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Der Frühling ist verschwunden

Die Sandsteinfigur vor dem Bürgerhaus war eine von vier, die Bad Gottleuba einst geschenkt bekam. Nun hat der Bürgermeister klammheimlich alle verkauft.

© Norbert Millauer

Von Heike Sabel

Bad Gottleuba. Da war doch irgendwas? Stand nicht immer eine Sandsteinfigur vor dem Bad Gottleubaer Bürgerhaus? Plötzlich ist der Platz leer. Die verwunderte Nachfrage von Stadträtin Sabine Pohlan (Linke) brachte Wundersames zutage. Hatte sie noch gedacht, die Figur sei vielleicht gestohlen oder weggebracht worden, sagte Bürgermeister Thomas Mutze (parteilos), er habe sie verkauft. Für rund 2 500 Euro. An einen Privatmann. Nicht nur Sabine Pohlan ist perplex. Da verschwindet einfach Kulturgut, sagt sie. Und das auch noch ohne den Stadtrat einzubeziehen.

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Thomas Mutze sieht das offensichtlich nicht so kritisch. Die insgesamt vier Figuren, die die Jahreszeiten darstellen, seien seit 20 Jahren nicht mehr als Ensemble in der Öffentlichkeit zu sehen gewesen, warum also interessieren sich jetzt plötzlich der Stadtrat und die Zeitung dafür? Weil die Figuren ein Geschenk an die Stadt waren, weil sie Kulturgut sind und das Eigentum der Gottleubaer Bürger.

Der Chemnitzer Verlagsbuchhändler Richard Herrmann Dietrich baute 1902/03 am Gottleubaer Stadtrand eine Villa und bewohnte sie bis zu seinem Tod 1913. Unterhalb seines Grundstückes sponserte er die Anlage des Kurparkes – heute Goethepark – und die Pflanzung der Blut-Ahorn-Allee sowie die Beschaffung der vier lebensgroßen Sandsteinfiguren. Der Entwurf für die Figuren stammt von Gustav Reißmann, ausgeführt hat sie der Dresdner Steinbildhauer Kurt Hempel.

Die Figuren standen bei Wind und Wetter, Jahr für Jahr, im Park. Das zehrte an ihnen. Nicht umsonst werden zum Beispiel die Figuren im Barockgarten Großsedlitz über den Winter hinweg eingehaust. Im August 1997 wurden die Gottleubaer Figuren aus dem Park entfernt. Sie wurden damals von der Stadt als nicht sanierungsfähig eingeschätzt und sollten entsorgt werden. Das passierte nicht. Sie wurden eingelagert, erst im Bauhof, dann im Steinmetzbetrieb Kajer in Berggießhübel.

Später wurden kleinere Figuren aus Kunstmasse aufgestellt, von denen jedoch schon bald die erste fehlte. 2007 wurde der Frühling, die am besten erhaltene Sandsteinfigur, vorm Bürgerhaus aufgestellt. Damit sollten Spenden für die Restaurierung gesammelt werden. Die anderen drei Figuren blieben bei Kajers.

Fehlendes Geschichtsbewusstsein

Fachfrau Anne Kajer sagt, die 2 500 Euro seien als Verkaufspreis zu wenig, sie stünden in keinem Verhältnis zum Wert der Figuren, auch wenn ihr Zustand wegen der Witterungseinflüsse und gewaltsamer Beschädigungen schlecht war. Auf jeden Fall hätte sich die Stadt Angebote einholen sollen. Die Sanierung freilich hätte ein Vielfaches gekostet. Vor Jahren gab es ein entsprechendes Angebot an die Stadt, das der aber zu teuer war.

Die Spendenaktion war nie ernsthaft betrieben worden. Ein Verein hätte gegründet werden müssen. Das Besucherbergwerk Berggießhübel entstand so und die Heimatvereine, die das Erbe bewahren. Sie bewegen viel im Kurort. Doch Vereine können nicht alles machen und für die Figuren gab es anscheinend kein Interesse, sagt Anne Kajer. Sie bedauert das sehr. Ein Einwohner sagt: Gottleuba ist leider nicht so geschichtsbewusst.

Thomas Mutze hat zum Thema „nicht viel“ zu sagen. Die auf der sächsischen Gemeindeordnung basierende Gottleubaer Hauptsatzung lässt ihn Finanz-Entscheidungen bis zu 5 000 Euro ohne Rücksprache mit dem Stadtrat treffen. Das betrifft jedoch nur Geschäfte der laufenden Verwaltung. Zum Beispiel, wenn das für den Winterdienst dringend benötigte Fahrzeug repariert werden muss. Der Verkauf der Sandsteinfiguren dürfte nicht so dringend gewesen sein.

Das Kommunalpolitische Forum Sachsen meint: Ob es sich um ein Geschäft der laufenden Verwaltung handelt, ist eine in jedem Einzelfall vollständig überprüfbare Rechtsfrage und keine Ermessensfrage der Gemeinden. Das ist nun zu klären.