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Der lange Weg aus der Sucht

Eine zweite Chance für drogenabhängige Mütter bietet eine Wohngruppe in Meißen. Das hilft auch den Jugendämtern.

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© Claudia Hübschmann

Von Marcus Herrmann

Meißen. Nie mehr auf die schiefe Bahn geraten. Ein geregeltes Leben mit ihren beiden kleinen Mädchen führen. Es sind keine außergewöhnlichen Wünsche, die die 21-jährige Mandy aus Riesa hat. Dass sie überhaupt wieder daran glauben kann, war vor wenigen Monaten fast undenkbar. Denn Mandy, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat Drogen konsumiert. Mit 15 fängt alles an – mit Cannabis. Es folgen härtere Drogen, vor allem Crystal. „Ich hatte Probleme, die ich mit der Droge vergessen konnte. Dann habe ich mich mit unglaublichem Eifer in ganz banale Dinge wie Putzen gestürzt. Das konnte ich Nächte lang durchmachen“, sagt Mandy. Als sie ihr erstes Kind vor knapp zwei Jahren bekommt, ist sie während der Schwangerschaft und danach clean.

Doch dann kommt es zum Rückfall. Ein Schicksalsschlag innerhalb der Familie zieht sie in den Drogensumpf zurück. Mandy wohnt in dieser Zeit bei ihrer Mutter, kümmert sich nicht so um ihre Tochter, wie sie es eigentlich sollte. „Meine Erziehung hat unter Crystal gelitten. Das blieb auch meiner Mutter nicht verborgen, die dann das Jugendamt einschaltete“, sagt die junge Frau. Einen Monat lang nimmt das Amt ihr Kind in Obhut. Daraufhin entscheidet Mandy sich für eine Therapie. Und dafür, mit ihrem alten Leben zu brechen. Es ist etwa ein Jahr her, da zieht sie in Meißen in eine Eltern-Kind-Wohngruppe.

Diese fängt damals am Neumarkt mit nur drei Plätzen klein an. „Aber der Bedarf steigt in Meißen und im Landkreis“, so Ulrich Kuschnik, Geschäftsführer der Sozialinitiative Kuschnik. Und deshalb ziehen er und sieben Sozialpädagoginnen im Juli dieses Jahres auf die Leschnerstraße im Triebischtal um. Hier wohnen inzwischen in einem sanierten Altbau acht Mütter zwischen 16 und 38 Jahren mit ihren Kindern. Zwei Einzelapartments und drei Zweiraum-Wohnungen hat die Seeg Meißen komplett saniert, etwa eine halbe Million Euro dafür ausgegeben. Auch Mandy gehört jetzt wieder zu den Bewohnerinnen. Nach ihrem ersten Versuch in der Meißner Wohngruppe und der Geburt ihrer zweiten Tochter vor elf Monaten kam es erneut zu einem Rückfall. „Ich habe mich wieder auf meinen alten Freundeskreis eingelassen, das war ein Fehler.“ Doch Mandy reagiert, spricht sich mit dem Jugendamt ab und bekommt eine zweite Chance. Seit 1. August ist sie mit ihren beiden Töchtern erneut Teil des Projektes. Seit zweieinhalb Monaten hat sie keine Drogen mehr angerührt, beginnt Ende September eine Entwöhnungstherapie im Erzgebirge. Dafür muss sie allerdings weiter clean bleiben.

„Wir führen mindestens einmal in der Woche Drogentests durch. Ist jemand positiv, muss er die Wohngruppe verlassen“, erklärt Diplom-Sozialpädagogin Jessica Eggstein die strenge Regel. Strikte Abstinenz sei eine Grundvoraussetzung.

„Dafür bieten wir den Frauen einen geregelten Alltag, helfen ihnen rund um die Uhr, für ihren Nachwuchs zu sorgen“, sagt Eggstein. Außerdem stellt die Wohngruppe eine Alternative zu einer Inobhutnahme des Kindes seitens des Jugendamtes dar, so Eggstein. „Das ist für beide Seiten wichtig. Einmal für die Mütter, die wir zusammen mit ihren Kindern auf eine Therapie vorbereiten oder sie in ein selbstbestimmtes Leben zurückführen. Aber auch für das Jugendamt, weil es sich zumindest einige der teuren Inobhutnahmen von Kindern drogensüchtiger Mütter spart“, erklärt Eggstein. Deshalb finanziert das Amt die im Landkreis einzigartige Wohngruppe.

Geschäftsführer Ulrich Kuschnik aus Radebeul kennt sich mit den Schwierigkeiten aus, die hier auftreten können. „Im Haus sind das vor allem die psychischen Symptome des Entzugs. Da kommt es schon mal zu verbal-aggressivem Verhalten“, sagt der 46-jährige ehemalige Erziehungsbeistand. Dieses richte sich aber seltener gegen die Sozialarbeiter, sondern gegen Mitbewohnerinnen. „Insgesamt kommt das aber nicht häufig vor“, so Kuschnik. Außerhalb der Wohnungen sei für die Frauen wichtig, sich nicht in die Kreise zu begeben, wo Crystal und andere Drogen erhältlich seien. „Hier muss jede selbst den Willen haben. Wir sperren schließlich niemanden ein, die Frauen können hingehen, wo sie möchten, müssen nur zu den Mahlzeiten hier sein“, so Kuschnik. In dem betreuten Wohnen habe es bisher übrigens erst einen Hilfeabbruch gegeben. Ein Platz sei derzeit noch frei. „Es herrscht immer eine gewisse Fluktuation. Im Normalfall ist niemand länger als zwei Jahre am Stück hier“, sagt er.