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Der Greenpeace-Gau

3,8 Millionen Euro hat die Umweltschutzorganisation bei riskanten Finanzgeschäften verloren. Nur eine peinliche Panne?

Von Georg Ismar

Das Kapital von Greenpeace ist die Glaubwürdigkeit. Im November 2013 veröffentlichte die Organisation eine Mitteilung mit dem einladenden Titel „Greenpeace von Stiftung Warentest zum Spenden empfohlen“. Von insgesamt 46 untersuchten Tier-, Natur-, und Umweltschutzorganisationen gehöre man zu den sechs, die wirtschaftlich, transparent und gut organisiert arbeiteten. Greenpeace sei so strukturiert, „dass Korruption und Verschwendung vermieden wird“, hieß es. Die Organisation bietet sogar extra eine Broschüre an, wie man Greenpeace im Testament berücksichtigen kann.

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Ob das Urteil auch Bestand gehabt hätte, wenn die Tester damals schon von den völlig missratenen Finanzspekulationen in der Amsterdamer Mutterzentrale, bei Greenpeace International, gewusst hätten? 3,8 Millionen Euro gingen verloren bei Termingeschäften, die auf einen sinkenden Euro-Kurs spekulierten – denn der Kurs stieg stark an. Der verantwortliche Mitarbeiter der Finanzabteilung wurde entlassen – aber irgendetwas scheint auch mit dem internen Kontrollsystem nicht zu stimmen, wenn ein Einzelner so einen Schaden verursachen kann.

Die zu dem Vorfall vom deutschen Ableger gestern verschickte Mitteilung trägt den lapidaren Titel: „Defizit bei Greenpeace International.“ Zerknirscht sagt der deutsche Kommunikationschef Michael Pauli auf Nachfrage, die Geschichte sei sehr unangenehm. Aber er wehrt sich auch gegen den Eindruck, hier gehe es um wildes Jonglieren mit Spendergeld. „Am Anfang steht eigentlich ein fürsorglicher Gedanke“, sagt er. Um zum Beispiel Büros in Afrika zu unterstützen, erhalten sie von Greenpeace International Geld. Die Zentrale arbeitet mit Euros, die Landesbüros mit den nationalen Währungen. Also gibt es je nach Wechselkursschwankung Verluste oder Gewinne. So weit, so normal.

„Ein normales Bankgeschäft“

Um sich gegen starke Wechselkursschwankungen abzusichern, entschied man sich entgegen der bisherigen Praxis 2013, Währungen zu festen Kursen zu kaufen. Pauli versucht, das mit einem einfachen Beispiel zu illustrieren. Ein Tourist will im Sommer in die USA reisen. Er deckt sich im März schon einmal mit reichlich Dollar ein. Dann fällt aber der Euro-Kurs, der Tourist hat die Dollar viel zu teuer eingekauft. Bei Greenpeace passierte der umgekehrte Fall: Der Kauf ausländischer Währungen für die Nationalbüros war abgeschlossen, bevor der Kurs des Euro laut Greenpeace gegenüber den meisten Währungen stieg.

„Der Eindruck einer wilden Zockerei ist einfach nicht richtig“, betont Pauli. „In Anführungszeichen war es ein ganz normales Bankgeschäft.“ Man finanziere ausschließlich internationale Kampagnen und Kampagnenprojekte, wird betont, nicht aber die Infrastruktur für Büros in anderen Ländern. Ob und wie viel deutsches Spendengeld bei der Aktion verloren ging? Diese Antwort kann bei der Deutschland-Zentrale in Hamburg bis jetzt keiner geben.

Das Budget von Greenpeace International beträgt in diesem Jahr 82 Millionen Euro, es dürfte nun genau geschaut werden, wie die Verluste kompensiert werden. Über eine halbe Million Menschen spendeten in Deutschland 2013 für den Schutz der Arktis vor Ölbohrungen und den Kampf gegen Atom- und Kohlekraft. Zuletzt besetzten Aktivisten die Parteizentrale der Linken, um gegen deren Kohlekurs in der rot-roten Regierung Brandenburgs zu protestieren: 800 Bürger sollen wegen des Tagebaus Welzow-Süd II umgesiedelt werden.

Protestpotenzial verloren

Allerdings hat die Organisation wegen des bis 2022 geplanten kompletten Atomausstiegs in Deutschland das Thema mit dem größten Protestpotenzial verloren. Den Neustart bei der Endlagersuche blockiert man, weil Gorleben im Rennen bleibt. Das stößt auf Kritik, weil Greenpeace so nicht selbst auf die Suche einwirken kann.

Sehr engagiert ist man beim Ringen um einen globalen Klimavertrag. Der Leiter internationale Klimapolitik, Martin Kaiser, betont am Sonntag zum Abschluss einer Vorbereitungskonferenz in Bonn für den Klimagipfel im Dezember in Lima: „Über 60 Länder haben inzwischen ihren Willen erklärt, die Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas zu beenden.“ Doch diese auch auf Druck der Umweltschützer zäh, aber Stück für Stück erzielten Fortschritte treten erstmal in den Hintergrund. Denn Greenpeace ist mit sich selbst beschäftigt. (dpa)