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Der Macher wirft hin

Als Bürgermeister musste Peter Geißler aus Altersgründen aufhören. Jetzt gibt er auch sein Gemeinderatsmandat auf. Wegen seines Alters – sagt er.

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© Sebastian Schultz

Von Jürgen Müller

Stauchitz. Ja, er hätte gern noch weitergemacht als Bürgermeister. 22 Jahre lang war der gelernte Elektrikermeister Peter Geißler im Amt, erst in Staucha, dann in Plotitz, später nach der Gemeindereform in Stauchitz. Doch 2013 ist Schluss. Geißler war da 67, hätte sich noch einmal zur Wahl gestellt. „Bürgermeister war mein Job, das war mein Leben“, sagt er. Ging aber nicht. Das Höchstalter bei einer Kandidatur liegt bei 65 Jahren. Wer dann gewählt wird, kann das Amt die gesamten sieben Jahre ausüben. Geißler aber war zwei Jahre zu alt.

Dabei hatte der gebürtige Baderitzer mit Politik lange nichts am Hut. Viele Jahre arbeitete er in der LPG, war für den Bau von Hallen, für das Beschaffen von Material zuständig. „Da konnte ich meine Beziehungen spielen lassen“, sagt er und lacht. Geißler ist einer, der anpackt, der nicht viel fragt, der einfach losmacht. Sein Organisationstalent nutzt er, gern auch mal privat. Er zeigt an die Decke des Kellerraumes, der Party-, Fernseh- und Arbeitszimmer in einem ist.

„Schauen Sie sich mal die Balken an. Was glauben sie, was das ist?“, fragte er geheimnisvoll. Und nach einer kurzen Pause gibt er selbst die Antwort: „Eisenbahnschienen“. Die lagen zum Abtransport zum Einschmelzen ins Stahlwerk bereit. Geißler hat sie sich mit anderen gesichert. Fast wäre die Sache damals schiefgegangen. Ein Wachmann kam vorbei. „Weil wir die Schienen aber auf einen Lkw einer Stahl-Baufirma aufluden, dachte er wohl, alles habe seine Richtigkeit“, sagt er und lacht wieder. Auch richtig zupacken kann er. Eine Schiene musste er zersägen. „Das haben wir mit einer Handsäge gemacht, es gab ja nichts. Da gingen ein paar Sägeblätter drauf.“

1985 macht er sich selbstständig, stellt Vogelsand und Aquarienkies her und vertreibt ihn, 400 Tonnen im Jahr. „Ich sah in der LPG keine Perspektive mehr“, sagt er. Als er Bürgermeister wurde, hat sein Sohn die Firma übernommen. Peter Geißler ist einer, der nicht lange fragt, er legt einfach los, ein Macher eben. Als Bürgermeister trifft er mitunter Entscheidungen, teilt sie erst danach seinem Gemeinderat mit. Manchmal auch nicht. Dennoch oder gerade deswegen ist er beliebt. 1999 wird er trotz dreier Kandidaten gleich im ersten Wahlgang gewählt. Sieben Jahre später hat er erneut zwei Mitbewerber um das Amt. Diesmal bekommt er über 80 Prozent. „Das war ja fast ein DDR-Wahlergebnis“, sagt er.

Den Bürgern Geld zurückgezahlt

Geißler weiß, wie man Punkte beim Bürger sammelt. Als sich Plotitz und Stauchitz vereinigen, erhebt Stauchitz Abwasserbeiträge, Plotitz nicht. Geißler will Gerechtigkeit herstellen. Wohl jeder andere hätte wohl jetzt den Beschluss gefasst, dass auch in der ehemaligen Gemeinde Plotitz Beiträge eingetrieben werden. Doch Geißler und sein Gemeinderat machen das genaue Gegenteil. Sie schaffen die Beiträge ab, zahlen den Stauchitzern ihre bereits gezahlten Beiträge - rund 700 000 Mark – verteilt über fünf Jahre wieder zurück. Seiner Popularität tut das keinen Abbruch. Obwohl keine Beiträge gezahlt werden müssen, sind in Stauchitz die Abwassergebühren niedrig. „Das liegt daran, dass wir unter Leitung von Ralf Erler vieles mit dem Bauhof selbst gebaut haben“, sagt er.

Freilich hat es Peter Geißler in seinen Amtszeiten, vor allem in den ersten Jahren nach der Wende, relativ einfach. Da kann er Dinge machen, die heute undenkbar wären. So erhält die Gemeinde zum Beispiel 1,2 Millionen Mark Fördermittel für den Trinkwasserleitungsbau. Das Geld wird – anders als heute – vor Beginn der Bauarbeiten ausgezahlt. Und was macht Schlitzohr Geißler? Trägt es zur Sparkasse, legt es an, kassiert für die Gemeinde Zinsen. Die Älteren werden sich erinnern: Wenn man früher Geld zur Bank brachte, gab es dafür Zinsen, man bekam also mehr heraus, als man eingezahlt hatte. Als die Volksbank ihm ein besseres Angebot macht, schaufelt er den Millionenbetrag dorthin um.

Peter Geißler ist stolz auf die Erfolge in seiner Amtszeit, zählt sie ungefragt auf. 50 Kilometer Straße wurden gebaut, die Oberschule und die „Alte Post“ saniert, Trink- und Abwasserleitungen gebaut. Dabei war er als Bürgermeister immer auf der Jagd nach Fördermitteln. „Die gibt es auch heute noch. Man muss sich bloß kümmern“, sagt er.

Das erste Jahr nach seinem Abschied sei wirklich schwierig gewesen. Er fährt viel mit dem Fahrrad, um auf andere Gedanken zu kommen, seine Unzufriedenheit abzubauen. Dann spricht ihn sein Nachfolger im Amt Frank Seifert an, ob er nicht für den Gemeinderat kandieren wolle. Geißler überlegt kurz, sagt dann zu, lässt sich auf die Liste der CDU setzen, wird gewählt. „Das war ein Fehler“, sagt er heute. „Es ist nicht gut, wenn ein ehemaliger Bürgermeister im Rat sitzt. Ich sehe viele Dinge anders, will weitermachen wie bisher, das Beste für die Gemeinde rausholen. Und ich bin ein schwieriger Mensch, habe meine Macken.“

Er fühlt sich unverstanden. Vor einigen Tagen hat er sein Gemeinderatsmandat nach nur zwei Jahren aufgegeben. Offiziell aus Altersgründen. Doch die wahren Gründe sind andere. „Da hat sich eine ganze Menge angesammelt. Doch ich möchte keine schmutzige Wäsche waschen“, sagt er. Und äußert dann doch Kritik. „Ich habe nie Probleme in der Öffentlichkeit geklärt, sondern intern“, kritisiert er. Auch die Personalpolitik, beispielsweise die Einstellung eines Kämmerers, den er für nicht qualifiziert genug hält oder den Umgang mit Bauamtsleiter Dirk Zschoke.

Von der Verwaltung belogen

Es gibt auch andere Dinge. So werde eine Brücke in Wilschwitz gebaut ohne Fördermittel. „So kaputt ist die nicht. Wenn wir noch ein Jahr warten würden, gäbe es 90 Prozent Fördermittel“, sagt Geißler. Und noch etwas ärgert ihn mächtig. Teile der Verwaltung hätten verbreitet, er habe im Kreistag für die Schließung der Sparkasse in Stauchitz gestimmt. „Das ist Unsinn. Im Kreistag wurde über das Thema überhaupt nicht beraten und folglich auch nicht abgestimmt“, so Geißler verärgert. Beim geplanten Bau eines Eigenheimstandortes in Seerhausen sei der Rat von der Verwaltung belogen worden. „Ich habe das der Verwaltung in der öffentlichen Sitzung vorgeworfen. Es gab keinerlei Reaktion“, sagt er.

Mit dem Thema Gemeinderat hat er abgeschlossen. Auch als Besucher will er zumindest vorerst nicht mehr hingehen. Sein Kreistagsmandat wird er behalten. Dafür ist er mit 70 nicht zu alt.

Künftig wird er wohl wieder mehr mit dem Fahrrad fahren. Und nicht nur das. „Meine Frau und ich waren viele Jahre selbstständig, haben uns damals selten Urlaub gegönnt. Das holen wir jetzt nach“, hat er sich vorgenommen.