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Genial Sächsisch

Der Kochtopf, in dem nichts anbrennt

Die SZ stellt Erfindungen von hier vor, die unser Leben verbessern. Teil 10:  Quirl-it - der selbstrührende Kochtopf.

Da brennt nichts mehr an. Michael Stampka, Paul Frölich und Axel Fickert (v. l.) haben einen selbstrührenden Kochtopf entwickelt. Die Energie dafür nimmt er sich selbst direkt vom Herd. © Norbert Millauer

Für das 21. Jahrhundert irgendwie peinlich. Autos parken sich selbst ein, elektronische Bücher erklären die Welt, und der Kühlschrank sagt Bescheid, wenn die Milch alle ist. „Aber beim Kochen brennt uns immer noch etwas im Topf an“, sagt Axel Fickert. Das muss doch nun wirklich nicht sein, sagten sich der Maschinenbauer und seine Mitstreiter. Doch stundenlanges Rühren und Neben-dem-Topf-Stehen können nicht die Lösung dafür sein. Für ihre Idee brauchen die drei jetzt gar keinen Menschen mehr. Ihr Kochtopf rührt sich einfach selbst um.

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Der Topf macht los. Auf die kleine Induktionskochplatte hat Axel Fickert ein Kochgerät gestellt, das den großen Umrührer gleich dabeihat. Aufgesteckt auf einen Halter in der Mitte des Topfbodens, bewegt er sich bis zum Rand immer dicht am Boden entlang. Anbacken ist nicht. Während der Erfinder erzählt, rührt das Gerät einfach weiter. Keiner bekäme vom vielen Bewegen eines Kochlöffels Schulterschmerzen, niemand müsste aufhören, Gemüse zu schnippeln oder die Kartoffeln zu schälen. Eine Einschränkung muss Fickert allerdings machen: „Unser Prinzip funktioniert nur auf Induktionsherden.“

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Es ist nämlich genau darauf angewiesen, wie solch eine Art Herd arbeitet. Unter der Glasplatte eines Induktionskochfeldes befindet sich eine Spule aus Kupferdraht. Beim Einschalten des Kochfeldes erzeugt diese Spule ein elektromagnetisches Wechselfeld. Wird nun ein spezieller Induktionskochtopf darauf gestellt, werden in dessen ferromagnetischem Boden Wirbelströme erzeugt. Diese wandeln die Energie des Magnetfeldes in Wärme um und heizen so den Topfboden auf. „Bei normalen Töpfen landen zwei Drittel der vom Herd produzierten Wärme in der Küche, bei der Induktion werden 99 Prozent der Energie genutzt und wandern direkt in den Topf“, erklärt Fickert die Vorteile.

Mit dem Wirtschaftsingenieur Michael Stampka und Paul Frölich, der Produktionsdesign an der HTW Dresden studierte, entsteht gerade der nächste Prototyp. Die Funktionsweise ist schon klar und hat sich bei mehreren Tests bestens bewährt. Dafür haben die Entwickler eine Energiewandlungseinheit entwickelt, die sie in den Topf integrieren. Diese wandelt einen Teil der Energie des Magnetfeldes wieder in elektrischen Strom um, der zum Antrieb eines darüberliegenden Elektromotors genutzt wird.

© Norbert Millauer

Der Kochtopf, den die Macher Quirl-it nennen, kann sich dadurch selbst und automatisch umrühren. „Die Vision ist natürlich, irgendwann ein Rührwerk zu entwickeln, das in alle gängigen Töpfe integriert werden kann“, sagt Michael Stampka. Bis dahin entwickeln sie erst einmal eine Variante, die in einen bestimmten Topf passt. Den bauen sie nicht selbst, sondern sie greifen auf die Töpfe gängiger Hersteller zurück. „Wenn wir so weit sind, streben wir natürlich eine Kooperation mit einem Produzenten an.“

In den vergangenen Monaten standen die drei Entwickler immer wieder zusammen am Kochtopf. Sie schauten sich an, ob das Rührwerk effektiv arbeitet und wirklich nichts anbrennt. Sie feilten an der Form des Zylinders, der in den Topfboden gesteckt und mit ihm verschweißt wird. „Da geht es um Feinheiten, zum Beispiel darum, wie und wo geschweißt wird“, erklärt Fickert. Für all die Dinge, die sie später bei der Montage brauchen, müssen sie Zulieferer finden. In einem Köfferchen haben sie all die Eisenoxid-Zylinder gesammelt, die sie schon haben herstellen lassen. Bis zum perfekten Produkt ist es ein langer Weg des Ausprobierens.

© Norbert Millauer

Die ersten automatischen Induktionsrührtöpfe werden allerdings nicht unbedingt in privaten Küchen ihre Runden durch Kartoffelbrei, Suppe & Co. drehen. Die Entwickler haben eine ganz andere Kundschaft im Blick. Eine, die die Erfindung gut gebrauchen kann. „In Kantinen- oder Gastronomieküchen ist es eine absolute Zeitersparnis für das Team, wenn nicht immer einer den Kochtopf umrühren muss“, macht Axel Fickert deutlich. 

Deshalb wird das erste Topfmodell auch möglichst groß ausfallen, damit es genau in solchen Szenarien Anwendung finden kann. In den nächsten Monaten soll mit ersten Partnern eine Testphase beginnen, die zeigen soll, ob der selbst rührende Kochtopf für Großküchen praktikabel ist. Wenn das funktioniert, soll der Topf später auch für den heimischen Herd angeboten werden. Dann natürlich etwas kleiner.

Schon 2017 hat sich Axel Fickert die Funktionsweise des Topfs patentieren lassen. „Wir wollen ja nicht, dass jemand anderes damit auf den Markt kommt“, sagt er. Dass die Idee Potenzial hat, davon ist er überzeugt. Sie passe einfach in eine Zeit, in der die Küche immer smarter wird, in der sich Küchengeräte mittels Handy-App steuern lassen. „Die Küche ist heute zum wichtigen Treffpunkt geworden.“ Entwicklungen wie der Thermomix zeigten, dass die Menschen durchaus bereit sind, in moderne Küchen-Lösungen zu investieren. 

© Norbert Millauer

Der Thermomix rührt natürlich auch automatisch. „Aber unser Produkt richtet sich an Kunden, die das Kochen selbst noch erleben wollen. Für viele ist das auch eine Auszeit vom Beruf“, sagt Stampka. Mit finanzieller Unterstützung durch das Exist-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und des Europäischen Sozialfonds kann das Team bis Anfang 2020 weiter an seiner Idee arbeiten und genau durchdenken, wie die Montage des Rührwerks am Ende zeitsparend und gleichzeitig qualitativ einwandfrei erfolgen kann.

Danach ist allerdings die Hilfe von Investoren notwendig, um weiterzumachen. „Wir hoffen, dass Kochgeräte- oder auch Herd- und Elektrogerätehersteller in unsere Idee investieren“, sagt Stampka. Im nächsten Jahr wollen sie ihre Firma gründen und mit dem selbstrührenden Kochtopf an den Markt gehen. Dann wird das Umrühren zukunftstauglich. Die Zeit der Peinlichkeiten in der Küche ist dann auf jeden Fall vorbei.

Der Elevator-Pitch

Skurriler geht's kaum. 50 Sekunden im Fahrstuhl aufwärts, es bleiben genau elf Stockwerke Zeit, eine wichtige Erfindung oder Idee vorzustellen. Wir haben es bei Sächsische.de im Dresdner Haus der Presse gefilmt. Dann öffnet sich die Fahrstuhltür, und nichts geht mehr. Schnitt, aus. Der Elevator-Pitch mit den Erfindern ist hier im Video zu sehen. Seinen Ursprung hat das Ganze darin: Erst mal muss man eine richtig gute Idee haben, und dann zufällig eine wichtige Person im Fahrstuhl treffen. Es bleibt genau diese Zeit, um von der Idee oder dem Produkt zu überzeugen. Kommt der Fahrstuhl an, verabredet man sich auf einen Termin oder sieht sich zu diesem Thema halt nie wieder.

Erfinder-Meetup

Die Erfinder treffen, in der Pitch-Show zuhören, mit ihnen reden und die Produkte testen - zum Erfinder-Meetup mit Wissens-Show im Haus der Presse (Dresden, Ostra-Allee 20). Die Dachterrasse vom SZ-Hochhaus mit Blick auf Dresden ist dann geöffnet, und wir stellen erstmals den neuen Newsroom von Sächsische.de und Sächsischer Zeitung vor.

Ankommen, hinschauen, staunen - am 17. Juni im Haus der Presse ab 19 Uhr, Dresden, Ostra-Allee 20.

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