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Pirna

Der kleine heilige Nikolaus

SZ-Adventskalender: Anton freut sich am 6. Dezember nicht nur über Süßigkeiten. Er denkt auch an einen andere Menschen.

Jack Hickmann steht am 6. Dezember, 17 Uhr, auf dem Canalettomarkt in Pirna, um dort den Weihnachtsmann zu treffen.
Jack Hickmann steht am 6. Dezember, 17 Uhr, auf dem Canalettomarkt in Pirna, um dort den Weihnachtsmann zu treffen. © Marko Förster

Ich mag Herrn Schürer nicht. Ich finde, Herr Schürer ist ein griesgrämiger Kinderschreck.  Leider wohnt er auf unserer Etage in dem Hochhaus auf dem Sonnenstein. 

Wenn ich mal die Tür etwas lauter zufallen lasse, dann steht er schon bei uns auf der Matte, um sich zu beschweren. Sind meine Freunde bei mir, dürfen wir nie laut lachen. Und wehe, die Hausordnung wird vergessen. Dann klingelt Herr Schürer Sturm bei dem, der für die  Treppenreinigung in der Woche verantwortlich ist. Schließlich soll ja auch alles blitzen. Ich sage noch mal: Ich mag Herrn Schürer nicht. 

Rauf auf den Sattel

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Er ist auch so komisch. Mit ihm stimmt etwas nicht. Neulich, als ich mit meinen Freunden  im Park Fußball spielte, bemerkte ich ihn.  Mit einer großen Plastiktüte in der Hand schaute er in die Papierkörbe und suchte dort etwas. Beim dritten wurde er schließlich fündig. Er fischte zwei leere Bierflaschen heraus und legte sie in seine Tüte. Darin hatte er schon andere Flaschen gesammelt. Das Glas klirrte leise aufeinander. In diesem Moment entdeckte er mich. Schnell schlug er die Augen nieder und eilte grußlos weiter,  so, als ob ihm etwas peinlich wäre. Naja, mich geht es ja nichts an. 

Trotzdem erzählte ich meiner Mutter beim Abendbrot davon. Meine Mutter stellte ihre Teetasse  ab,  schaute mich ruhig an und erklärte mir:  "Herr Schürer lebt von einer schmalen Rente. Das heißt, er hat nicht so viel Geld. Er sucht im Müll und in der Stadt nach leeren Flaschen, damit er dann  das Pfand einlösen kann. So verdient er sich etwas dazu. Darüber darfst du nicht lachen." Das verstand ich. 

Zwei Tage später aber hatte ich Herrn Schürer und sein Problem schon wieder vergessen. Es war der 5. Dezember. Mein Stiefel stand schon blank geputzt vor der Wohnungstür.  Was mir der Nikolaus  wohl in diesem Jahr reinlegen würde? Wer ist eigentlich der gute Nikolaus, der uns Kinder am 6. Dezember immer so reichlich beschenkt?

 Ich fragte meine Mutter. Sie erzählte mir, dass der Bischof Nikolaus von Myra im sechsten Jahrhundert in Kleinasien gebt hatte. "Das ist heute die Türkei", fügte meine Mutter hinzu. "Der Legende nach war der Nikolaus ein guter Mensch. Er war großzügig und kümmerte sich um arme Leute - wohl besonders um Kinder. Deshalb wird er heute von gläubigen Christen als Heiliger verehrt", erzählte sie weiter.  

Diese Legende beeindruckte mich und machte mich nachdenklich. Aber nicht nur deshalb konnte ich in dieser Nacht schlecht einschlafen.  Immer wieder lauschte ich, ob ich den Nikolaus auf dem Flur hören konnte. Da! Schritte? Nein, alles war ruhig, und irgendwann fielen mir dann doch vor Müdigkeit die Augen zu.  

Am nächsten Tag stürmte ich sofort zur Tür. Tatsächlich! Auch diesmal hat der Nikolaus es gut mit mir gemeint. In dem Stiefel waren Zuckerstangen,  daneben lag ein grüner Pullover, den ich mir schon so lange gewünscht hatte. Woher wusste der Nikolaus davon? Ich hatte diesen  Wunsch doch nur meiner Mutter erzählt. Egal,  und etwas weiter hinter dem Stiefel stand noch eine schöne gelbe Kerze mit einem Tannenbaum-Motiv.  Was würde die Kerze für ein warmes Licht geben! Ich freute mich. 

Doch dann sah ich zur Wohnungstür von Herrn Schürer. Davor standen seine ausgetretenen Straßenschuhe. Leer. Mir fielen die Worte meiner Mutter ein. Da nahm ich die Kerze und legte sie in die Schuhe von Herrn Schürer. Keiner hatte mich gesehen. Dachte ich. Am Nachmittag, als ich von der Schule nach Hause kam, wartete Herr Schürer auf mich im Flur.  "Hast du mir die Kerze geschenkt?", fragte er mit leiser Stimme, und mir war so, als ob er eine Träne heimlich wegwischte. Ich antwortete: "Nein, das war der heilige Nikolaus."   

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