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Der erste Nagel im Sarg des Kommunismus

Ungarn. Der legendäre Volksaufstand gegen den Stalinismus jährt sich im Herbst zum 50. Mal.

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Von Gregor Mayer,Budapest

Mit ihrer Revolution im Herbst 1956 haben die Ungarn die sowjetische Vorherrschaft herausgefordert wie sonst niemand im Machtkreis Moskaus vor oder nach ihnen. Die Hauptmerkmale der Ordnung sowjetischen Typs – die Einparteienherrschaft, die Diktatur des Sicherheitsapparats, die staatsmonopolistische Vergesellschaftung der Volkswirtschaft – wurden hinweggefegt.

Der Preis, den Ungarn bezahlte, war enorm. Der Gewalt fielen 2 700 Ungarn zum Opfer, darunter auch Hunderte unbewaffnete Zivilisten, die in Massakern der Sicherheitskräfte umkamen. Nach der Niederschlagung der Revolte ließ der neue Statthalter Moskaus, Janos Kadar, unter sowjetischer Anleitung eine harte Vergeltungsjustiz walten. 229 an der Revolution beteiligte Männer und Frauen, an der Spitze der Ministerpräsident der Revolution, Imre Nagy, und seine politischen Weggefährten, wurden hingerichtet, etwa 22 000 ins Gefängnis geworfen, 16 000 interniert. Rund 200 000 Ungarn flüchteten in den Westen.

Stillhalten verordnet

Doch als Kadar mit dem Hinrichtwen und Einsperren fertig war, bot er seinen eingeschüchterten Landsleuten einen Handel an: kleine Freiheiten gegen Stillhalten. In den über drei Jahrzehnten seiner Herrschaft wurde Ungarn zum Land mit den relativ größten Freiräumen im Ostblock. Die Erinnerung an 1956 und der Wunsch nach wirklicher Freiheit fielen der Verdrängung anheim und lebten lediglich in den Untergrundpublikationen der Dissidenten weiter.

Die sowjetische Führung schwankte in den entscheidenden Tagen zwischen den Bemühungen Nikita Chruschtschows um eine Entstalinisierung und den Erfordernissen des Machterhalts in ihrem europäischen Vorhof. Am 30. Oktober verabschiedete die Partei- und Staatsführung in Moskau eine beachtliche Erklärung über die Respektierung der Gleichrangigkeit der anderen sozialistischen Länder. Am nächsten Tag ruderte man im KPdSU-Präsidium, auch unter dem Eindruck des eben ausgebrochenen Suez-Krieges, wieder zurück. „Wenn wir uns aus Ungarn zurückzögen, würde dies die amerikanischen, englischen und französischen Imperialisten ermuntern“, argumentierte Parteichef Chruschtschow. „Sie würden uns dies als Schwäche auslegen und zum Angriff übergehen.“

So beschloss Moskau die Niederwerfung der ungarischen Revolution. Janos Kadar, der am 2. November vor das KPdSU-Präsidium zitiert wurde, um vom Mitstreiter Imre Nagys zum Handlanger der kommunistischen Restauration „umgedreht“ zu werden, gab damals noch zu bedenken: „Die Zerschlagung des Aufstands mit bewaffneter Gewalt bedeutet Blutvergießen. Was kommt danach? Die moralische Position der Kommunisten wird gleich Null sein.“

So war denn auch nach dem brutalen Abwürgen der ungarischen Emanzipationsbestrebungen der Ansehensschaden für den Weltkommunismus offensichtlich irreparabel. Der jugoslawische Dissident Milovan Djilas („Die neue Klasse“) stellte bereits im Augenblick der Niederwerfung der 56er-Revolution fest: „Die Revolution in Ungarn bedeutet den Anfang vom Ende des Kommunismus.“ Man kann auch sagen: Sie war der erste Nagel im Sarg des Kommunismus.