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Der lange Weg für Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt

Über 12 000 Asylbewerber suchen in Sachsen einen Job. Doch die Hürden sind groß.

Von Nora Miethke

OSTRALE Biennale O19

Die zweite Biennale und 12. OSTRALE widmet sich ab dem 11. Juni bis zum 1. September dem Leitgedanken „ismus“.

Fast 1,3 Millionen Asylsuchende sind in den vergangenen drei Jahren nach Deutschland gekommen. Die ersten Herausforderungen bei der behördlichen Erfassung, Unterbringung und Versorgung wurden gemeistert. Doch die wichtigste Aufgabe, nämlich diese Menschen in Lohn und Brot zu bringen, steht noch bevor, wie ein Blick in die Arbeitsmarktstatistik zeigt.

Im Juli waren in Sachsen 5 899 arbeitslose Flüchtlinge registriert – die Mehrheit stammt aus Syrien. Das waren 3,8 Prozent aller arbeitslos gemeldeten Menschen im Freistaat. Als arbeitssuchend zählte die Landesarbeitsagentur in Chemnitz allerdings 12 508 Personen. Die Differenz ist vor allem dadurch zu erklären, dass die meisten Flüchtlinge noch an Integrationskursen teilnehmen oder das Asylverfahren nicht abgeschlossen ist. Sie sind deshalb noch nicht arbeitslos gemeldet. Deutschlandweit stehen in der Statistik derzeit 141 000 Flüchtlinge als arbeitslos und 322 000 als arbeitssuchend.

Wie viele Flüchtlinge schon einen festen Job, Praktikumsplatz oder eine Lehrstelle haben, ist statistisch nicht erfasst, heißt es auf Nachfrage der SZ bei der Landesarbeitsagentur. Der Sprecher der Behörde, Frank Vollgold, schätzt, „dass im ersten Halbjahr 2016 in Sachsen rund 500 Flüchtlinge in Arbeit integriert werden konnten“. Rund 1 900 Flüchtlinge wurden seit Jahresbeginn mit Maßnahmen zur Kompetenzerfassung, Praktika, Qualifizierung und Weiterbildung unterstützt.

Für die schleppende Integration in den Arbeitsmarkt gibt es mehrere Gründe. Kaum ein Geflüchteter beherrscht bei seiner Ankunft die deutsche Sprache. Nur wenige Asylsuchende besitzen eine Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss. Wenn doch, dann haben sie keine Zeugnisse, mit denen sie dies nachweisen können. Flüchtlinge müssen bei der Arbeitssuche intensiv betreut werden, und das endet nicht mit der Unterzeichnung des Arbeits- oder Ausbildungsvertrages. Viele Unternehmer, die bereit sind, Syrer oder Afghanen einzustellen, sind damit überfordert. Sie hoffen auf Unterstützung durch Bildungseinrichtungen, die sich um berufsbegleitende Sprachkurse und Qualifizierungen kümmern. Hier setzen die Förderprogramme an, die Bund und Länder aufgesetzt haben. Doch bis diese in die Gänge kommen, vergehen viele Monate, ohne dass etwas passiert. Auch das ist ein Grund, warum die schnelle Integration in Arbeit nicht so einfach ist.

Das zeigt das Beispiel des Verbands der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie (VTI). Er kämpft seit über einem Jahr um Unterstützung. 20 VTI-Firmen hatten sich auf Anhieb bereit erklärt, 40 Arbeitsplätze und Lehrstellen für Flüchtlinge zu schaffen. Beim Sozialministerium wurde auf der Grundlage der Integrationsrichtlinie ein Förderantrag gestellt. „Das Ministerium brauchte Monate um fest zustellen, dass eine Förderung für unser Projekt nicht klappt. Das hat uns schon sehr frustiert“, sagt Peter Werkstätter, beim VTI für Bildung zuständig. Nun unternimmt der Verband einen zweiten Vorstoß und arbeitet an einem Antrag auf Förderung über das Programm zur Fachkräftesicherung durch das Sächsische Wirtschaftsministerium (SMWA). „Jetzt muss langsam etwas passieren, sonst werden unsere Unternehmer ungeduldig“, sagt Werkstätter. Die Unternehmer bräuchten nicht das Geld, um Flüchtlinge einzustellen, aber Hilfe bei der Betreuung durch Bildungseinrichtungen, stellt er klar.

Nicht so richtig zum Laufen gekommen ist auch das Modellprogramm des SMWA, „Arbeitsmarktmentoren für Geflüchtete“, das im April verabschiedet wurde. Bis zum 15. Juli konnten Projektanträge eingereicht werden. 48 Fördervorhaben gingen bei der Sächsischen Aufbaubank ein . „Die Anzahl der eingegangenen Projektanträge liegt unter den Erwartungen des SMWA“, heißt es im Ministerium. Das Programm ist auf drei Jahre angelegt und hat ein Volumen von 9,5 Millionen Euro. Damit könnten nach Kalkulation der Behörde insgesamt rund 1 200 Asylbewerber in Ausbildung und Beschäftigung gebracht werden.

Viele Flüchtlinge müssen bei der Jobsuche aktiv an die Hand genommen werden. Das können Arbeitsagenturen und Jobcenter nicht leisten. Lokale Initiativen sind gefragt, die durch eine schnelle Vermittlung von Praktika und Hilfsjobs mit Perspektive unterstützen können. Zu diesem Ergebnis ist eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung gekommen, die am Mittwoch vorgestellt wurde. Die Wissenschaftler haben zehn private und öffentliche Job-Initiativen in Berlin und Westdeutschland genauer angesehen, um herauszufinden, wo am besten der Hebel anzusetzen ist. Das sei bei der Kombination von Sprachkursen und ersten Berufserfahrungen, so ihr Fazit. Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts, warnt jedoch vor überzogenen Hoffnungen auch seitens der Wirtschaft. „Es braucht sehr viel Geduld von allen Seiten“, so Klingholz.

„Integration in Arbeit und Ausbildung braucht Zeit“, betont auch Frank Vollgold. Arbeitslose Sachsen müssten keine Angst haben, dass sie bei der Suche nach einem Job durch Flüchtlinge verdrängt werden. Die Chancen auf Arbeit seien mit über 32 000 freien Arbeitsstellen so gut wie lange nicht mehr, betont der Sprecher der Landesarbeitsagentur. Auch werde es keine Einschränkungen in den sozialen Leistungen oder den öffentlichen Beratungsangeboten geben, versichert er.