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Der Kandidatenmacher

SPD-Chef Sigmar Gabriel zieht auf dem Parteitag die Delegierten in seinen Bann – und sieht sich weiter im Rennen ums Kanzleramt. Spätestens Anfang 2013 will er den Kandidaten vorschlagen.

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Von Peter Heimann, Berlin

Für Ingo Appelt, den Komiker mit dem schwarzen Humor und den roten Ansichten, ist die Sache klar. „Für mich bist Du der SPD-Kanzlerkandidat“, ruft er seinem gerade wiedergewählten Parteichef Sigmar Gabriel zu, als der ihm kurz vor der Essenausgabe über den Weg läuft. Gabriel grinst nur: „Ach lass mal.“ Niemand weiß genau, ob der Gaukler es ernst gemeint hat oder doch nur einen Lacher will.

Sicher aber ist spätestens seit gestern: Gabriel, einst der Pop-Beauftragte der ältesten deutschen Partei, hat alles in Hand. Mit ihm als Parteichef ziehen die Sozialdemokraten in die Bundestagswahl 2013. Wenn er will – und Chancen sieht –, könnte er als Spitzenmann der Genossen gegen Angela Merkel antreten. Wenn er will, könnte er auch einen der beiden „Stones“ – die früheren Bundesminister Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück – vorschlagen. Oder auch jemand anderen.

Nur einer hat schon definitiv abgesagt: Altkanzler Helmut Schmidt. Den hatten die Genossen zwar tags zuvor gefeiert wie eine Ikone. Dennoch, sagt Gabriel fast am Ende seiner oft von Beifall unterbrochenen 90-Minuten-Rede: „Helmut wollte nicht mehr. Ich hab‘ ihn gefragt.“

Kandidatenfrage bleibt offen

Die Passage hatte Gabriel, der einzige derzeit wirklich brillante Redner der Partei, erst am frühen Morgen eingefügt. Tagelang hatte der für seine scharfe Rhetorik und den Wortwitz gefürchtete Vorsitzende an seiner Parteitagsrede gefeilt. Er gehört zu den Politikern, die große Teile ihrer Reden selbst schreiben. Gestern Morgen Punkt 7.37 Uhr bekamen enge Mitarbeiter die letzte Fassung gemailt.

Gabriel rückte seine Partei wieder ein Stück nach links, genauer: „Mitte links“. Und erklärte die Zeit der Depression nach der bitteren Wahlniederlage 2009 für beendet. Vor allem aber stellte er die Partei in den Mittelpunkt. Die Delegierten fordert er auf, den Medienwirbel um den SPD-Kanzlerkandidaten „heiter und gelassen“ zu ertragen. Er werde Ende 2012, Anfang 2013 einen Vorschlag machen, wer kandidieren soll: „Und dann entscheidet die Partei –- und sonst niemand.“ Donnernder Applaus.

Gleich mehrmals aber machte Gabriel deutlich, dass er sich selbst noch längst nicht aus dem Rennen genommen hat. „Hier gibt es kein Casting. Die, die das schreiben, verstehen zu wenig von Politik“, sagte Gabriel über Einschätzungen, der Parteitag sei nur ein „Schaulaufen“ der drei möglichen SPD-Kanzlerkandidaten. Dies wiederum bedeute aber nun nicht, „dass ich verzichte“, schiebt er für alle Fälle hinterher: „Das tue ich nicht.“

Egal, welcher Sozi 2013 ins Kanzleramt einziehe, fügt Gabriel hinzu: „Klar ist: Angela Merkel ist es dann nicht mehr.“ Die SPD sei jetzt „wieder im Spiel und in manchen Umfragen wieder auf Augenhöhe mit der Union“. Gabriel kündigte an: „Wir wollen mit den Grünen als Koalitionspartner regieren. Das ist eine echte Veränderungspolitik in Deutschland.“ Man müsse Koalitionen mit Inhalten begründen „und nicht nur mit purer Machttaktik“, sagte Gabriel unter Anspielung auf die schwarz-gelbe Koalition. „Wir wollen keine Liebesheirat, kein Projekt, sondern wir wollen gemeinsame Politik machen.“

Alle rhetorischen Register

Gabriel warb für eine neue „Allianz der Gerechtigkeit“ im Kampf gegen die europäische Schuldenkrise und den „gnadenlosen Kasinokapitalismus“. Im Gegensatz zur CDU-Chefin Merkel wolle die SPD keine „marktkonforme Demokratie“. Gabriel: „Wir wollen einen demokratiekonformen Markt.“

Der SPD-Chef zieht alle rhetorischen Register, spricht mal leise, mal lauter, angriffslustig wie ein Kanzlerkandidat, nie langweilig. Die Hauptbotschaft kommt an: Der SPD gehe es so gut wie seit Jahren nicht mehr. Als der Beifall am Ende nicht abebben will, stürmt der Gefeierte noch einmal aufs Podium. „Lasst das doch sein, das müsst ihr nicht. Wenn ihr nicht gleich aufhört, kommen wir zu spät zum Parteiabend.“

Vor der anschließenden Wahl wird in den Gängen erzählt, der Siggi wolle unbedingt noch ein besseres Ergebnis als bei seinem Traumstart vor zwei Jahren in Dresden – wegen seiner Mitbewerber ums Kanzleramt. Dies könne dann sogar so etwas wie der sofortige Aufschlag für die eigene Spitzenkandidatur 2013 sein.

Doch diesen Gefallen tun ihm die Delegierten nicht. 2,6 Prozentpunkte weniger als vor zwei Jahren bekommt er. Sehr, sehr ordentlich, lauten die Kommentare. Das sei ein „ehrlicheres Ergebnis“ als beim letzten Mal, erklärt Gabriel hinterher selbst. Er sei schließlich auch in der eigenen Partei nicht Everybody’s Darling. Da weiß er noch nicht, dass ihn seine Stellvertreterin Hannelore Kraft bei der Wahl mit einem Spitzenergebnis nahe der 100 Prozent überflügeln wird. Die populäre Ministerpräsidentin aus Düsseldorf haben in der Partei einige noch im Köcher, wenn es tatsächlich um die K-Verteilung geht.