Merken

Der feuchte Traum von der Wasserstadt

Serbiens Dubai an der Save? Am Projekt eines neuen Luxusviertels scheiden sich in Belgrad die Geister.

Teilen
Folgen
© mauritius images

Von Thomas Roser, SZ-Korrespondent in Belgrad

Duftspender verbreiten in den hohen Hallen einen süßlichen Geruch. Aus unsichtbaren Lautsprechern perlen dezent pulsierende Rhythmen. Uniformierte Hostessen tippeln im Informationszentrum für „Belgrad am Wasser“ um das Modell der neuen Satelliten-Stadt. „Dies wird das Rückgrat“, flötet eine blonde Schönheit und weist auf den sich im Bogen zwischen den Miniatur-Glastürmen windenden Modell-Boulevard.

Wenige Hundert Meter entfernt künden an der künftigen „Belgrad Wasserfront“ nur die Fahnen des Investors und die Ruinen halb abgerissener Werkstätten von dem umstrittenen Milliardenprojekt. Dort, wo nach den Plänen von Serbiens nationalpopulistischer Regierung und des Baukonzerns „Emaar Properties“ aus den Arabischen Emiraten Geschäftsleute zwischen Büro-Türmen und Shopping-Malls des neuen Luxus-Viertels flanieren sollen, treibt angeschwemmter Unrat zwischen verrosten Flusskähnen.

„Dieses Projekt wird ganz Serbien voranbringen“, verspricht Regierungschef Aleksander Vucic. „Vielen scheint das ein Märchen. Aber wir verändern Belgrad – und das Gesicht Serbiens: Das ganze Land wird glänzen wie diese Hochhäuser!“

Wird Serbiens geschundene Hauptstadt zum blinkenden Dubai an der Save? Zumindest die offizielle Website verheißt ein Satellitenviertel der Superlative. Ob der höchste Turm oder die größte Shopping-Mall auf dem Balkan, Scheich und Emaar-Chef Mohamed Alabbar soll es möglich machen: Drei Milliarden Dollar will der Mann aus dem Morgenland in 1,8 Millionen Quadratmeter investieren. Wie hoch die Kosten für den Staat sind und welchen Nutzen Serbien davon hat, ist ungewiss: Bis auf wenige unterzeichnete Absichtserklärungen wurde noch kein Vorvertrag veröffentlicht.

So wie das Save-Ufer derzeit aussehe, „will es niemand“, versichert der Architekt Dragoljub Bakic: „Aber ein Uferpark, den alle Belgrader genießen könnten, wäre die bessere Lösung.“ Weder habe Belgrad das Wasser noch den Strom für die neue Satellitenstadt, so das Mitglied von Serbiens Architektur-Akademie AAS. Für das neue Viertel müsse die Stadt milliardenschwere Investitionen in die Erschließung des Areals stemmen: „30 Gebäude über 100 Meter und eines fast 200 Meter hoch: Dieser Raum kann weder diese Enge noch die gigantische Quadratmeterzahl konsumieren.“

Tatsächlich sind in Belgrad bereits jetzt 100 000 Quadratmeter an Bürofläche nicht zu vermieten. Als „feuchten Traum“ des Premiers verspotten Kritiker das Milliardenprojekt. Die Vorbereitungen und die Ankündigung des Baubeginns für den Sommer lassen jedoch nun die Gegner entschlossener die Öffentlichkeit suchen. „Belgrad am trüben Wasser“, titelt angesichts der zahlreichen Ungereimtheiten das Wochenblatt „Vreme“. Unzählige Verstöße gegen heimische Gesetze und internationale Konventionen macht der  AAS beim Durchpeitschen des Vorhabens aus. Für sein Lieblingsprojekt habe der Premier das Parlament und den Stadtrat in „Zustimmungsmaschinen“ umgewandelt, klagt der AAS.

Auch Bakic plädiert für eine Denkpause und die übliche Ausschreibung eines internationalen Wettbewerbs. Denn in der derzeitigen Konzeption sei „Belgrad am Wasser“ für die Stadt eine „Gefahr“: „Sie sagen, dass wir gegen Entwicklung sind. Aber eine Stadt kann sich nicht auf dem Rücken seiner Bürger entwickeln.“

Die Kritik an dem Großprojekt ist in den von der Regierung weitgehend kontrollierten Medien bisher nur begrenzt zu vernehmen. Von den Einwänden zeigt sich das Kabinett kaum beeindruckt. „Bürger, kauft Wohnungen“, kündigte Belgrads Oberbürgermeister Sinisa Mali im März den Start des offiziellen Verkaufs der ersten Luxus-Appartements an. Nicht nur weil bisher weder deren Preis noch Größe bekannt sind, löste der Aufruf eine Flut höhnischer Internet-Kommentare aus. In einem Land, in dem die Durchschnittslöhne bei 400 Euro liegen, ist das Verständnis für das Luxusviertel begrenzt. „Sie beginnen mit dem Verkauf von Nebel für alle Idioten mit Kohle“, ätzte auf dem Portal des TV-Senders B 92 ein anonymer User. „Es scheint, als ob die in einem Parallel-Serbien leben, in dem Häuser aus Schokolade und Fenster aus Marmelade sind“, höhnte ein anderer. 

Auf der Rathaustreppe haben die Streiter der Bürgerinitiative „Lasst uns Belgrad nicht versenken“ symbolisch eine aufblasbare Rettungsente platziert. Die Stadt müsse nach den Bedürfnissen ihrer Bürger und nicht nach Wunsch eines Investors entwickelt werden, fordert deren Sprecher.