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Weihnachten

Der große Glühwein-Test auf dem Striezelmarkt

Top-Sommelier Silvio Nitzsche erklärt, wie Sie guten von minderwertigen Glühwein unterscheiden können und was seine sechs Favoriten sind. 

Er weiß, wie guter Glühwein schmecken muss: Sommelier Silvio Nitzsche, Betreiber der Weinkulturbar in Dresden, beim Test auf dem Striezelmarkt. Nitzsche wurde vom Magazin „Feinschmecker“ gerade unter die Top 10 der deutschen Weinexperten gewählt. © Ronald Bonß

Glühwein hat einen schlechten Ruf. Und das nicht zu Unrecht. Denn oft werden dafür Billigweine mit Zucker und künstlichen Aromen süffig gemacht. Eine Pipette voll auf 1 000 Liter: fertig ist die Adventsillusion – und sicher der Brummschädel am nächsten Tag. Und doch konsumieren die Deutschen jetzt wieder Millionen Liter des alkoholischen Aufwärmers. Die geschmacklichen Unterschiede sind erheblich. Denn die Vorschrift besagt nur, dass Glühwein aus Rot- oder Weißwein bestehen muss. Zucker, Gewürze, Aromen oder Sirup dürfen nach Belieben zugesetzt werden. Gibt es ihn denn überhaupt, den qualitativ empfehlenswerten Glühwein? Und woran erkennt man ihn auf einem Weihnachtsmarkt, wo alle Tassen ähnlich aussehen? Die Sächsische Zeitung hat Top-Sommelier Silvio Nitzsche von der Weinkulturbar in Dresden am Freitag zu einem Test auf Sachsens Vorzeigemarkt, den Striezelmarkt, gebeten.

1. Kriterium: Kennzeichnung

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„Ich würde immer zuerst am Stand schauen, ob der Glühwein nur ein Nebenprodukt zum Beispiel neben dem Bratwurstverkauf ist“, sagt Nitzsche. Werde ausschließlich Glühwein angeboten, sei die Chance größer, dass sich der Standbetreiber mit dem Produkt identifiziere und einen qualitativen Anspruch habe. Am besten sei natürlich, wenn ein Weingut dahinterstehe.

Erfreulich: Auf dem Striezelmarkt sind in diesem Jahr mehrere Winzer aus Sachsen vertreten – zwei Radebeuler zum ersten Mal: Martin Schwarz in Kooperation mit dem Dresdner Koch Mario Pattis und Lutz Gerhardt von Haus Steinbach.

Nur wenn der Wein vom Winzer selbst angebaut, aromatisiert und vertrieben wird, darf er sich „Winzerglühwein“ nennen. Winzer Lutz Gerhardt verzichtet an seinem Stand „Spicy friends“ auf dieses Qualitätsprädikat. „Mein Weingut ist ein Hektar klein. Da musste ich beim Rotwein natürlich zukaufen“, sagt er. Nicht alle Anbieter nehmen es mit der Kennzeichnung so genau wie er. Will man beim Ausschank wissen, von welchem Winzer der Winzerglühwein stammt, kann es passieren, dass die Verkäuferin mit den Schultern zuckt oder die Frage gar nicht erst versteht, weil sie aus Tschechien kommt.

An vielen Hütten steht einfach nur „Glühwein rot“ oder „Glühwein weiß“ angeschrieben. „Das sagt dem Kunden überhaupt nichts“, so Nitzsche. Wünschenswert sei, dass zumindest die Grundweine ausgewiesen werden. Auch hier punkten wieder Winzerstände wie Spicy friends, Martin Schwarz/Pattis und das Weingut Keth aus Rheinhessen. Letzteres galt jahrelang als Geheimtipp, weil es den Trend zu Winzerglühweinen auf dem Striezelmarkt begründete. Inzwischen ist es der dicht belagertste Stand und bietet allein bei weißen Glühweinen die Wahl zwischen Chardonnay, Weißburgunder und Sauvignon Blanc – alles auch gern in der Flasche zu kaufen.

Ein bisschen tricky dagegen ist der Stand des Weinguts Hoflößnitz Radebeul. Viele erwarten hier sächsischen Qualitätswein, bekommen aber ausschließlich in Deutschland zugekaufte Weine. In der Karte wird der Glühwein dann mit „in Sachsen hergestellt“ beworben.

2. Kriterium: Farbe und Geruch

Kenner wie Silvio Nitzsche beurteilen einen Wein anhand der Farbe. „Weißer Glühwein wird immer beliebter und ist oft auch besser“, sagt er. In den Keramiktassen allerdings sehen alle Glühweine fast identisch aus. Einige Winzer wie Lutz Gerhardt oder Martin Schwarz verwenden deshalb lieber Glastassen. Koch Mario Pattis hat den Gewürzsud für Winzer Schwarz selbst hergestellt. In der Glastasse verleiht er dem Glühwein eine trübe Färbung. „Ein Zeichen dafür, dass tatsächlich echte Gewürze und keine Aromen verwendet wurden“, sagt Sommelier Nitzsche.

Aromatisierte Glühweine erkennt man oft schon an dem intensiv-aufdringlichen Geruch. Der „Winzerglühwein“ an Heide‘s Glühweinstand zum Beispiel riecht „bonboniert wie Fruchtlimonade“, urteilt Nitzsche. Beim weißen Glühwein am Bean & Beluga Stand des Dresdner Sternekochs Stefan Hermann dagegen steigt ein Duft von Nelken und Anis auf. Winzer Gerhardt wiederum verwendet für seinen Glühwein 16 Gewürze: „Nelken, Anis, Rosmarin, Zimt, Ingwer – der Rest ist geheim“, sagt er.

3. Kriterium: Geschmack

„Wie beim Kochen kann auch ein Glühwein nur so gut schmecken wie die schlechteste seiner Zutaten“, sagt Nitzsche. Als Sommelier achte er darauf, ob er den Charakter des Grundweins noch erkennen könne oder ob das Getränk einfach nur überwürzt sei. „Letzteres macht keinen Spaß, weil man dann schnell satt ist“, sagt er. Wichtig sei eine ausgewogene Balance von Süße und Säure. Viele Glühweine auch auf dem Striezelmarkt schmecken nur nach klebriger Süße und hinterlassen eine pelzige Zunge. Winzer Gerhardt verwendet gleich halbtrockene Weine. „Dann komme ich mit wenig Zucker aus“, sagt er.

Der „Weiß & heiß“ am Stand von Staatsweingut Wackerbarth schmeckt Sommelier Nitzsche „zu mostig und etwas flach“. Was nicht an der Tafel, sondern nur hinten auf der Flasche steht: Dem Getränk wurden 41 Prozent Saft zugesetzt. Damit man am Ende trotzdem noch auf acht Prozent Alkohol kommt, sind auch ein Schuss Rum und Orangenlikör dabei. Das ist legitim. Denn die EU-Glühweinverordnung regelt nicht den Geschmack, sondern nur den Alkoholgehalt. Er muss zwischen 7 und 14,5 Prozent liegen. Am Stand von Weingut Keth zum Beispiel sind zwölf Prozent ausgewiesen. Bei den meisten Glühweinanbietern sucht der Kunde eine solche Alkoholangabe jedoch vergeblich. „Das verstehe ich nicht, wo doch in Deutschland fast alles streng deklarationspflichtig ist“, sagt Sommelier Nitzsche.

4. Kriterium: Temperatur

Damit sich der Alkohol nicht verflüchtigt, darf Glühwein nicht über 78 Grad erhitzt werden. Silvio Nitzsche prüft mit einem Thermometer. Überschreitungen gibt es nicht, Unterschiede nach unten hin schon. Bei Bean & Beluga ist der Glühwein knapp 70 Grad heiß. „Optimal im Winter“, so Nitzsche. Heide’s Glühwein hat 55 Grad.

5. Kriterium: Preis

Die meisten Glühweine auf dem Striezelmarkt kosten 3,50 Euro pro 0,2-Liter-Tasse – egal, ob aus einfachen oder hochwertigeren Weinen. Das Weingut Keth verlangt nur drei Euro. Spitzenreiter ist Martin Schwarz mit vier Euro. „Wenn man bedenkt, dass die Flasche Schwarz-Weißwein kaum unter 15 Euro zu haben ist, sind vier Euro immer noch ein Schnäppchen“, sagt Sommelier Nitzsche. „Auch wenn es viele nicht gern hören: Ein guter Grundwein, das Würzen, Erhitzen, die Standmiete – Qualität kostet.“ „Bei vier Euro scheint die psychologische Preisgrenze zu liegen“, sagt Winzer Lutz Gerhardt. Für seinen Radebeuler Glühwein verlangt er 3,50 Euro. „Das ist eigentlich zu wenig. Aber wenn der Nachbarstand auch nur 3,50 Euro nimmt, kann ich nicht höher gehen.“

Fazit

Wenn es preislich keinen Unterschied macht, lohnt es sich umso mehr, nicht an der erstbesten Hütte zu halten, sondern auf Qualität zu achten. Geschmacklich lagen die Glühweine der Weingüter klar vorn. Hier konnten die Verkäuferinnen auch ausnahmslos Auskunft über Herkunft und Inhalt geben. „Dass es mehr Winzer werden, spricht für den Striezelmarkt“, sagt Nitzsche. 

Die Favoriten: Die beiden Neuen aus Radebeul

Der Glühweinstand „Spicy friends“ von Winzer Lutz Gerhardt (Weingut Haus Steinbach Radebeul) mit dem weißen Glühwein aus eigenem Weißburgunder/Müller-Thurgau und 16 Gewürzen. © Ronald Bonß
Der Glühweinstand von Winzer Martin Schwarz (Radebeul) und Koch Mario Pattis (e-Vitrum Dresden) mit dem weißen Glühwein aus Sachsen, ohne Aromen, mit Gewürzsud und 9,2 Prozent Alkohol. © Ronald Bonß

Platz 2 teilen sich:

Bean & Beluga © Roland Bonss
Weingut Keth © Roland Bonss

Platz 3 teilen sich:

Wackerbarth  © Roland Bonss
Hoflößnitz © Roland Bonss