ, dpa)