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Der Flotte vom Fichtelberg

DDR-Alpinstar Eberhard Riedel ist immer noch schwungvoll unterwegs und auch Felix Neureuther ein Begriff.

Eberhard Riedel am 2. Februar 1964 bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck im Riesenslalom auf der Strecke. Am Ende belegt er den 15. Platz. © dpa/PA

Von Thomas Purschke

Der deutsche Slalomfahrer Felix Neureuther legte vor zwei Wochen bei den Hahnenkammrennen in Kitzbühel ein breites Schmunzeln auf nach der Frage, ob ihm der Name des DDR-Alpinstars Eberhard Riedel etwas sagt: „Ja klar, ich habe in Adelboden die lange Siegerliste dieses traditionsreichen Ski-Wettkampf-Klassikers gesehen. Es hat mich sehr gefreut, da seinen Namen zu lesen. Es ist schon cool, dass wir zwei dort deutsche Skigeschichte geschrieben haben.“

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Riedel, der am Donnerstag seinen 81. Geburtstag begeht, gelang am 9. Januar 1961 im schweizerischen Adelboden sein größter Coup. Er konnte die Rennläufer der Alpenländer im Riesenslalom bezwingen. Für seinen Sieg bei den „7. Internationalen Adelbodner Skitagen 1961“ wurde er 2004 in den „Place of Fame“ in Adelboden aufgenommen, wo der Oberwiesenthaler mit anderen Stars mitten auf dem Dorfplatz seinen in Beton gegossenen Fußabdruck hinterließ. Ihn erfüllt es bis heute mit Stolz, „dass man mich nach so vielen Jahren auch dort nicht vergessen hat“.

Dieser Erfolg ragte heraus, da er in der Frühzeit eines jetzigen Weltcup-Klassikers zustande kam. Der alpine Ski-Weltcup existiert erst seit 1967. 53 Jahre dauerte es, bis mit dem Bayern Neureuther am 11. Januar 2014 erneut ein Deutscher den Riesenslalom in Adelboden gewinnen konnte.

Was heute die jüngeren Generationen kaum noch wissen: In den 1950er- und 1960er-Jahren fuhren bei den alpinen Ski-Weltmeisterschaften und den großen Ski-Klassikern wie den Hahnenkamm-Rennen auf der Streif in Kitzbühel oder den Lauberhorn-Rennen in Wengen auch Alpinski-Haudegen aus der DDR mit, beispielsweise 1954 bei der alpinen Ski-WM im schwedischen Are, wo Karl Süß in der Abfahrt Platz 26 belegte und Rochus Wagner (beide Oberwiesenthal) in der Kombination Rang 16 erreichte. Namen wie Riedel, Ernst Scherzer, Heinz Gahler, Peter und Werner Lützendorf sind bis heute nicht nur im Erzgebirge bekannt.

"In Kitzbühel und Wengen das Skifahren richtig gelernt"

Der Erfolgreichste unter ihnen war Riedel. Bei den schweren Hahnenkammrennen in Kitzbühel schaffte es dagegen kein DDR-Fahrer aufs Podest. 1957 feierte Riedel seine Streif-Premiere als 34. in der Abfahrt. 1965 gelang es ihm, mit Platz neun unter die besten zehn Abfahrer der Welt auf der berüchtigtsten und bis heute wohl gefährlichsten Abfahrtspiste in Kitzbühel zu fahren. Sieger wurde der Austria-Deutsche Ludwig Leitner. Riedel konnte sogar den späteren französischen Olympiasieger Jean Claude Killy (10.), der bei den Winterspielen 1968 in Grenoble dreimal Gold holte, und Österreichs Legende Karl Schranz (13.) hinter sich lassen. „Ich habe bei den Rennen in Kitzbühel und Wengen damals das Skifahren richtig gelernt und habe viel daraus geschöpft“, sagte Riedel. „Das Starthaus in Kitzbühel auf dem Hahnenkamm ist immer noch das gleiche wie einst. Wir sind in direkter Linie in den Mausefallen-Sprung gefahren und schon damals auf fast 50 Meter weite Flüge gekommen.“ 2017 stand er bei einem Besuch in Kitzbühel noch mal im Starthaus und blickte – gerührt von all den Erinnerungen an seine Sportlerzeit – in die Tiefe.

Riedel, der von 1960 bis 1968 an drei Winterspielen teilnahm und 1968 in Grenoble als 13. im Slalom sein bestes Ergebnis bei Olympia erzielte, galt als „das Wunder vom Fichtelberg“. Der Hausberg in Oberwiesenthal war mit einer Höhe von 1 214 Metern der höchste Berg der DDR. Dort trainierten die DDR-Skialpinfahrer unter der Anleitung des Trainers Joachim Loos mangels Alternativen bei gefährlichen Speedabfahrten mit bis zu 130 km/h und Sprüngen auf der Trasse der Seilbahn, die zum Gipfel des Fichtelberges führt. Angesichts der dort befindlichen Seilbahnmasten hätte damals ein Sturz bei diesen hohen Geschwindigkeiten fatale Folgen haben können. Auch im Sommertraining galt es mangels vorhandener Gletscher zu improvisieren. Mit Bohnerwachs wurde der Ski zunächst präpariert und dann auf mit Wasser besprengten Wiesen in Oberwiesenthal der Slalom geübt.

Doch nach den Winterspielen 1968 in Grenoble kam das Aus für die Förderung der alpinen Skirennfahrer in der DDR. Zu teuer, zu geringe Medaillenchancen und nicht ins sozialistische Bild des Sports passend – so lauteten die Gründe der Funktionäre. Riedel und seine Alpinkameraden mussten ihre Reisepässe abgeben, Starts im westlichen Ausland waren ab 1969 nicht mehr möglich. Für Riedel und seine Kollegen aus der DDR-Nationalmannschaft „war dieser verordnete K.-o.-Schlag der Gau“.

Tränen der Freude nach dem Mauerfall

Erst mit dem Mauerfall sollte sich das wieder ändern. Riedel erinnert sich, wie er kurz danach mit seinem Sohn ins österreichische Saalbach fuhr, wo er einst auch Wettkämpfe bestritt und ihm aufgrund der wiedererlangten Reisefreiheit „auf dem Marktplatz Tränen der Freude kamen“.

Der Wiederaufbau des alpinen Skisports in Ostdeutschland im Leistungsbereich nach zwei Jahrzehnten Stillstand begann nach der Wiedervereinigung in den 1990er-Jahren. Es bleibt bis heute ein schwieriger Weg. Weitaus besser sieht es bei den Nachbarn in Osteuropa aus, wo es auch zu Zeiten der kommunistischen Diktatur zu keinem Förderstopp bei den Skirennfahrern kam. Während die Slalom- und Riesenslalom-Spezialistin Petra Vlhova aus der Slowakei in diesem Winter der im Weltcup führenden Mikaela Shiffrin aus den USA schon mehrfach den Sieg wegschnappte oder die Tschechin Ester Ledecka bei den Winterspielen 2018 Olympiagold im Super-G holte, schaffte es in den fast drei Jahrzehnten nach dem Mauerfall aus Oberwiesenthal noch keiner im Alpinbereich in den Weltcup. Nur zwei Alpintrainer arbeiten am dortigen Sportgymnasium, das die einzige Talenteschmiede mit Alpinski-Ausbildung in Ostdeutschland ist.

Der heutige Alpindirektor des Deutschen Skiverbandes, Wolfgang Maier, setzt sich seit Jahren für den Wiederaufbau ein und gibt sich optimistisch, dass „in Zukunft auch wieder Talente aus Sachsen und Thüringen die Nationalauswahl unterstützen“.

Talente gehen nach Berchtesgaden

„Jedes Jahr werden von Oberwiesenthal ein bis zwei Talente ab der 2. Sekundarstufe ins Skigymnasium Berchtesgaden vermittelt, weil dort einfach nicht zuletzt wegen der höheren Berge bessere Rahmenbedingungen existieren“, sagt Derrick Schönfelder, seit 2014 Generalsekretär des Sächsischen Skiverbandes. „Mit der 19-jährigen Julia Mehner vom Alpinen Skiclub Oberwiesenthal ist eines der vielversprechendsten Talente der vergangenen Jahre aus Sachsen in der Abfahrt und im Riesenslalom auch diesen Weg gegangen. Leider haben schwere Bänderverletzungen Julia zurückgeworfen. Severin Thiele vom SC Rugiswalde ist die zweite Saison in Berchtesgaden und im Riesenslalom ein großes Talent.“

Riedel verfolgt im Fernsehen die alpine Ski-WM in Are und freut sich, dass er auf seinen heimischen Pisten im fortgeschrittenen Seniorenalter „die Schwünge auch heute noch rund auf den Skiern fahren kann“. Natürlich hofft er darauf, dass es auch mal wieder Skirennfahrer „aus Mitteldeutschland in die Weltspitze schaffen“.