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Der General

Frankreichs Auswahltrainer Didier Deschamps wurde viel kritisiert. Jetzt ist er Weltmeister – seine Erfolgsgeschichte.

© AFP/Jewel Samand

Von Frank Hellmann, Jana Lange, Thomas Häberlein und Jens Marx

Diese Dusche nimmt er gelassen hin. Als Didier Deschamps gerade zu seiner ersten Antwort ansetzt, stürmen seine berauschten Spieler die Pressekonferenz des französischen Nationaltrainers nach dem WM-Triumph. Sie springen aufs Pult, singen, besser: grölen, tanzen und verspritzen Schampus und alles, was an Getränken greifbar ist. Es ist der Ausbruch der ungezügelten Freude einer jungen Truppe glückseliger Fußballer, die Frankreich in einen Freudentaumel versetzt haben.

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Und ein Zeichen der Wertschätzung für einen Mann, der den kollektiven Rausch 20 Jahre nach dem Sieg bei der WM im eigenen Land ein zweites Mal ermöglicht hatte. Deschamps ist die Situation beinahe peinlich, aber er lächelt milde. „Die sind komplett verrückt. Ich entschuldige mich. Aber sie sind jung und glücklich“, sagt er über seine „Baby Bleus“. Die hatten ihn zuvor in die Luft geworfen. Einmal, zweimal, dreimal. Sie wussten, wer für diesen historischen Titel verantwortlich war.

„Das ist so schön, so wunderbar für die Spieler“, schwärmt Deschamps nach dem 4:2 im Finale gegen Kroatien. Er ist der Architekt dieser Mannschaft, die in der Gegenwart nicht zu bezwingen war und eine glanzvolle Zukunft besitzt. Er selbst ist durch den Titel von Moskau zu einer Legende im Weltfußball aufgestiegen. Nur Franz Beckenbauer, 1974 und 1990, und der Brasilianer Mario Zagallo (1958, 1962 und 1970) sind als Spieler und Trainer Weltmeister geworden. „Als Trainer stehen wir jetzt auf derselben Stufe“, meint Deschamps, aber er sagt auch: „Sie waren wunderbare Spieler. So schön habe ich nicht gespielt.“

Bei der WM 1998 führte Deschamps als Kapitän das Team um Superstar Zinedine Zidane. Dennoch sei das nicht mit seiner Verantwortung als Trainer zu vergleichen, hatte er schon vor dem Finale gesagt: „Meine Rolle ist eine andere. Wenn ich in die Augen meiner Spieler sehe, fühle ich mich noch mehr verantwortlich.“ Beinahe dankbar war er für die Frage, ob er seine Mannschaft mit der Geschichte vor 20 Jahren konfrontiert habe. „Man muss immer in seiner Zeit leben. Ich habe nie, nie, nie davon erzählt. Sie kennen die Bilder, aber manche waren damals noch nicht einmal geboren“, antwortete Deschamps.

Dann grinste er so schelmisch wie Louis de Funès. Dabei ist er mehr Kauz als Komiker. Wie er früher mehr Kämpfer als Künstler war. Typ Pragmatiker. Sein Credo bekam er als Spieler bei Juventus Turin eingeimpft: „Ich habe den Fußball nie des Spielens wegen gespielt, sondern immer des Gewinnens wegen.“ Seit 2012 ist dieser kompromisslose General, wie er wegen seiner strategischen Fähigkeiten genannt wird, nun Selectionneur, als französischer Nationaltrainer hält er mit jetzt 83 Spielen den Rekord. Trotzdem stand er vor der WM in der Kritik.

Kein Konzept, zu viele Regeln, kein Händchen für schwierige Charaktere – irgendetwas hatte immer irgendjemand an dem Basken auszusetzen. Ließ er Karim Benzema nach der Sex-Video-Affäre zu Hause, warf man ihm Rassismus vor. Sortierte er nach und nach die Rebellen von 2010 aus, die mit ihrem Trainingsstreik in Südafrika die Equipe Tricolore der Lächerlichkeit preisgegeben hatten, wurde er als Disziplinfanatiker verspottet. Und auch während dieser WM in Russland wurde schon wieder über Deschamps gelästert. So kolportierten Medien, dass Ex-Real-Madrid-Trainer Zinédine Zidane seinen früheren Teamkollegen vorzeitig ablösen werde, falls „DD“ scheitert. Tat er aber nicht.

„Weil sie mir zugehört haben“

Deschamps ist ein ultimativer Pragmatiker, Schönspielen nicht sein oberstes Gebot. Mancher mag am Spielstil nörgeln, an seiner defensiven Devise. Aber, stellte er lapidar und zugleich äußerst zufrieden fest: „Frankreich ist Weltmeister, das heißt, wir haben Dinge besser gemacht als die anderen.“ Die Wahrheit ist nämlich, dass er es versteht, seine schillernden Stars wie Paul Pogba, Kylian Mbappé und Antoine Griezmann so zu führen, dass sie ihre Brillanz nicht für die Galerie, sondern im Sinne des Teamgedankens ausspielen. „Er weiß, wie man mit Spielern spricht, wie er seine Botschaften vermittelt“, erklärt Pogba. Und der Trainer sagt: „Weil sie mir zugehört haben, haben wir gewonnen.“

Der Baske denkt immer einen Schritt weiter – und wenn es sein muss, auch zurück. Die Niederlage im EM-Endspiel 2016 im eigenen Land gegen Portugal gehört zu den wichtigen Erfahrungen, durch die ein begabter Trainer zu einem besonderen wird. „Vor zwei Jahren war es so schmerzvoll, dass wir die Gelegenheit ausgelassen haben, Europameister zu werden“, sagt Deschamps. „Aber vielleicht wären wir sonst jetzt nicht Weltmeister geworden.“ Er habe viel gelernt. Damals sei er „emotional zu sehr gestresst“ gewesen. „Diesmal waren wir viel entspannter.“

Und unbekümmerter. Deschamps hat die zweitjüngste Mannschaft bei dieser WM betreut. Die Altstars wie Franck Ribery vom FC Bayern vermisst in Frankreich keiner mehr. „Die Jungs sind Krieger“, sagt Deschamps, für den Fußball typisch martialisch. Was er meint: „Talent macht keinen Unterschied. Was wichtig ist, ist die mentale Einstellung – und die haben meine Spieler.“ In den 55 Tagen, die sie inklusive Trainingslager beisammen waren, habe es nicht ein einziges Problem gegeben. „Les Bleus“ waren eine Einheit, und sie haben eine goldene Zukunft vor sich.

Deschamps, im Jahr 2000 als Spieler Europameister, könnte auch diesen Erfolg als Trainer wiederholen. Er denkt jedenfalls nicht daran, wie Aimé Jacquet nach dem WM-Erfolg 1998 aufzuhören. „Es ist vorgesehen, dass ich bleibe, also bleibe ich“, verkündet der 49-Jährige. Sein Vertrag gilt bis nach der EM 2020. (sid, dpa, mit SZ/-ler)