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Der Herr der Huschhalle

Im „Imbiss am Dreikaiserhof“ treffen sich die am Leben Gescheiterten. Inhaber Falk Rohde sieht nach dem Rechten – und träumt von der Südsee.

Von Ulrich Wolf

Dresden. Auf dem Tisch gleich rechts stehen acht leere Flaschen Bier. Achtlos beiseite geschoben von sechs Männern und zwei Frauen, die im „Imbiss am Dreikaiserhof“ die Nacht ausklingen lassen. Es ist erst kurz nach sechs in der Früh. Zigarettenqualm brennt in den Augen. Die Gäste dürften zwischen 40 und 50 Jahre alt sein. Nur Kevin nicht, der ist höchstens 30. Der junge Mann ist fast zwei Meter groß, hat ein Kreuz wie ein Kleiderschrank. Verpackt in eine blau-weiß karierte Steppjacke mit Kapuze fragt er: „Ey du, will‘ste Armdrücken?“ Kevin stellt sein Bier ab, präsentiert seine Muskeln wie ein Bodybuilder. Der Versuch, das Angebot abzulehnen, scheitert. „Bist wohl ein Intellektueller, wa!?“ Doch Kevin ist nach der durchzechten Nacht nicht mehr fit: Er verliert – und trollt sich.

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Verlierer sind sie irgendwie alle in diesem Imbiss im Dresdner Stadtteil Löbtau. Der Volksmund nennt sie „Huschhalle“. So hieß früher eine Trinkstube gegenüber, die in den Eingangstrümmern des ehemaligen Hotels „Dreikaiserhof“ entstanden war. Dort huschte man nach Feierabend schnell auf ein Bier rein – bis zum Abriss 1970. Der heutige „Imbiss am Dreikaiserhof“ hingegen war mal eine große Straßenbahnhaltestelle. Die das Vordach tragenden Säulen stammen aus dem Bauschutt des im Krieg zerstörten Löbtauer Rathauses.

Seit 1998 gehört dem Dresdner Falk Rohde die Immobilie. Gut 80.000 Euro kostete sie. Seine Versuche, den Imbiss zu verpachten, gingen schief. Seit zweieinhalb Jahren führt Rohde selbst die Geschäfte. Der rund 20 Quadratmeter große Gastraum erinnert immer noch an einen Warteraum aus längst vergangenen Zeiten der Dresdner Verkehrsbetriebe. Gelb gestrichene Wände, marmorierte Steinplatten auf dem Boden, Holzbänke und -tische, ein paar Plastikstühle. Hinten rechts führen zwei grüne Stahltüren ins Nichts. An einer steht: „Bitte achten Sie auf ihre Garderobe und Wertgegenstände.“ Dort waren früher Telefonzellen. Den Anschluss längst verpasst haben die Menschen, die sich hier treffen. Für sie ist Kevins Niederlage im Armdrücken bemerkenswert.

Für Automaten-Britta zum Beispiel. Seit einer halben Stunde sitzt sie vor einem der vier Spielautomaten. Ihre schwarze Jacke hat sie anbehalten, die weißen Turnschuhe stützen sich auf den unteren Ring des Barhockers. Gerade hat sie das im Ton immer höher werdende „Düd, död, düd, död“ des Automaten per Stop-Taste unterbrochen. Sie versucht sich als Friedensstifterin. „Quatscht über eure Probleme daheeme“, ruft sie den Männern am Ecktisch zu. Dort krakelt „Joe“, ein schmächtiger, aber drahtiger Kerl mit grauem Pullover und schmutzigen Jeans. Er macht seinen Kumpel Bruno an. „Du Wichser! Du machst mit meiner Alten rum, dieser Schwabenhure“. Am völlig übermüdeten Bruno rauscht die Tirade vorbei. Er setzt sich nur noch mit dem Wort „Idiot“ zur Wehr. Am Nachbartisch sitzt Franz. Unter dem grauen T-Shirt verbirgt er einen mächtigen Bauch, auf seiner Brust baumelt ein silbernes Kreuz. Seine Augen starren auf ein einsames Eibauer.

Der seltsame Kauz

„Das ist ein seltsamer Kauz“, sagt Imbiss-Chef Rohde. „Der bringt immer sein eigenes Glas mit und seinen eigenen Aschenbecher.“ Alle halbe Stunde schaut der 53-Jährige nach dem Rechten, wischt Tische ab, leert Aschenbecher. Das fällt ihm schwer: Rohde ist Nichtraucher. Seine weinrote Arbeitsjacke halten acht Knöpfe zusammen, auf die Smilies gedruckt sind. Sein Reich ist gemeinhin die andere Hälfte des Gebäudes. Dort ist der Straßenverkauf, das Getränkelager, die Küche, die Kasse und ein fast immer leerer Nichtraucherraum.

Draußen ist es derweil hell geworden. Durch die vergilbten Gardinen fällt kaum Licht. Die weiße Eingangstür mit Drehknauf ist fensterlos, im unteren Drittel mit Stahlblech verstärkt. Auf ihrer Innenseite findet sich der Hinweis: „Toilette um die Ecke eine Etage tiefer“. Darunter klebt eine Anzeigen-Persiflage auf die Bundesagentur für Arbeit: Ein Pinup-Girl wirbt: „Sex am Arbeitsplatz ist gut“.

Um kurz vor acht erhebt sich am Kevin-Bruno-Joe-Tisch eine kleinwüchsige Gestalt. Die Zähne sind vergilbt, stehen schief, als sei ein Orkan durch das Gebiss gefegt. Der Mann kann sich kaum noch auf den Beinen halten, bittet mit letzter Konzentration um eine Zigarette. Bruno macht sich auf den Weg zur Toilette. Joe will gehen, bleibt dann aber doch. Er beginnt, mit Kevin Telefonnummern auszutauschen. Beide haben aufklappbare Handys. Bruno kehrt torkelnd von der tiefer gelegenen Toilette zurück. Die zweite Frau im Raum, Christine, mustert ihn. „Haste auch nicht daneben gepullert?“ Bruno bleibt die Antwort schuldig. Er setzt sich, legt die verschränkten Arme auf den Tisch, bettet seinen Kopf darauf und schläft ein. Automaten-Britta verabschiedet sich mit einem Klopfen auf jeden der drei Tische.

Joe ordert noch vier Bier. Nun ermahnt auch Rohde ihn, leiser zu sein. Rohdes einzige direkte Verbindung zum Gastraum ist eine Durchreiche, die mit einen Gitterkreuz geschützt ist. „Das ist heute ja mal wieder die Creme de la Creme hier“, sagt er. „Die Reste der Nacht.“ Er kennt sie fast alle. „Irgendwie sind sie ganz normal“, erzählt Rode. „Sie streiten und versöhnen sich, trennen und lieben sich, gehen aufeinander los und halten doch zusammen.“ 70 Prozent seiner Gäste seien Stammgäste: Arbeitslose vor allem und vereinsamte Rentner, manchmal auch Obdachlose. „Manche kommen nur nachts, das sind eher die Lauten. Manche sehe ich nur mittags, das sind eher die Ruhigen.“

Um halb neun haben Kevin, Joe und Franz immer noch keine Lust auf ihr Zuhause. Sie setzen sich zum Skat zusammen. „Ohne Aufschreiben, nur so“. Schon in der ersten Runde gibt es Streit um die Regeln. Zwei neue Gäste treten ein. Einer trägt eine braune Pelzjacke, hat strähniges, nach links gescheiteltes Haar, einen grauen Schnäuzer bis zum Kinn und mächtige Koteletten. Kaum sitzt er, entzündet er ein Zigarillo. Er könnte einem US-Krimi aus den 1970er-Jahren entsprungen sein.

Das spielende Rumpelstilzchen Der andere ist Gustav. „Rumpelstilzchen“ nennen sie ihn hier. Er steuert gleich einen elektronischen Mensch-ärger-dich-nicht-Spieltisch an. Gegen den spielt er, täglich. Fast immer allein. Seine besten Freunde heißen Freiberger und Jägermeister-Cola. Er spielt und schweigt und stottert ein wenig, wenn er mit dem Tisch spricht. Inhaber Falk Rohde hat rund um die Uhr geöffnet. Nur zwischen fünf und sechs Uhr morgens gibt es nichts. Die Schichten teilt er mit sieben Teilzeit-Angestellten und seiner Ex-Frau. Die heißt Bonny und ist Thailänderin. „Die kann so gut kochen, da können Sie alle Asia-Restaurants hier glatt vergessen“, sagt Rohde. Mit ihr wollte er ein Thai-Haus eröffnen, damals, als er den „Imbiss am Dreikaiserhof“ erworben hatte. „Doch das kam nicht an.“ So blieb es bei Soljanka, Schaschlik, Bockwurst, Käsebrötchen und jeder Menge Bier.

Das Buch der Vorkomnisse

Wenn Rohde Frühschicht macht, schellt der Wecker um 4.20Uhr. „Ich wüsste gar nicht, was ich ohne den Imbiss machen sollte“, sagt der gelernte Anlagenmonteur. Immerhin: Der Laden wirft genügend ab. Pro Acht-Stunden-Schicht etwa 200 Euro. Das macht gut 20.000 Euro Umsatz im Monat. Von dem, was übrig bleibt, finanziert Rohde sein Hobby: Segeln. Auf der Ostsee hat er das schon gemacht. Vom Südsee-Törn träumt er.

Um kurz vor zehn zieht es Joe dann doch nach Hause. Auch Kevin will „jetzt endlich pofen“. Bruno steht von den Toten auf. Er kann sich kaum auf den Beinen halten, Christine stützt ihn. „Der Bruno“, erzählt Rohde, „der saß wegen Pillepalle im Knast, wegen Schwarzfahren oder so. In dieser Zeit starb seine Frau. Da hat er sich nicht mehr von erholt.“ Die Schicksale seiner Kunden lässt Rohde nicht an sich ran, kalt aber lassen sie ihn auch nicht. „Sie schütten mir oft ihr Herz aus. Einen Psychologen können sie sich ja nicht leisten.“ Der Wirt berichtet von einem Stammgast, der plötzlich nicht mehr kam. „Auf meine Hinweise hin fand ihn die Polizei. Er hatte fast vier Wochen lang tot vor dem laufenden Fernseher gesessen.“

Im Gastraum, kurz vor elf, ist nun ein Kommen und Gehen. Jeder neue Gast bringt vom Straßenverkauf gleich sein Bier mit. Es gibt einfach keinen, der ohne kommt. Ein Mann mit rosa Hemd und brauner Jacke setzt sich zum Mensch-ärger-dich-nicht spielenden „Rumpelstilzchen“. Er jammert, dass Pfannkuchen 56 Cent kosten. Dafür sei die Volksmusik-CD für 4,99 Euro bei Schlecker ein Schnäppchen. Aus den Lautsprechern dudelt Radio PSR. Als in den Nachrichten der Name „Merkel“ fällt, sagt Franz: „Die soll sich mal nen Kopp machen, wie wir fünf Euro mehr kriegen.“ Gustav zahlt 7,80 Euro und bietet eine noch halb gefüllte Flasche „Freiberger“ zum Austrinken an. In seinen blauen Stoffbeutel packt er von Rohde bereitete Nudeln mit Gulasch. „Bis morgen!“

Falk Rohdes Schicht geht dem Ende zu. Unter dem Strich war es diesmal eher ruhig. Das ist nicht immer so. Rohde lässt Buch führen über „Vorkommnisse“. Sie sind in einer schwarzen Din-A4-Kladde notiert. Der erste Eintrag stammt vom 21. Dezember 2008 und berichtet über den gewalttätigen Polen S. Der bislang letzte Eintrag ist vom 30. November vorigen Jahres, 2.15 Uhr: „Notarzt gerufen. Männliche Person bewusstlos vor der Halle.“ Dazwischen liegen 64 Vorkommnisse wie: Eine Dame wirft mit Flaschen. Lutz schlägt Gast zusammen. Stahli schmeißt Aschenbecher. 15 Vermummte prügeln mit Holzknüppeln. Männertoilette steht unter Wasser. Mülltonnen liegen in der Weißeritz. Ein Gast schmeißt mit Stühlen. S. fährt mit dem Fahrrad in den Gastraum. Sieglinde beim Tanzen gestürzt.

Von den Nachtschwärmern sitzt zu Rohdes Schichtende um 13.30 Uhr nur noch Franz im Gastraum. Er starrt wieder auf sein einsames Eibauer. Rohdes Ex-Frau Bonny trifft ein. Vier Wochen war sie weg, daheim in Thailand. Mit ihr hat Rohde keine Pläne mehr. Für den Imbiss schon: Eine Terrasse will er anbauen, zur Weißeritz hin. „Dann könnte ich mal dem Wasser zusehen.“ Und vermutlich auch vom Segeltörn in der Südsee träumen.

Die Vornamen der Gäste sind geändert.