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Der einsame Tod des Holli K.

Viele Jahre waren die Straßen im Kiez Holgers Zuhause. Plötzlich und vollkommen unerwartet ist der Obdachlose nun gestorben.

© Katja Frohberg

Von Ulrike Kirsten

Am Ende fehlte Holger offenbar die Kraft, noch einen Schritt mehr zu gehen. Bis zuletzt blieb der Wunsch nach der eigenen Wohnung sein größter Traum. Doch gegen das größte Schreckgespenst in seinem Leben hatte Holger keine Chance. Der Alkohol hatte längst Spuren an dem 54-Jährigen, den auf der Straße alle nur Holli nannten, hinterlassen. In den letzten Monaten hatte der obdachlose Mann so stark abgenommen. Am 5. Januar, einem kalten Montagmorgen, fand man Holger gegen 0.30 Uhr leblos in der Vorhalle des Neustädter Bahnhofes. An einem seelenlosen Ort, durch den das Leben sonst schnell hindurchhetzt, stirbt Holger einen traurigen, einsamen Tod.

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In der Neustadt, seinem Kiez, fühlte er sich zu Hause. Länger als ein Jahr übernachtete der Obdachlose in einer Tiefgarageneinfahrt in der Kamenzer Straße. Irgendwann hatte ein Unbekannter Holgers Traum an die karge Wand gemalt, den von der eigenen Wohnung. Doch die Idylle trog. Zwar hatte Holger Bekannte im Kiez, man plauschte miteinander. Mal ging es da um die großen Dinge des Lebens, mal gab es Streit. Viele Neustädter beäugten den Obdachlosen trotzdem kritisch. Der Hausverwalter des Gebäudes ließ schließlich einen Zaun in der Durchfahrt aufstellen, weil es immer wieder Beschwerden gab.

Irgendwann, Anfang des vergangenen Jahres, verschwand Holger von der Kamenzer Straße, zog weiter durch die Neustadt. „Holger war ein freundlicher Kerl, sehr zugänglich und extrovertiert, aber er konnte auch aggressiv und ziemlich barsch werden. Wir haben viel über die Sache mit der Kamenzer Straße diskutiert. Ich fand, er war dort fehl am Platz“, sagt Gert Scharf. Für den Chef der Dresdner Heilsarmee war Holger Krenzler dennoch mehr als Klient oder bloße Karteinummer. „Ich kannte ihn, seit meine Frau Rosi und ich 2011 nach Dresden gekommen sind. Er kam regelmäßig, wenn wir mit dem Einsatzwagen am Bischofsplatz waren. Er war ein Freund.“ Dort, wo sich beide kennenlernten, hat Gert Scharf vor wenigen Tagen von Holgers Tod erfahren. „Seine Kumpels haben mir erzählt, dass er tot sein soll. Ich habe dann sofort die Polizei angerufen, die mir das bestätigt hat“, sagt Gert Scharf. „Es war wohl kein Kältetod, aber sein Gesundheitszustand war so angegriffen, dass das sicherlich einen Anteil an seinem Tod hatte.“ Seit Holger nicht mehr auf der Kamenzer gelebt habe, erzählt der Divisions-Sergeant der Heilsarmee, sei er nur noch selten zum Einsatzwagen gekommen. Auch das letzte Weihnachtsessen, von dem Holger immer geschwärmt hatte, ließ er verstreichen. „Er hatte körperlich stark abgebaut, zuletzt viel getrunken. Wir haben viel versucht und geredet, am Ende war es Holgers Entscheidung, dass er keine Hilfe wollte.“

Mit Burg in Sachsen-Anhalt, der Stadt, in der Holger fast 50 Jahre lebte, hatte der obdachlose Mann abgeschlossen. Zu sehr schmerzten die Erinnerungen. Nach der Scheidung von seiner Frau verfiel er dem Alkohol. Immer tiefer geriet Holger anschließend in den Schuldensumpf. Bis er ganz darin versank. Er flog aus seiner Wohnung, lebte im betreuten Wohnen und landete schließlich auf der Straße. Nur selten zeigte der Mann, der seine Traurigkeit im Gespräch hinter Ironie und Sarkasmus versteckte, seine wahren Gefühle. Wenn er von seinen erwachsenen Töchtern und den vier Enkelkindern erzählte und sich anschließend mit schnellen Handbewegungen die Tränen aus dem Gesicht wischte.

Bevor er in die Neustadt kam, hatte Holli in Leipzig gelebt und war nach Griechenland getrampt, um das Grab seines im Krieg gefallenen Großvaters zu suchen. Das hatte er seiner Großmutter versprochen. „Es ist erstaunlich, aber Fremden hat er von Gott und der Welt erzählt. Aber je länger man ihn kannte, umso schwerer fand man Zugang zu ihm“, sagt Gert Scharf. „Man musste Geduld mit ihm haben und sich einen klaren Blick bewahren. Holger war gut darin, sich vieles schönzureden.“

Holgers Tod ist für Scharf schmerzhaft, aber auch Ansporn, weiter um die zu kämpfen, die die Gesellschaft längst aufgegeben hat, denen Freund zu sein, die keine Freunde mehr haben. „Man muss mehr Geld in Projekte für sozial Bedürftige und Obdachlose stecken. Daran kann aber nur die Politik etwas ändern.“ Der Gedanke, dass Holger allein und anonym unter der Erde verschwinden könnte, lässt Gert Scharf nicht los. „Ich werde alles dafür tun, dass er ein anständiges, würdevolles Begräbnis bekommt.“