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Der Machtmensch aus Franken

Markus Söder wird am Freitag zum Ministerpräsidenten Bayerns gewählt – zunächst nur für ein halbes Jahr.

© picture alliance / Daniel Karman

Von Paul Kreiner, München

Markus Söder liebt schrille Faschingskostüme. Beziehungsreiche auch, man weiß es seit Jahren. Zur „Fastnacht in Franken“, der massenwirksamsten Sendung des Bayerischen Fernsehens überhaupt, kam der designierte Ministerpräsident Söder diesmal in Galauniform und mit langem Bart: als Prinzregent Luitpold. Programmatisch war das, sehr selbstbewusst – und fast schon gemein. Denn der echte Prinzregent Luitpold gilt zum einen als der volkstümlichste aller bayerischen Monarchen, seine Zeit als „Goldene Ära“. Zum anderen folgte Luitpold 1886 zwar auf einen „Märchenkönig“, aber auf einen kapriziösen: auf Ludwig II. Mehr noch: Bis 1912 regierte Luitpold dann in einer Art Doppelspitze. Nur, dass man den eigentlichen König damals, Otto I., wegen Geisteskrankheit weggesperrt hatte.

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Am Freitag tritt auch Markus Söder eine Nachfolge an: die von Horst Seehofer. Als Ministerpräsident im Freistaat, denn CSU-Chef will Seehofer vom fernen Berlin aus ja bleiben. Und Söder (51) scheint beim Volk zu punkten, auch wenn ihm – so der Passauer Politologe Heinrich Oberreuter – viele „sein Machtstreben übelnehmen“.

Beinahe jede Woche lässt sich der Neue irgendwo in einem bayerischen Kino sehen: „Markus Söder persönlich“, heißt die auf jeweils zwei Stunden angelegte Vorstellung im Talkshow-Format. Der Machtmensch will seine weichen, seine verborgenen Seiten zeigen. Zum Beispiel, dass er Fan von Science-Fiction-Filmen ist und in „Star Trek“ ein Denkmal einzigartiger Humanität in den Tiefen des Weltalls sieht. Dass er gern in bayerischen Seen schwimmt. Dass er „großer Hundefreund“ ist – Fanny und Bella heißen die seinen. Dass er „praktisch gar keinen Alkohol“ trinkt und versucht, sein „Essen im Griff zu halten“. Vegan zu leben, das fände er „unfair gegenüber dem Metzgerhandwerk“.

Das größte Vorbild

Spontan soll das alles sein; praktisch gar nichts sei abgesprochen, versichert Conferencier Ralf Exel vom Fernsehsender Sat 1. Aber genauso gut fällt auf, dass die CSU-Regie im Hintergrund zu jedem Thema die passenden Bilder auf die Kinoleinwand projiziert: Markus Söder mit Schultüte, am Kondolenzbuch für sein größtes Idol, für Franz Josef Strauß; Markus Söder zusammen mit der heutigen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, die er beim Kampf um die Macht systematisch ausgestochen hat. Mit Aigner sei er einmal befreundet gewesen, sagt Söder. „Heute auch“, fügt er nach kleinem Zögern hinzu. „Wieder.“

Dass ihm der christliche Glaube „sehr viel Gelassenheit und Kraft gibt“, sagt Söder; er berichtet, dass er in seinem Nürnberger Heimatministerium einen Gebetsraum eingerichtet hat, dass er dort „auf dem Weg zum Dienstauto“ immer wieder vorbeischaue, dass er sich auch bekreuzigt: „Als Evangelischer in Bayern, da hab ich mich eigens erkundigt, darf man das ja.“

Als Hauptredner beim Politischen Aschermittwoch in Passau hat Söder vor vier Wochen so „draufg’haut“, wie das Publikum an den Maßkrügen das erwarten durfte. Wobei: Auch wenn er vorab sagte, die Rücksichtnahmen der „political correctness“ gälten in Passau nicht, so versuchte er sich doch auffallend stärker in der künftigen Rolle des Landesvaters als in der angestammten des Rabauken. Sein eigentliches politisches Programm hat Söder schon im Januar bei der CSU-Klausur im Kloster Banz mittels Zehn-Punkte-Papier zusammengefasst. Bei seiner Regierungserklärung im Landtag wird er das ausfeilen.

Mehr Sicherheit will Söder da versprechen, etwa durch den (Wieder-)Aufbau einer eigenen bayerischen Grenzpolizei; mehr Personal und neue Strukturen sollen für schnellere Abschiebungen von Ausländern sorgen. Mehr Erzieher, mehr Altenpfleger will Söder anwerben; ein neues Landespflegegeld soll Angehörige bei der Betreuung zu Hause unterstützen.

Volksnähe möchte sich Söder durch Bürgersprechstunden bewahren, die er persönlich abhalten will. Damit ihm keiner vorwirft, er klammere an der Macht, soll das Volk gleichzeitig mit der Landtagswahl im Oktober über eine Verfassungsänderung abstimmen, die die Amtszeit des Ministerpräsidenten auf zwei Legislaturperioden, also auf zehn Jahre, begrenzt.

Und dann ist da noch der Schwenk beim Wohnraum: Teuer ist dieser in den bayerischen Ballungsräumen; der Staat, erkennt Söder wider die bis vor wenigen Wochen bekräftigte CSU-Linie, sollte mit einer eigenen Wohnungsbaugesellschaft dagegen vorgehen. „Bayernheim“ soll sie heißen und schon in den nächsten beiden Jahren 2 000 preiswerte Wohnungen schaffen.

Wie Söder das schaffen will, ist (noch) sein Geheimnis. Auf jeden Fall sieht die Opposition in diesem Thema ein gefundenes Fressen für den Wahlkampf. Denn als Landesfinanzminister hat derselbe Markus Söder vor fünf Jahren ungefähr 32 000 Sozialwohnungen der Gemeinnützigen Bayerischen Wohnungsgesellschaft (GBW) an Privatinvestoren verkauft; anders, verteidigt er sich, wäre die in schwere Schieflage geratene Landesbank nicht zu sanieren gewesen. „32 000 hat er verkauft, 2 000 will er bauen?, höhnt der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Nun ja: dass einer, der als Prinzregent Luitpold auftritt, sich selber Hohn und Spott gefallen lassen muss, ist so verwunderlich nicht.

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