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Der falsche Scheich

Im Internet findet eine Riesaerin ihre große Liebe. Sie ahnt nicht, dass sie einem Betrüger aufgesessen ist.

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© Symbolbild/dpa

Von Stefan Lehmann

Riesa. Elvira F.s* Geschichte klingt zu schön, um wahr zu sein: Über ein Partnerportal im Internet lernt die Riesaerin Anfang 2014 einen Mann kennen. Der stellt sich als Scheich Jahanzeb Ahmad Laba vor. Die Beziehung zwischen der Frau und ihrem Prinzen läuft gut, auch wenn er sie nur einmal in der Woche in Riesa besuchen kann.

Das Paar kennt sich erst wenige Wochen, als Elvira F.s Schwester vor der Tür steht. Sie hat sich von ihrem Lebensgefährten getrennt, sucht eine neue Wohnung. Der Scheich bietet seine Hilfe an. Er kenne da einen Makler aus München, der ihr eine Wohnung vermitteln könne. Schließlich entscheidet sich die Schwester für eine Wohnung. Vor dem ersten Termin soll sie noch die Kaution an den Makler überweisen – insgesamt 980 Euro. Weil ihre Schwester nicht alles aufbringen kann, hilft ihr Elvira F. noch mit 300 Euro aus.

Was sie nicht weiß: Den Scheich Jahanzeb Ahmad Laba gibt es überhaupt nicht. Ihr Liebhaber heißt eigentlich Jahanzeb I., lebt in einem Männerwohnheim in Dresden, ist Hartz-IV-Empfänger – und gerade erst auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen worden. Das Geld an den vermeintlichen Makler ist auf seinem Konto gelandet.

Es ist nicht das erste Mal, dass Jahanzeb I. eine Frau um den Finger wickelt. Der gebürtige Pakistaner hatte sich schon 2011 und 2012 gegenüber zwei anderen Frauen unter falschem Namen als wohlhabender Autohändler vorgestellt und unter verschiedenen Vorwänden Geld von ihnen geliehen. Einmal ging es um 1 500 Euro für ein angebliches Gebrauchtwagengeschäft in Saudi-Arabien, ein anderes Mal um angebliche Arztkosten während einer Auslandsreise. Mehr als 30 000 Euro knöpfte er den beiden Frauen insgesamt auf diese Weise ab. Erst als er seine eigene Entführung fingierte und eine Ablösesumme von 25 000 Euro forderte, kam ihm sein zweites Opfer auf die Spur – und I. ging wegen 17-fachen Betrugs ins Gefängnis. Von dem Geld waren da nur noch 1 500 Euro übrig, den Rest hatte er in Spielhallen verzockt.

Unerwartete Vaterfreuden

Auch der Fall aus Riesa landet vor Gericht. Dort gesteht der heute 40-Jährige seine Tat vom Fleck weg. „Ja, es war so: Er hat betrogen“, sagt Rechtsanwalt Werner Siebers. Aber dass er schon mit Betrugsabsichten den Kontakt zu Elvira F. aufgenommen haben will, sei nicht zu beweisen. Er habe eine Gelegenheit gesehen und dann ausgenutzt. Der Rechtsanwalt verweist außerdem darauf, dass sich der falsche Scheich mittlerweile um Wiedergutmachung bemüht hat. „600 Euro sind bereits zurückgezahlt.“ Den Rest werde I. in der nächsten Zeit auch noch zahlen. Schließlich habe er jetzt nach Jahren endlich eine Stelle bei einer Zeitarbeitsfirma gefunden. Auch der Angeklagte selbst appelliert an Gericht und Staatsanwaltschaft, ihm noch eine Chance zu geben: „Wenn ich ins Gefängnis gehe, fange ich danach wieder bei Null an.“

Dass die Beziehung zwischen dem falschen Scheich und seiner Geliebten nach etwa vier Monaten schließlich zu Ende gegangen ist, hatte übrigens mit der Betrugsaktion nichts zu tun. „Ich wurde schwanger von ihm“, erklärt Elvira F. „Zuerst hat er sich gefreut, danach wollte er, dass ich abtreibe.“ Daran sei die Beziehung gescheitert. Mit ihrem nächsten Satz sorgt die Zeugin dann für Erstaunen bei Richter und Verteidigung: „Das Kind habe ich trotzdem behalten.“ Selbst der Vater wusste bislang nichts davon. Er fragt noch im Gerichtssaal, ob er ein Foto seiner Tochter sehen könne. Richter Herbert Zapf muss ebenfalls schmunzeln. Dass ein Angeklagter bei Gericht erfährt, dass er Vater geworden ist, sei schon „ein denkwürdiger Vorgang.“

Einer Bestrafung entgeht Jahanzeb I. trotz dieser Vaterfreuden nicht. Bis zu fünf Jahre Haft sieht das Gesetz für Betrug vor, die Staatsanwaltschaft fordert sieben Monate Gefängnis. In seinem Urteil geht der Richter sogar darüber hinaus, setzt die einjährige Haft allerdings zur Bewährung aus. Zwar habe Jahanzeb I. einen Bewährungsbruch begangen, aber die Tat liege mittlerweile lange zurück. Seitdem sei er um Redlichkeit bemüht. „Ich halte eine empfindliche Freiheitsstrafe für angezeigt, damit Sie nicht wieder in diese Muster verfallen“, sagt Herbert Zapf. Zusätzlich zur Bewährungsstrafe muss Jahanzeb I. Ende September die übrigen 380 Euro an das Betrugsopfer zahlen. Und weil er auch noch Vater ist, wie sich während der Verhandlung herausgestellt hatte, soll er künftig jeden Monat 100 Euro Unterhalt zahlen. Die Mutter seines Kindes scheint dem falschen Scheich mittlerweile vergeben zu haben: „Ich hoffe, dass es ihm trotz allem gut geht.“

*Name geändert.