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Der grüne Rausch

Wir bekommen das grüne Gold nur aus der Ferne zu sehen. Anfassen – tabu. Staub, ein Risiko. Atmen, die reinste Keimgefahr. Schemenhaft hinter endlosem Gewächshausglas wächst in Langton, zwei Autostunden von Toronto entfernt, Cannabis heran.

Von Birgit Ulbricht

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Wir bekommen das grüne Gold nur aus der Ferne zu sehen. Anfassen – tabu. Staub, ein Risiko. Atmen, die reinste Keimgefahr. Schemenhaft hinter endlosem Gewächshausglas wächst in Langton, zwei Autostunden von Toronto entfernt, Cannabis heran. Und bald werden die Blüten mit dem schweren süßlichen Duft auch im Elbland reifen. Im kleinen Naunhof in der Gemeinde Ebersbach hat das Hanfkonsortium Wayland im August diesen Jahres den einst modernsten europäischen Schlachthof gekauft, mit dem bislang niemand etwas anfangen konnte, seit er Pleite ging, und der gut 15 Jahre leer stand. Der bunkerhafte Industriebau ist geradezu ideal für die deutschen Sicherheitsvorgaben. 2019 soll es losgehen. Ein Cannabis-Anbau im Gewächshaus wie in Kanada wäre in Deutschland undenkbar. Und doch haben sich Ärzte, Apotheker, Strafrechtler, Wissenschaftler und Journalisten nach Ontario aufgemacht, um sich ein Bild davon zu machen, was da im Mutterland des Cannabisbooms passiert, wie der Wandel bei uns aussehen könnte. Denn dass Cannabis auch in Deutschland irgendwann komplett legalisiert wird, daran haben die Experten inzwischen keinen Zweifel mehr.

Besser inhalieren, als rauchen: An der „Bildungsstation“ wird gezeigt, wie’s am besten geht.
Besser inhalieren, als rauchen: An der „Bildungsstation“ wird gezeigt, wie’s am besten geht.
Nick Ernst bietet Hanftouren zu Shops, Hotels und Events an. Der gebürtige Hamburger ist seit acht Jahren in Toronto.Fotos: Birgit Ulbricht (4)
Nick Ernst bietet Hanftouren zu Shops, Hotels und Events an. Der gebürtige Hamburger ist seit acht Jahren in Toronto.Fotos: Birgit Ulbricht (4)
Cannabis ist auf dem Sprung über den Großen Teich. Die SZ war im Mutterland des Anbaus – Kanada.
Cannabis ist auf dem Sprung über den Großen Teich. Die SZ war im Mutterland des Anbaus – Kanada.

Erstes Fazit in Kanada: Bei Jeff Ayotte haben es die Hanfpflanzen gut – Besucher mag er weniger. Dafür hat der Anlagenleiter eigentlich gar keine Zeit. Wozu auch? Was hier gedeiht, braucht keine Werbung. Jeff Ayotte muss bauen. Anbauen. Hanf und neue Gewächshäuser. Gerade erweitert das Konsortium Wayland seine Produktion auf 87 500  Quadratmeter mit einer Jahresernte von 95 000  Kilo getrockneten Cannabisblüten. Nichts ist dem Zufall überlassen. Die neuesten Hybridgewächshäuser kombinieren Sonnenlicht mit 600-Watt-Lampen mit einer extra Portion Rotlicht zum freudigen Wachsen. Stets gibt es die richtige Menge Wasser und Nährstoffe. „Diese Anlage könnte man in der Arktis oder am Äquator bauen, sie würde jedes Mal das gleiche Cannabis reproduzieren“, schwärmt Jeff Ayotte. Menschen arbeiten im Gewächshaus der künftigen Generation dann keine mehr. Dafür Wissenschaftler im Labor, die den Genpool der vielen Sorten stabil halten, verschiedene Cannabinoide und Terpene kombinieren und Medikamente schaffen, die zum Teil nicht einmal das berauschende THC enthalten dürfen, um richtig wirken zu können. Das Bild vom Kiffer ist hier verpönt. Es geht um Natur-Medikamente, die Pharmaprodukte mit gefährlichen Nebeneffekten ersetzen, die vielen Menschen mit schwersten chronischen Leiden Linderung verschaffen. Bei Multipler Sklerose, Krebs, Ekzemen, Cluster-Kopfschmerz, Depressionen, ADHS, Rheuma, Asthma, sogar bei komplizierter Wundheilung kann Cannabis helfen, sind sich Mediziner sicher. Gerade haben die USA eine umfangreiche Testreihe mit Cannabis-Medikamenten aus Kanada an Parkinson-Patienten genehmigt. Im Augenblick scheint alles möglich. Die grüne Welle schwappt über. Noch während die Mediziner im Gewächshaus eifrig diskutieren, läuft über „Global News“ gerade die Nachricht ein: Im Bundesstaat Washington müssen bis 1. Januar 2019 sämtliche Gummibärchen, Schokoladen und Bonbons mit Cannabis wieder aus den Regalen verschwinden. Die Gefahr, dass Kinder zugreifen, ist dem Staat zu groß. Allerdings: Die Waren kehren mit der Kennzeichnung „Für Erwachsene“, zurück. Der Markt hat eigene Gesetze.

Über Bildschirme flimmert „Cannabis-TV“, längst haben die Händler in Toronto ihre Ladenschilder „Cannabis Shop“ angebracht, obwohl die in der Provinz Ontario nun doch erst im April 2019 öffnen dürfen. Auf dem „Weedstock-Festival“ (Gras-Festival) in Toronto, das just stattfindet, treffen erfahrene Konsumenten auf pfiffige Händler. Wundertüten und Kekse, Shampoos und Zahnpasta, es gibt alles mit Hanf. Eine freundliche Omi erklärt, wie jedes Cannabisrezept garantiert gelingt, Firmen verkaufen Anbauzelte für die kleinste Wohnung und einer hat Tourismus für sich neu definiert. Nick Ernst, im normalen Leben Eisenbahner, stammt aus Hamburg und ist seit acht Jahren in Toronto. Er bietet Hanftouren in seinem schrill blinkernden Show-Bus an.

Wayland macht nicht nur Medizin, sondern bedient ein Lebensgefühl. Das Unternehmen hat mit Julian Marley, einem Sohn von Reggae-Sänger Bob Marley, die Cannabis-Freizeitlinie „JuJuRoyal“ aufgelegt. Außerdem hat sich Wayland Vertriebskanäle im kanadischen Spirituosenmarkt gesichert. Nachbarschaftskneipen, Hotels, Bars verkaufen Cannabis-Freizeitprodukte. Die Ereignisse überschlagen sich dieser Tage. Faszination und Nachdenklichkeit machen sich da gleichermaßen breit.

Dr. Umesh Jain, Kinder- und Jugendpsychiater, berichtet, nach seiner Erfahrung fangen Jugendliche ab 13, 14 Jahren mit Marihuana an. Er plädiert deshalb dafür, sehr frühzeitig mit Schülern ab zehn Jahren zu arbeiten. Cannabis und der richtige Umgang mit der Kulturpflanze sollten fest im Unterricht verankert sein. „Education-Stations“ rollen durchs Land. Busse, vollgepfropft mit Messgeräten, Inhalatoren und natürlich Hanf. Nach 70 Jahren Hanf-Prohibition findet geradezu eine Alphabetisierungskampagne in Sachen Cannabis statt. Denn, was kaum noch einer weiß: Bis 1941 gab des Cannabis auch in Deutschland auf Rezept in jeder Apotheke. „Das ist harter Tobak“ ist so eine Redewendung aus jener Zeit, als man sich eben nicht nur Tabak in die Pfeife stopfte. Was aber gleich mit in Vergessenheit geraten ist und selbst Cannabis-Riesen wie Wayland derzeit weniger im Fokus haben, ist die Sparte Industriehanf.

Der wuchs dieses Jahr erstmals auf 180 Hektar im sächsischen Elbland quasi als Abfall mit. Denn die über drei Meter hohen Stängel und die Blätter wurden nach der Ernte weggeworfen, nur die nicht rauschhaltigen Blüten wurden getrocknet und zu Ölen extrahiert, die als begehrter Grundstoff in Gelkapsel von Nahrungsergänzungsmitteln landen. Auch das ist ein Riesengeschäft. Doch aus dem Faserhanf lassen sich super ökologische Dämmstoffe herstellen. Selbst die Papierherstellung, einst zu teuer geworden, könnte wieder interessant werden, wenn das Baumsterben aufhören soll. Haltbarer ist dieses Papier allemal: Nicht umsonst wurden Banknoten auf Hanfpapier gedruckt und selbst die Unabhängigkeitserklärung der USA ist so gut wie neu auf Hanfpapier erhalten.

Seit 2017 in Deutschland medizinisches Cannabis legalisiert wurde, ist die Nachfrage aus derzeit 2 200 Apotheken sprunghaft gestiegen. So sprunghaft, dass das Gras knapp wird. Nur hinter vorgehaltener Hand gibt man das zu. Gerade hat das kanadische Hanfkonsortium für Deutschland einen Neun-Tonnen-Deal eingefädelt. Genau diese Menge hoch dosierter Blütensorten soll in den nächsten drei Jahren geliefert werden. Nach Naunhof wurde jetzt der erste Test-Import von fünf Kilo für die Behörden abgewickelt. In drei Wochen hofft Geschäftsführer Morten Brandt auf die Großhandelslizenz für Naunhof. Dann ist man vom Elbland aus ganz groß im Geschäft, liefert von hier in alle Bundesländer. Der nächste Schritt soll 2019 folgen: Der eigene Indoor-Anbau von Medizincannabis in den über 70 früheren Kühlzellen, in Lager- und Schlachträumen. Die Börse jubelt bereits. „Mit Zuschüssen aus Sachsen und den niedrigen Strom- und Wasserkosten will Wayland für weit unter einem Euro ein Gramm Cannabis produzieren“, heißt es in der Kaufempfehlung der Aktie. Ein Gramm kostet hier derzeit 24 Euro. Die Expansion nach Deutschland ist vollfinanziert für einen Ausbau auf 57 Tonnen Jahresproduktion ausgelegt. Die Gewinnerwartung wird ab 2018 mit 87 Prozent angegeben. Der grüne Rausch hat längst die Aktionäre erfasst.