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Der Kampf gegen den Windelmüll

Mit ihrer „Windelmanufaktur“ will Stephanie Oppitz weg von der Wegwerfgesellschaft.

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© Ronald Bonß

Von Stephan Hönigschmid

Es war schon erstaunlich. Sage und schreibe 150 Windeln wanderten in den Müll, als Stephanie Oppitz und ihr Mann Volker vor einigen Jahren mit ihren drei kleinen Kindern im Ostseeurlaub auf Usedom waren. „Uns ist das damals zum ersten Mal so richtig aufgefallen, weil man den Müll dort eine Woche sammeln musste“, erinnert sich die Dresdnerin.

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Bis zu diesem Zeitpunkt war ihr das gar nicht so bewusst, galt doch daheim in der Neustadt im Mehrfamilienhaus mit großem Sammelcontainer eher der Spruch: Aus den Augen, aus dem Sinn. Doch auch wenn das bequem gewesen ist, wollte die umweltbewusste Architektin nach ihrer Rückkehr nicht so weitermachen wie bisher.

„Ich bin dann zum Kaleb-Zentrum am Martin-Luther-Platz gegangen und habe dort noch einige Stoffwindeln aus DDR-Zeiten gefunden“, erzählt Oppitz. Doch auch wenn sich dadurch der Müllberg verkleinerte, war sie trotzdem unzufrieden. „Ich habe das ein Vierteljahr ausprobiert und damit gewickelt. In dieser Zeit musste ich allerdings fast jeden Tag die Waschmaschine anstellen, was am Ende auch nicht ökologisch war.“

Das Hauptproblem bestand darin, dass die Kinder auch bei den meisten Stoffwindeln beinahe komplett in der Nässe saßen und die Windeln daher jedes Mal vollständig gewechselt werden mussten. „Von der Hüfte bis zum Bauchnabel war alles feucht. Das war eindeutig zu viel. Ich habe daher immer öfter darüber nachgedacht, wie man die feuchte Fläche verringern könnte, damit sich das Kind wohler fühlt und sich der Wäscheberg verkleinert“, sagt die 38-Jährige. Ohne dass sie es in diesem Augenblick ahnte, war das die Geburtsstunde ihrer Firma „Windelmanufaktur“. „Ich habe ja eigentlich noch meine Doktorarbeit geschrieben, aber das Thema hat mich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr losgelassen.“

Zudem bemerkte die Dresdnerin, dass der Markt für Stoffwindeln in Deutschland ziemlich unterentwickelt war. „Obwohl wir Deutschen die leistungsfähigsten Waschmaschinen der Welt haben, gab es 2013 moderne Stoffwindeln vor allem in den USA und England“, erzählt Oppitz. Das wollte sie gern ändern und sah ihre Chance.

„Ich habe mich in Internetforen mit anderen Frauen ausgetauscht und dann angefangen, verschiedene Prototypen zu nähen.“ Etwa 50 waren nötig, bis sie ihr heutiges dreiteiliges System gefunden hatte. Es besteht aus einer Außenschicht aus Baumwolle, einer wasserdichten Innenschicht sowie einer Einlage. Die Einlage erinnert dabei nicht nur zufällig an Slipeinlagen von Frauen. Ähnlich wie bei der Menstruation soll die Feuchtigkeit in der Windel aufgesogen werden, während die Außenschicht der Windel trocken bleibt und so nicht jedes Mal gewaschen werden muss.

Als Stephanie Oppitz 2014 mit dem Verkauf begann, merkte sie schnell, dass sich die einjährige Entwicklungszeit gelohnt hatte. „Ich konnte mich von Anfang an über eine große Nachfrage freuen. Vor allem Menschen, denen die Umwelt am Herzen liegt, haben bei mir gekauft“, sagt die 38-Jährige. Sie ging mit drei Modellen an den Start, die je nach Stoffqualität und Design zwischen 29,95 Euro und 64,95 Euro kosteten. Das, sagt Oppitz, wirke auf den ersten Blick zwar teuer. Im Vergleich zu Wegwerfwindeln rechne sich die Investition aber spätestens nach einem Jahr.

Die Stückzahlen hielt Oppitz bewusst klein, weil sie kein unnötiges finanzielles Risiko eingehen wollte und auch nicht an einem Investor interessiert war. „Wenn es mir nur ums Geldverdienen gegangen wäre, hätte ich mich auch fest anstellen lassen können. Mir war ja gerade wichtig, dass ich mein eigener Chef bin“, erklärt Oppitz. Ihr erstes Ziel war daher auch, 300 Euro zu verdienen, um ihrem Sohn ein neues Fahrrad kaufen zu können. „Da mein Mann Fußball-Profi und später Geschäftsführer bei Dynamo war, konnte ich ruhig und gewissenhaft planen, weil ich nicht sofort meinen Lebensunterhalt verdienen musste“, sagt Oppitz. Fleißig war sie dennoch. 80 Stunden pro Woche verbrachte sie in ihrer Werkstatt, um peu à peu die Aufträge abzuarbeiten. „Ich habe beispielsweise fünf Windeln produziert und verkauft – und mit dem Geld die nächsten zehn in Angriff genommen.“ Nebenbei bespielte sie sämtliche Social-Media-Kanäle, kümmerte sich um die Buchhaltung und beantwortete die Mails.

Obwohl Windeln bis zum heutigen Tag das Hauptgeschäft der „Windelmanufaktur“ geblieben sind, denkt sich Oppitz ständig neue Produkte aus. So hat sie bereits Stilleinlagen und Flanellfeuchttücher auf den Markt gebracht und plant ein eigenes Label für Damenslipeinlagen.

Ganz gleich jedoch, um welche Ware es sich handelt und ob die Stoffe dafür aus Europa, Asien oder Südamerika kommen, eines ist der Gründerin besonders wichtig: „Wir beziehen keine Billigware. Alle Materialien sind von bester Qualität und so fair und ökologisch wie möglich produziert.“

Mit dieser Philosophie ist ihre „Windelmanufaktur“ in den vergangenen drei Jahren kontinuierlich gewachsen. Oppitz beschäftigt mittlerweile neun Mitarbeiterinnen. „Ich muss mich ständig neu erfinden. Die Firma ist nicht mehr winzig, aber auch noch nicht groß.“ Das bringt quasi nebenbei neue Fragen – etwa die, „welche Hierarchien man etabliert und wie man am besten Konflikte löst“, erzählt die Gründerin.

Abgesehen von der internen Dynamik, existiert auch Druck von außen. Die Konkurrenz schläft nicht. Das weiß Stephanie Oppitz nur zu gut. „Leider wird viel kopiert. Man muss besser und innovativer als andere sein, um eine Chance zu haben“, sagt die Gründerin.

www.windelmanufaktur.com