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Der Karneval und die Geschichten der alten Männer

Wie Santiago de Cuba am 26. Juli den Beginn der Revolution vor 65 Jahren feiert.

© AFP/Getty Images

Von Peter Chemnitz, Santiago

Für Jonatan, Manuel, Jan-Pedro und die anderen Jungen wird die Nacht zum 26. Juli wohl sehr kurz werden. Wahrscheinlich werden die meisten von ihnen vor Aufregung überhaupt nicht schlafen. Schließlich stürmt man nicht jeden Tag eine Armeekaserne. Noch dazu die einst zweitgrößte des Landes. Detailliert haben die Veteranen sie eingewiesen. Punkt fünf Uhr werden die Elf- bis Dreizehnjährigen, in originalen US-amerikanischen Oldtimern chauffiert, vor der Moncada-Kaserne im Zentrum von Santiago de Cuba vorfahren und symbolisch das Feuer auf die Soldaten Batistas eröffnen.

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Die Einzelzeiten sind bekannt. Beinahe jeden Tag berichtet das kubanische Staatsfernsehen in diesen Tagen von dem Angriff auf die Moncada-Kaserne vor 65 Jahren. Landkarten zeigen den Weg, den die 165 Umstürzler unter Führung von Fidel Castro von ihrem Versteck im Dorf Siboney aus genommen haben, wie sie sich in der Stadt verteilten, um nicht nur die Militäranlage, sondern zudem das Justizgebäude und die Rundfunkstation in ihren Besitz zu bringen. Was der Auftakt zu einem landesweiten Aufstand werden sollte, endete in einem Fiasko, das rund 70 der Angreifer mit dem Leben bezahlten. Die Geschichte jenes Morgens ist oft von Überlebenden erzählt worden. Einige Räume der heute als Schule fungierenden Kaserne dienen als Museum.

Der aus Sicht der Historiker dilettantische, geradezu selbstmörderische Angriff ortsunkundiger Rebellen auf die gut gesicherte Militäranlage gilt als der Ursprungsmythos der kubanischen Revolution. Warum das so ist, und nicht etwa der 1. Januar 1959, also der Sieg des Guerillas über den Diktator, gefeiert wird, liegt in der Person Fidel Castros begründet. Der ging aus dem Umsturzversuch gestärkt hervor.

Die von siegreichen Militärs präsentierten grausamen Fotos von gefolterten und getöteten Rebellen erschreckten die Öffentlichkeit so sehr, dass das Gerichtsverfahren gegen Fidel Castro als Anführer der Revolte nicht nur die kubanischen Medien interessierte. Der junge Anwalt nutzte wiederum das Verfahren, um sich als sein eigener Anwalt zu profilieren. Berühmt seine mitreißende Verteidigungsrede mit der Schlussfolgerung: „Die Geschichte wird mich freisprechen.“

Nach dem Datum des Umsturzversuchs benannte Castro seine Basisorganisation, die „Bewegung 26. Juli“, deren schwarz-rote Fahne seit dem Sieg der Revolution gleichberechtigt zur kubanischen Nationalfahne weht. Am Rathaus von Santiago beispielsweise und selbstverständlich am Sitz der Provinzialregierung. Penibel lassen die Funktionäre hier an großen Plakaten die Tage zählen bis zum großen Jubiläum.

Die Santiagueros dagegen zählen anders. Für sie ist der Höhepunkt des Ferienmonats der vom 21. bis 27. Juli stattfindende Karneval, der berühmteste der Insel. Den Jahrestag des bewaffneten Aufstandes haben sie kurzerhand mit in die Feierlichkeiten eingebunden. Pappmachéfiguren grinsen den Besuchern entgegen und weisen ganz nebenher auf „60 del triunfo“ und „65 Aniversario 26“ – Erinnerungen an einen blutigen Umsturzversuch mitten im bunten Volksfest.

Der 88-jährige Sabas Garcial Cespedes hat aus dem untersten Schubfach seines Schlafzimmerschranks einen Leinenbeutel geholt. Jetzt sitzt er im Schaukelstuhl und fingert aus dem Beutel eine Plastiktüte und aus dieser schließlich kleine Schachteln. Medaille für Medaille, Orden für Orden legt er auf den Fußboden. Silbern und golden glänzen die Erinnerungen an vergangene Siege und Jahrestage. Garcial ist ein kubanischer Held, Mitglied der „Asociacion Combatientes de la Revolucion Cubana“. Ein Ausweis mit Passbild weist ihn als einstiges Mitglied des Rebellenheeres aus.

Mit dem Papier könnte er sich an jeder kubanischen Warteschlange vordrängeln. Aber das macht ein alter Guerillakämpfer natürlich nicht. „Schön blöd, Opa“, sagt die 28-jährige Enkelin, die bisher gelangweilt den revolutionären Tiraden gelauscht und sich kurz für den Ausweis interessiert hat. Was der Großvater über seine Beweggründe erzählt, sich der Guerillabewegung in der Sierra Maestra anzuschließen, interessiert sie schon nicht mehr. Nicht seine Verhaftung durch die Geheimpolizei, weil es einen Spitzel in der Gruppe gab, nicht die 24 Monate in den Bergen, in denen er es bis zum Leutnant brachte, nicht der siegreiche Einzug in Santiago de Cuba.

„Es ging uns um die Freiheit Kubas und ein besseres Leben für alle“, sagt der alte Mann. Ob es sich gelohnt hat? Garcial wiegt den Kopf. Schaut nach der Enkelin, die eine Fahne der Yankees um den Kopf gebunden hat, um die schwarze Mähne zu bändigen, und mit einer Freundin das Shirt-Angebot einer illegalen Straßenverkäuferin begutachtet. „Wir haben viel geschafft, aber eine Revolution ist nie zu Ende, und sie braucht Mitstreiter.“

Es ist ein Generationenkonflikt. Für die Alten, die 70- bis 90-Jährigen, mischen sich die Kriege: Guerillakampf gegen die Soldaten Batistas, Abwehr der exilkubanischen Invasion in der Schweinebucht, Waffenhilfe im Kongo. Wer in den Bergen der Sierra Maestra gekämpft hat, war später meist zumindest als Reservist in Angola dabei, wo die kubanischen Streitkräfte die Südafrikaner das Fürchten lehrten. Viele kehrten traumatisiert auf die Insel zurück. Angel La Porte (70), der sich heute seine Rente als selbstständiger Bauunternehmer aufbessert, erzählt, wie ihn Albträume quälen, wie er dann mit einem Schrei aufwacht, und glaubt hinter seiner Vierlingsflak auf südafrikanische Jagdbomber zu schießen.

Es sind die Geschichten alter Männer, die die Enkel nicht mehr interessieren. Und die Veteranen sind rücksichtsvoll genug, ihre Erinnerungen im Morgengrauen des 26. Juli mit den minderjährigen Urenkeln zu feiern. Wenn die verkaterten Santiagueros erwachen, werden die Reden gehalten sein, werden Jonatan und seine Freunde etwas Schlaf nachholen. Bis zum Abend werden sie dann wieder fit sein für die letzten zwei Karnevaltage.