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Der Jungspund der Genossen

Sozialismus will er auf keinen Fall, eher alternativ leben. Wie junge Linke ticken und was die Alten dazu sagen.

Tom Schulze aus Zabeltitz ist einer von zehn Bewerbern um einen Platz im Stadtrat für die Partei Die Linke. Er ist 27 Jahre alt, Karosseriebauer und parteilos – neben Marianne Gerbert übrigens der einzige Parteilose bei den Genossen. © Anne Hübschmann

Großenhain. Tom passt nicht ins Bild. Tom Schulze ist 27 Jahre, arbeitet als Karossierbauer, trägt alternative Klamotten und einen kunstvoll zusammengebundenen Zopf. Parteibuch hat er keines. Der typische Genosse ist zwischen Anfang 60 und 75 Jahre, im Ruhestand, kleidet sich eher unauffällig, hat graues oder lichtes Haar und ist seit Jahrzehnten Genosse. 

Ob er den Sozialismus gern wieder zurückhätte, frage ich ihn? „Um Gottes willen, nein“, antwortet Tom regelrecht erschrocken. Tom Schulze tritt für Die Linke zur Stadtratswahl an. Eine gewisse Wärme und Menschlichkeit spüre er bei dieser Partei, die ihm anderswo fehle. Obwohl er sich für politische Bildung interessiert und solche Themen in der Jugendarbeit des Conny-Wessmann-Hauses immer eingebracht hat, kann er mit dem DDR-Kader nicht wirklich etwas anfangen.

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Was ist denn für junge Leute?

Die Linke, das ist für junge Leute wie Tom Schulze eine soziale Protestpartei, zu der sie aus dieser Jugendarbeit heraus findet – und meist genauso schnell wieder abwandert. „Ich will aber nicht in meiner Wohlfühlblase in der Großstadt leben, ich will mich hier einbringen“, sagt Tom.

Das ist schwierig, wie er festgestellt hat. Letzter Anlauf war, das Conny-Wessmann-Haus zu übernehmen, mit einem neuen Verein, mit einem neuen Konzept alternativer Jugendarbeit. Der Stadtrat hat das abgelehnt. Verständlich, angesichts der immensen Kosten, die ein faktischer Neuaufbau gekostet hätte. Denn jeglicher Bestandsschutz wäre weg gewesen. 

Die Leichtigkeit, mit der dieser Beschluss fiel, hat Tom zu denken gegeben. „Wenn die Einstellung des Gondelbetriebes der kulturelle Untergang für Großenhain ist, aber es kein Thema ist, ein Jugendhaus zu schließen, dann weiß ich nicht, wie Großenhain junge Leute halten will“, so sein Statement. Wenn es Großenhain nicht gelinge, alternative Lebenskultur auch auf das Land zu bringen, werde das wohl nichts mit der Jugend. Ein Anspruch, den er auch an die Parteien stellt, wenn sie nicht als Alten-Herren-Fraktion enden wollen.

Ob sich dann auch mehr junge Leute für die Großenhainer Linke interessieren würden? Tom Schulze zuckt mit den Schultern. Er weiß es auch nicht. Die Linke wird sich ändern, nur das weiß er. In den Großstädten könne man es ja sehen. Mit dem DDR-Lebensgefühl hat die Jugend nichts mehr am Hut. Mit strammen Post-Kommunismus gleich gar nicht. 

Und wie sehen das die Großenhainer Genossen? Harald Kühne, selbst jahrelang Stadtrat, sieht keine Probleme. „Man redet über seine Ansichten“, so Kühne. Die traditionelle Sympathie für das Conny-Wessmann-Haus verbindet. Ob Couragekonzert, Ausstellung oder Vortrag – die Älteren sind mit der alternativen Szene immer im Gespräch. Auch wenn einige längst weggezogen sind. 

Tom würde gern bleiben. Er findet es albern, wenn manche Jungen sagen, man könnte in diese Welt keine Kinder setzen und er bastelt an DDR-Oldtimern. Da wirkt der Alternative dann doch wieder ganz bodenständig. Auch wenn er sagt, er würde den Leuten gern ihre sozialen Ängste nehmen, dass sie einfach Mut zum Leben haben.

Selbst hat er sich auch auf den Weg gemacht: Neulich war er deshalb bei Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach. Nach der geplatzten Jugendhaus-Übernahme würde der Zabeltitzer gern etwas anders auf die Beine stellen. Doch was ist zeitgemäße Jugendarbeit heute überhaupt?

Clubs, in denen irgendwann 40-Jährige auf der Couch sitzen und Fußball schauen? Sicher nicht, meint Tom Schulze. Sven Mißbach hat ihn auf die Idee „Jugendcafé“ in der Alten Kelterei gebracht. Vielleicht wird etwas daraus. Er wird es versuchen. Ob als Stadtrat, darüber entscheiden dann die Großenhainer.

Tom Schulze aus Zabeltitz steht auf Listenplatz fünf – von insgesamt zehn Bewerbern. Auch das ist eine Wertschätzung der Alt-Genossen für ihren Jungspund. Auch wenn Stadtratswahlen ohnehin reine Personenwahlen sind.

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