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Der Knie-Fall vor dem Marathon

Diagnose Arthrose! Schließt Sport nicht aus. Selbst Laufen ist möglich und sogar gewollt – sagt Sportarzt Axel Klein.

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© Ronald Bonß

Von Tino Meyer

Noch eine knappe Woche ist es bis zum Start. Das Training wird weniger, die Vorbereitung auf den Dresden-Marathon am Sonntag ist im Grunde abgeschlossen. Was der Läufer bis jetzt nicht in den Beinen hat, lässt sich so kurz vor dem großen Rennen – und sei es die Halbdistanz oder auch die 10-km-Kurzstrecke – nicht aufholen. Eine Binse in Läuferkreisen, klar. Genauso wie das Hoffen und Bangen: Jetzt nur nicht krank werden. Also werden Mützen, Schals und dicke Pullover rausgekramt – und man hört in den Körper hinein.

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Die Wetterprognose für den Sonntag: kühl bis heiter und leicht windig. Vor acht Jahren war das anders.
Die Wetterprognose für den Sonntag: kühl bis heiter und leicht windig. Vor acht Jahren war das anders. © Dehli-News
Marathon-Legende Waldemar Cierpinski an der Wand und das Kniegelenk in der Hand: Sportarzt Axel Klein.
Marathon-Legende Waldemar Cierpinski an der Wand und das Kniegelenk in der Hand: Sportarzt Axel Klein. © Ronald Bonß

Und tatsächlich zwickt das Knie ausgerechnet jetzt oder die Wade oder der Oberschenkel. Irgendwas ist eben immer. Axel Klein kennt das. Der Sportarzt aus Dresden ist selbst Läufer – und rät zur Gelassenheit. „Nach der sicher etwas intensiveren Vorbereitung auf den Marathon sind die Beine müde und schwer, das sind normale Reaktionen“, sagt Klein, der am Sonntag bei der 20. Auflage den Halbmarathon läuft. Locker, entspannt, ohne Zeitziel.

Keine pauschalen Empfehlungen

Seinen zweiten Auftritt des Wochenendes hat Klein tags zuvor: beim Laufmedizinischen Symposium, das zum Piepenbrock-Dresden-Marathon gehört wie Laufmesse und Pasta-Party. Klein organisiert die Info-Veranstaltung, die sich gleichermaßen an Ärzte, Physiotherapeuten, Sportlehrer und Läufer aller Leistungsklassen wendet, bereits zum neunten Mal.

Fünf Fachvorträge gibt es am Samstag im Dresdner Congress-Center. Es geht um eine mögliche Leistungssteigerung durch das Sonnenhormon Vitamin D, um die Zähne und deren Einfluss aufs Laufen, um den Unterschied zwischen Osteopathie und Chirotherapie, das Kompartmentsyndrom sowie die nicht nur in Läuferkreisen gefürchtete Diagnose Knie-Arthrose.

„Das ist immer noch die häufigste Ansage: Du hast Arthrose, lauf nicht mehr“, erzählt Klein aus der Praxis, also nicht aus seiner, sondern vielmehr dem medizinischen Alltag. Er selbst würde so etwas nie sagen, zumindest keinesfalls so pauschal. Laufen sei schließlich nicht gleich Laufen, anders als beispielsweise ein Marathon. Der ist immer und überall gleich: 42,195 Kilometer, die – egal, in welchem Tempo – bewältigt werden müssen. Mit aktivierter Knie-Arthrose unmöglich und dringend abzuraten.

„Laufen mit Knieverschleiß“ lautet deshalb der Titel des Vortrags, den Klein selbst hält. In 45 Minuten will der 50-Jährige darin die neue Leitlinie zur Knie-Arthrose vorstellen, medizinisch korrekt übrigens Gonarthrose. Sie zählt zu den häufigsten Abnutzungserscheinungen der Gelenke. Obwohl im Durchschnitt etwa 20 bis 40 Prozent der 60-Jährigen betroffen sind, ist der Knorpelschaden im Knie aber keine reine Alterserkrankung. Wie stark die Arthrose im Knie für Beschwerden sorgt, hängt auch vom eigenen Lebenswandel ab.

In der Leitlinie, die Anfang dieses Jahres die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie als Orientierung für die Branche verabschiedet hat, wird Sport bei Arthrose grundsätzlich befürwortet – in Abhängigkeit von der Belastung. Sogenannte Low-Impact-Sportarten, die als gelenkschonend gelten wie Schwimmen, Fahrradfahren oder auch Yoga und Pilates, werden vorbehaltlos befürwortet. Sie verbessern die Beweglichkeit, kräftigen die Muskulatur und steigern den Gelenkstoffwechsel. „Der Knorpelverschleiß lässt sich so aufhalten, eine Knorpelregeneration ist dagegen schwer möglich“, sagt der Orthopäde, der zugleich als Vorsitzender des sächsischen Sportärztebundes und unter anderem auch als Teamarzt von Dresdens Bundesliga-Footballern tätig ist.

Laufen ist nicht gleich Laufen

Anders verhält es sich bei High-Impact-Sportarten mit starken Stauchungen und Abstoppbewegungen wie Skifahren, Fußballspielen – und auch das Laufen im Sinne von Rennen. Die Leitlinie lehnt diese Sportarten im Prinzip generell ab, doch da widerspricht Klein. „Natürlich stellt sich dabei die Frage nach dem Leistungsanspruch. Aber wie gesagt: Laufen ist nicht gleich Laufen“, sagt er. Was konkret möglich ist, müsse nach eingehender Untersuchung von Fall zu Fall besprochen werden – was letztlich genau so auch in der 78 Seiten umfassenden Leitlinie steht: „Die Sportempfehlung sollte individualisiert erfolgen.“

Mit angepasstem Tempo, so der Tenor in Kleins Vortrag, ist viel möglich, auch Nordic Walking oder normales Spazieren sorgt schließlich für Bewegung. Und um nichts anderes geht es ihm: bei Arthrose nicht in die Knie zu gehen. Erst recht, wenn man ein Faible fürs Laufen hat.

Laufmedizinisches Symposium beim Dresden-Marathon am Samstag, ab 10.30 Uhr, im Congress Center Dresden.

www.dresden-marathon.com