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Der Hund, der Menschen jagt

Polizeihund Hippie folgt in Großenhain zwei Tage alter Duftspur. Prüfung bestanden.

© Kristin Richter

Von Birgit Ulbricht

Großenhain. Hippie ist wie eine Maschine! Die Polizistin freut sich, Hände werden geschüttelt, der Schweiß wird von der Stirn gewischt. Die alte Bloodhound-Dame Hippie hat wieder einmal allen vorgemacht: Die achtjährige Hündin hat ihren Mann gefunden. Hundeführer Jörg Kempe aus Zwickau freut sich, hochrot im Gesicht und mit einem breiten Grinsen. Schließlich ist Hippie nicht mehr die Jüngste und die Schwüle hat beiden zugesetzt – Mensch und Hund. Zunächst döste die Hündin noch im Hundefänger bei geöffneten Türen am Hauptmarkt unter den Bäumen vor sich hin – ziemlich cool für einen Prüfungskandidaten. Die Kommission will sehen, ob es das Personensuchteam Mensch-Hund noch drauf hat. Am Mittwoch fand die diesjährige Prüfung der Landesdiensthundeschule Naustadt (Klipphausen) in Großenhain statt. Jens Noack, der Leiter der Diensthundeschule, hat klaren Heimvorteil – schließlich ist er Großenhainer.

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Stephanie Marx und Dieter Schmidt prüfen die Arbeit von Hund-Mensch. Beide folgen unbeirrt der Spur.
Stephanie Marx und Dieter Schmidt prüfen die Arbeit von Hund-Mensch. Beide folgen unbeirrt der Spur. © Kristin Richter
Suchhunde müssen bei der Hitze zwischendurch unbedingt trinken.
Suchhunde müssen bei der Hitze zwischendurch unbedingt trinken. © Kristin Richter
Der Gesuchte ist gefunden. Dafür gibt es Leberwurst aus der Tube und extra Knuddeleinheiten.
Der Gesuchte ist gefunden. Dafür gibt es Leberwurst aus der Tube und extra Knuddeleinheiten. © Kristin Richter

Als die Ansage kommt, dass eine Diensthundeführerin auf der Johannes-R.-Becher-Straße bei der AOK abgeholt werden muss, weiß er natürlich sofort, wo das ist. Das zweite Prüfungsteam sind Jörg Kempe mit Hundedame Hippie. Der Start am Hauptmarkt wird von den Großenhainern mit viel Interesse verfolgt. Suchen die Drogen? Gibt es eine Razzia? Man flüstert, zeigt auf den Polizeipulk, der gerade um die Ecke biegt. Hippie ist so schnell, dass der Tross in Laufschritt verfällt. Es geht über den Musikerring, die Dresdener Kreuzung, schließlich zieht sie ab zur Seebrücke, trabt an den Spielplatz. Pause. Hippie muss trinken. Die Suchhunde sind derart angestrengt bei der Sache, dass der Hundeführer immer eine Wasserflasche dabeihaben muss. Sonst würde ein Bloodhound kollabieren bei diesen Temperaturen. Jens Noack beobachtet das Szenario immer aus einiger Entfernung. Der Ablauf ist wichtig, er muss wissen, wie gut seine Teams aufeinander eingespielt sind. Jörg Kempe ist mit Hippie bei rund 150 Einsätzen im Jahr.

Es sind die spektakulären Fälle, in denen der überaus faltige Bloodhound Hippie mit seinen langen Ohren gerufen wird. Kenner sagen, die Rasse wurde so gezüchtet, damit der Hund so gut wie nicht auf Sicht läuft, was er nicht kann, weil alles vor den Augen hängt. Entscheidend ist nur die Nase des gebürtigen Jagdhundes. Und die ist einzigartig. Sie kann einzelne Moleküle riechen, herausfiltern und dranbleiben.

Bei einem Vortrag an der Polizei-Fachhochschule Rothenburg hat ein Professor den Vergleich gebracht, dass ein Bloodhound, zu deutsch Bluthund, ein Stück Würfelzucker in einem Hafenbecken riechen könnte. Da hilft es auch nicht, wenn sich der Gesuchte vorher duscht oder parfümiert. Geruch lässt sich nicht maskieren. Nicht bei diesen Hunden. Am Montag ist Witek Gierlachowski, ein polnischer Austausch-Polizist, zwei Kilometer durch Großenhain gelaufen. Mehr nicht. Er hat keine Stoffreste hinterlassen, nichts dergleichen. Am Mittwoch folgt Hippie seinem Duftmolekül anstandslos bis zum Betriebsparkplatz der Firma Ausbau. Hier sitzt der Gesuchte auf einer Treppenstufe.

Als Hippie im Polizei-Pulk von der Martin-Scheumann-Straße einbiegt, geht sie unbeirrt auf „ihren“ Mann zu. Sie hat ihn gefunden. Selbst bei der Hitze springt sie hoch, legt ihm die Pfoten an die Schultern. Witek Gierlachowski knuddelt die Hündin – und hat zur Belohnung eine Tube Leberwurst bei der Hand. Im Einsatz würde der Hundeführer solche Begrüßungsfreude tunlichst verhindern, schließlich will nicht jeder gefunden werden. Das ruhige Anzeigen reicht völlig. Dann ist der Mensch dran. Auch bei dementen Personen oder Kindern ist anspringen nicht erlaubt, erzählt Jens Noack. Sie könnten schließlich Angst bekommen.

Personensuchhunde sind deshalb niemals Schutzhunde. Sie sollen niemand stellen oder beißen. Sie folgen nur einem Duft. Weder freudige Kinderangriffe noch andere Hunde dürfen sie davon ablenken. Und sie sind entweder als Drogensuchhunde oder Sprengstoffhunde im Einsatz – sonst wüsste der Diensthundeführer schließlich nicht, ob sein Schützling grad eine Bombe oder Heroin erschnüffelt hat. Hündinnen sind da übrigens geeigneter als Rüden. Sie arbeiten zielstrebiger. Mit „Polizeikommissar Rex“ aus dem Fernsehen hat Hippies Arbeitsleben also recht wenig zu tun. Obwohl, im persönlichen Einsatz der Hundeführer für ihre vierbeinigen Freunde schon. Denn wenn Sachsens Hundeeinkäufer einen hoffnungsvollen Bloodhoundwelpen erworben hat, lebt der von Anfang an bei seinem Menschen. Auch wenn Hippie und Co Staatshunde sind, ihre Kinderstube und auch ihren Altenteil verbringen die Diensthunde privat bei ihrem Menschen. Etwas anderes würde diese gar nicht übers Herz bringen – denn dem Staat wäre alles andere zu teuer.