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Der lange Weg zur Frau

© Sven Ellger

Mit zehn trägt Stephan erste Frauenkleider. Mit 34 wird er Stella. An den Mann erinnern nur noch Ausweis und Bart.

Von Franziska Klemenz

Schmale Bahnen wären ihr lieber. Stella kniet auf den Holzdielen ihrer Wohnung, beugt den Körper über das Muster ihres Kostüms. Der blonde Pony zuckt im Rhythmus der Schere; entlang der Kanten frisst sich das spitze Metall durch den Stoff. Beim nächsten Konzert ihres Idols Katy Perry möchte Stella ein Imitat vom roten Lack-Overall der Sängerin tragen. Nur etwas breiter. „Seit ich Hormone nehme, ist das mit dem Traumgewicht besonders schwer“, sagt die 37-Jährige und seufzt.

Passende Perücken für jedes Outfit. © Sven Ellger

Bis vor dreieinhalb Jahren trug sie die Frauenrolle wie Kostüme: ablegbar. Stella, damals Stephan, lebte in einer Beziehung, bekam ein Kind. 16 Jahre lang ertrug die Partnerschaft Stephans Drang zur Weiblichkeit. Anfangs gab es alle sechs Wochen einen „Jessica-Tag“ in Frauenkleidung, später wechselte Stephan immer häufiger die Rollen. Freundin Franziska nähte Kostüme, hatte an ihrer Seite mal einen Mann und mal eine Frau. 2014 der Einschnitt. Die Trennung, Franziskas Auszug aus der Wohnung; die beiden bleiben Freunde.

Vom Transvestit zur Transsexuellen

Transvestit, die Frau als bloßes Kostüm, genügte Stephan nicht mehr. Er wollte den Mann hinter sich lassen. Ende des Jahres beginnt er eine Hormon-Therapie. „Das Gefühl, wenn du siehst, du kriegst Brüste, ist schön. Du kannst auch mal andere Oberteile tragen.“ Trotz Hormonkur bleibt Stellas Stimme tief, dagegen helfen nur riskante Stimmband-OPs. Auch der Bart wächst weiter, Stella lässt ihn nach und nach weglasern. „Manchmal hat man Phasen, wo man alles scheiße findet, weil man noch so männlich aussieht: das Kreuz zu breit, die Brust zu klein, das Gesicht zu markant.“ Zweifel, die quälen. „Aber nur Phasen.“

Mit einem Ruck wirbelt Stella die Stoffbahn durch die Luft, die klebrige Lack-Oberfläche schlägt auf den Boden. Wie eine Katze auf Mäuse-Pirsch breitet Stella ihre langen Fingernägel auf dem Stoffstück aus, streift flach mit ihrem Blick über den Boden. „Die Falten werden mir beim Nähen keine Freude bereiten“, sagt sie. Das große rote Tuch steigt im Griff ihrer Fingernägel vom Boden auf wie ein nasses Gespenst. Der Spuk führt nur auf’s Bügelbrett. Bis zum Abend will Stella den Lackteil des Kostüms nähen. Bis zum 6. Juni muss auch der glitzernde Cape-Überwurf fertig sein. Dann fährt Stella zum Konzert nach Berlin, trifft ihr Idol vielleicht zum vierten Mal persönlich.

Ihre Rolle als Katy-Perry-Imitat entwickelte Stella in ihren Jahren als Solo-Act der Travestie-Show Carte Blanche. Sie lernte Werbedesign, auf die Bühne wollte sie aber schon immer. Die Kostüme näht sie selbst. Bunt, schrill, voller Pailletten, mit wechselnden Perücken. Das Carte Blanche verließ sie letztes Jahr, tourt nun für wechselnde Shows „als Sahnehäubchen“ durch die Republik, hilft als Kostümbildnerin im Dresdner Boulevard-Theater. „Die große Bühne mit den Backgroundtänzern und der Kulisse sind das Einzige, was ich am Carte Blanche vermisse.“ Und das Gehalt einer Angestellten. Mit mehr Geld würde Stella das Haus in Gorbitz auf der Kesselsdorfer Straße vielleicht verlassen. Nicht nur wegen der Lage.

Für ihre Tochter heißt Stella „Papa“

„Seit Franziska und meine Tochter ausgezogen sind, ist es schrecklich ruhig. Ich vermisse sie total.“ Unter einer violetten Wand und Katy-Perry-Postern thront noch die Playmobil-Burg von Stellas Kleiner, mit hochgeklappten Schotten; im Regal darüber stapeln sich Puzzle- und Dominospiele. Die Siebenjährige wohnt jetzt mit ihrer Mutter in Leipzig. Für ihre Tochter heißt Stella weiterhin Papa.

Als Frau ist es einsamer geworden. „Alle denken, man müsste als Transsexueller schwul sein. Ich stehe aber weiter auf Frauen. Einen männlichen Partner zu finden, wäre einfacher. Da müsste ich nur in mein Postfach gucken.“ In dem Haus in Gorbitz-Süd lebt Stella seit 1987, gegenüber der Wohnung ihrer Eltern. Hier probierte sie als Zehnjähriger heimlich die Roben der Mutter, durchwühlte Altkleidersäcke auf der Straße, posierte mit den ersten selbst gekauften Stiefeln vor dem Spiegel.

„Ich habe immer wieder alle Kleider weggeworfen, weil ich Streit mit meinen Eltern hatte. Ich wusste selbst nicht, was los ist, konnte es ihnen auch nicht erklären“, sagt Stella. „Viele Streits später haben wir zueinandergefunden.“ Frauenkleider trug sie anfangs vor allem auf Partys. „Ich hab mich dann viel mehr wie ich selbst gefühlt.“ Schon damals hört sie von transsexuellen Freunden: „Da steckt mehr dahinter als ein Transvestit. Verkleiden wird dir nicht ewig reichen. Du bist als Frau viel gelöster, viel lockerer als in der männlichen Rolle.“ Damals keine Option für Stella.

Sie schweigt für einen Moment, drückt das Bügeleisen in den Stoff. Mit einer fließenden Bewegung wischt sie ihren geblümten Kimono zur Seite und gleitet mit dem Po auf ihre Waden. Zurück auf den Boden. Die Schere legt sich in die Kurven des Stoffs, schält glänzende Teile heraus. „Jetzt geht‘s an die Nähmaschine.“

Ihre Näharbeiten teilt Stella über einen Blog. Sie gründete ihn 2002 – „in meiner Anfangszeit, als ich wissen wollte, was mit mir los ist.“ In der frühen Phase des Internets kamen Transvestiten hauptsächlich auf Fetischseiten vor. „Ich habe gemerkt, dass man damit auch normal umgehen kann. Das wollte ich anderen zeigen. Es hilft zu sehen, dass man nicht allein ist.“

Heute schreibt und postet Stella auf ihrem Blog „Jessicas Welt“ über die Hormontherapie und Vorurteile gegen Transsexuelle, die verflossene Beziehung, die Bühne oder Katy. Jessica ist der Künstlername von Stella. Als die noch Stephan war, hieß so ihr weibliches Äquivalent.

„Ich will in der Menge untergehen“

Für ihren neuen Namen durften Familie und Freunde Vorschläge einbringen. „Ich lass die Umwandlung langsam und transparent angehen. Mein Umfeld kann sich daran gewöhnen, ich überfordere niemanden und ich selbst kann mich einleben.“ Im Personalausweis heißt Stella noch Stephan. Behörden brauchen noch länger, um sich an das andere Geschlecht zu gewöhnen: Gutachter, Gericht, Gebühren. Ist es nicht unfair, so viel Aufwand auf sich zu nehmen, nur um zu dem Menschen zu werden, der man sein will? „Der man ist“, korrigiert Stella. „Wenn man transsexuell ist, heißt das nicht, dass man einfach sagt: ‚Ich möchte jetzt Frau sein.‘ Man ist es schon, hat es nur körperlich nicht bekommen.“ Operationen hat Stella bisher gemieden. „Was unter meiner Kleidung steckt, wissen nur die Leute, die ganz nah an mich rankommen.“ Stella knipst eine Lampe ein. Ein silberner Mini-Schlitten klemmt den Stoff auf die Nähmaschine, Stellas braune Augen wandern den Faden entlang, der sich in die Stoffbahnen gräbt. Die Maschine rattert, und glänzende Teile formen ein Korsett, dann kommt ein Kragen hinzu, schillernde Ärmel.

Als schillernden Vogel sieht Stella sich nicht. „Das bin ich auf der Bühne, privat will ich am liebsten in der Menge untergehen.“ Ihr großer Traum ist ein eigenes Stück. „Viele denken, dass ich im Mittelpunkt stehen muss, den Applaus und die Bewunderung brauche. Ich mag es aber auch gerne, hinter den Kulissen zu arbeiten. Etwas wachsen zu sehen, das du erschaffen hast.“