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Der falsche Mönch

Michael Görmaar-Parsch erntet mit seinen Ablassbriefen starke Ablehnung bei manchen Christen. Gekauft werden die Vergebungszettel trotzdem.

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Von benjamin Schuke

Besinnlich ist es in Michael Görmaar-Parschs Küche. Ein hölzerner Lampenschirm mit Räuchermännchenfigur hängt über dem Holztisch, Natur- und Geschichtsbilder zieren die Wand. Die zehn Monate alte Johanna auf seinem Arm versucht, den Schnuller auf dem Tisch zu erhaschen. Ein breites Lächeln ziert die breiten Wangen von Bruder Ignatius, wie er sich selbst nennt. Die heiteren dunklen Augen spiegeln einen wachen Geist wider.

Der neongelbe Spruch „Globsch och“ auf seinem schwarzen T-Shirt zeigt, dass die Sache mit der Bewerbung zum Papst im letzten Jahr nicht so ganz ernst war. Etwas ernster ist ihm dafür der Spaß mit den Ablassbriefen, die er auf Mittelaltermärkten verkauft.

„Das fing mit unserer 700-Jahrfeier in dem Dörfchen Ablaß an, wo ich herkomme“, sagt der 35-jährige Kindergärtner mit dem Mönchshaarschnitt. „Mein Vater, der im Kirchenvorstand ist, fragte mich damals, ob ich nicht einen Ablasshändler darstellen wolle. Da hab ich gesagt:Klar. Nachdem wir dann Ablassbriefe entworfen und beim Bürgermeister kostenlos kopiert hatten, verkauften wir diese für 50 Cent das Stück beim Fest.

Weil er von den Vergebungsblättchen 150 Stück an den Mann gebracht hatte und ihm das gefiel, entwickelte Michael Görmaar-Parsch diese Idee weiter. „Auf den Mittelaltermärkten wollen alle immer Ritter und Wikinger sein. Aber ich sage, zur Gesamtheit gehört eigentlich auch die Kirche dazu. Sie war das hauptbestimmende soziale System damals. Die hat sich von der Wiege bis zur Bahre um alles gekümmert. Also stelle ich dieses Element dar.“ Um sich auf historischen Märkten in einen Mittelaltermönch verwandeln zu können, ließ sich der dreifache Vater eine Dominikanerkutte schneidern und baute sich einen Verkaufsstand aus Holz. Darin liegen neben selbst gefertigten Kirchenstühlen gelbliche Brieflein mit verzierten Kreuzen und altdeutscher Schrift. Zu lesen ist über abgestempeltem roten Siegellack: „Mit diesem Ablassbrief sei dem Besitzer die Erlaubnis erteilt, in den nächsten 365 Tagen allen Künsten der Zauberei und der Hexerei zu frönen. „Ich hab auch welche für Völlerei, Wollust oder Hausaufgaben nicht machen“, sagt Michael Görmaar-Parsch. Die Untreue-Ablassbriefe seien eher die Ladenhüter. „Rülpsen und Furzen ist dieses Jahr der Renner gewesen.“ Den Spaß und die anfangs empörten Reaktionen sei die Aufgabe wert, weil der Wahl-Leipziger so mit allerhand Leuten verschiedener geistiger Couleur ins Gespräch komme. „Junge, Alte, Akademiker, Nichtakademiker; im Grunde erreiche ich sehr viele verschiedene Menschen“, sagt er.

Auch ernsthafte Gespräche ergeben sich so. „In Wittenberg gab es mal einen, der wirklich beichten wollte. Er war von der katholischen zur evangelischen Kirche konvertiert und das hat ihn wahnsinnig beschäftigt.

Nach katholischer Meinung ist man dann verloren. Ich habe zwar gesagt, das ist nur eine historische Imitation hier, aber wenn du jemanden zum Zuhören brauchst, dann bin ich für dich da. Er wollte einen speziellen Ablassbrief. Ich habe ihm schließlich einen geschrieben, in dem stand, dass Konvertierung keine Todsünde sei, sondern seine freie Entscheidung.“

Kritik und Geringschätzung bekomme er von so mancher evangelischen Gemeinde vor allem in Wittenberg. „Da wurde ich verrufen und niedergebrüllt.“ Sein eigener Pfarrer sieht es dagegen gelassen. „Für den ist das eine Art der Mission. Ich brächte die Leute zum Nachdenken“, sagt Michael Görmar-Paarsch.

Durch Zufall kam dann noch die Idee hinzu, mittelalterliche Trauungen anzubieten. „Gerade auf dem Wave-Gothic-Treffen kann ich mich vor Anfragen von Trauwilligen kaum retten. Da steh‘ ich dann ab früh halb zehn und vermähle symbolisch die Verliebten und nachts halb drei, wenn ich dann auch mal nach Hause will, sind die stinksauer und lassen mich nicht weg.

Ich mache den Anfang immer ganz lustig, Beichten oder Eheprüfungen ablegen. Dann kommt es zur Trauung mit einer mittelalterlichen Predigt, die ernsthaft angelegt ist. Das schönste Erlebnis ist immer, zu sehen, wenn ein Paar sich wirklich liebt. Dann sieht man die Tränen kullern. Das ist der Moment, wo ich sage: Wow, das ist Liebe.“

Michael Görmar-Paarsch bietet auch echte Trauungszeremonien für Leute an, die sich aufgrund von Verschiedenheiten nicht zu einer kirchlichen Trauung entschließen können. Sein Anliegen bleibt die Auseinandersetzung mit den Religionen. „Was wollen denn die Weltreligionen? Dass wir barmherzig und gewaltfrei sind“, sagt der junge Vater und verweist darauf, dass die Jesus-Geschichte im Koran viel ausführlicher stehe.