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„Der Film berührt mich noch immer“

Der Journalist Georg Mascolo dreht 1989 im Gefängnis in Zeithain – und löst damit eine Revolte aus.

Von Antje Steglich
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Ein Bild aus dem Beitrag des Spiegel TV Magazins „Revolte im Polit-Knast“. Der Film wurde am 7. Dezember 1989 gedreht, am 10. Dezember 1989 ausgestrahlt – und ist noch immer im Internet bei Spiegel TV zu sehen. Das Durchschnittsalter der Gefangenen lag da
Ein Bild aus dem Beitrag des Spiegel TV Magazins „Revolte im Polit-Knast“. Der Film wurde am 7. Dezember 1989 gedreht, am 10. Dezember 1989 ausgestrahlt – und ist noch immer im Internet bei Spiegel TV zu sehen. Das Durchschnittsalter der Gefangenen lag da © Foto: Spiegel TV

Zeithain. Der Film vom Spiegel-TV-Team aus der Strafvollzugseinrichtung Zeithain ist ein besonderer: Der Dreh löst im Dezember 1989 eine friedliche Revolte der Häftlinge aus, die ihnen am Ende des Tages nicht nur Mitspracherechte einbringt, sondern vielen politischen Gefangenen am nächsten Tag auch die Amnestie. Die SZ sprach dazu mit dem damaligen Redakteur Georg Mascolo.

Herr Mascolo, der Strafvollzug in der DDR war ein Tabuthema. Es gibt vor 1989 keine einzige Veröffentlichung zum Zeithainer Gefängnis – nicht mal von der Eröffnung. Wieso konnten Sie als Fernsehteam morgens um vier einfach so rein spazieren?

Das haben wir alles selbst organisiert. Spiegel TV war damals ein kleines Unternehmen. Wir waren immer nur zu dritt unterwegs: der Kameramann, der Tonmann und ich. Es gab damals keinen Producer und Leute, die vorher hingefahren sind und alles arrangiert haben. Wir sind einfach ins Land gefahren.

Warum haben Sie gerade in Zeithain halt gemacht?

Zeithain galt damals als das modernste Gefängnis der DDR. Das war der Grund, warum ich dort war.

Im Film werden Sie vom Leiter der Einrichtung, Oberstleutnant Günther Hoffmann, herumgeführt. Sie hatten Einblick in die Zellen und konnten sich überall umsehen. Wo war die ganze Macht des DDR-Systems geblieben?

Man konnte überall sehen, dass die Autorität des Staates zerfallen war. Es gab eine große Unsicherheit. Da haben sich Türen geöffnet, die vorher verschlossen waren. Wir waren frühmorgens um vier zum Aufstehen da und bis abends dort. Die meiste Zeit war der Oberstleutnant oder ein Wärter bei uns. Woran ich mich aber überhaupt nicht erinnern kann, dass sie gesagt hätten, das dürft ihr und das dürft ihr nicht.

Als die Häftlinge von dem Fernsehteam erfahren, verweigern sie die Arbeit und fordern Gespräche mit der Anstaltsleitung. Haben Sie das anderswo in dieser Form noch einmal erlebt?

Das war auch für uns einzigartig. Unser Auftauchen hat ausgelöst, dass die Revolution auch die Haftanstalt erreicht hat. Naturgemäß hat die die Menschen, die einsaßen, am spätesten erreicht. Die Häftlinge in Zeithain haben aber an diesem Tag erkannt, das ist unsere Möglichkeit zu sagen: So wie es war, geht es nicht weiter. Die Leitung geriet in die Defensive – das war aus meiner Sicht der entscheidende Moment. Der Aufbruch alter Ordnung. Die Haftanstalten waren zuvor ja Teil des Unterdrückungsapparates.

Im Film sieht man die aggressiven Hunde, die zwischen den Mauern patrouillieren. Die engen Zellen. Die Arbeitsbedingungen im Stahlwerk. Und im Keller gibt es ein Kosmonautenzentrum, wie es die Häftlinge nennen, wo Männer an Händen und Füßen gefesselt in Einzelgewahrsam genommen wurden. Was hat Sie an diesem Tag am meisten berührt?

Das Aufstehen der Häftlinge, als wir reinkamen, und sie applaudiert haben – das hat mich bewegt. Unsere Anwesenheit war für sie ein Stück Befreiung. Die Leitung wurde gezwungen, sich erstmals mit den Häftlingen auseinanderzusetzen. Es ging um Gewalt, um die Überwachung der Häftlinge – diese Fragen wurden vorher nicht gestellt. Es hat mich berührt, wie dankbar die Männer waren. Es hätten sicher auch andere sein können, die das bewirkt hätten. Ein Bürgerkomitee zum Beispiel. Aber in diesem Fall waren es wir.

An welchen besonderen Orten haben Sie 1989 noch gedreht?

Ich war auch in Hoheneck, habe dort mit KZ-Wärterinnen und Mörderinnen gesprochen. Ich habe mit der stellvertretenden Leiterin gesprochen, die in einer bemerkenswerten Offenheit darüber sprach, dass der Gedanke der Resozialisierung überhaupt nicht da war. Ich war im Kernkraftwerk Lubmin, das ist vorher undenkbar gewesen … Ich habe die gesamte Wendezeit und weit über den Tag der Einheit hinaus mit der Dokumentation der Geschehnisse verbracht. Ich habe die Bilder vom Mauerfall an der Bornholmer Straße gemacht, die zum Unesco-Welterbe gehören. Es war die deutsche Revolution – und wir hatten den Ehrgeiz, darüber zu berichten.

Vor unserem Interview haben Sie den Film aus Zeithain nach vielen Jahren erstmals wieder angeschaut. Würden Sie den heute noch genauso machen?

’89 war ich gerade 25. 30 Jahre später würde ich vieles anders machen – aber ich habe auch schlechtere Filme gemacht. Er berührt mich immer noch.

Das Gespräch führte Antje Steglich.

>>>> Das Video können Sie sich hier ansehen.

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Zur Person

Georg Mascolo (54) ist ein Journalist mit deutschen und italienischen Wurzeln.

Als Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel war er 2008 bis 2013 tätig, seit 2014 leitet er den Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Für die ARD ist er auch als Terrorismusexperte tätig.

Als „Journalist des Jahres“ wird Georg Mascolo 2014 in der Kategorie Politik von der Branchenzeitschrift „medium magazin“ geehrt.

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