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Der Marsch geht weiter

Vor 50 Jahren wurde Martin Luther King ermordet. Sein Kampf gegen Rassismus und für die Gleichberechtigung ist heute noch aktuell. Die USA sind zerrissen wie schon lange nicht mehr.

© akg-images

Von Thomas Spang, SZ-Korrespondent, zzt. in Memphis

Rhonda Bellamy Hodge hat auf ihrer Reise entlang der Wirkstätten Martin Luther Kings einen langen Weg zurücklegt. Zusammen mit ihren Kommilitonen der „Southern Methodist University“ in Dallas pilgerte die schwarze Geschichtsstudentin von Atlanta, dem Geburtsort des Bürgerrechtlers, über dessen Wirkstätten in Birmingham, Montgomery und Selma bis nach Memphis.

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Ein bisschen Kommerz muss sein, auch im Civil Rights Museum von Memphis – und erst recht im 50. Todesjahr von „MLK“.
Ein bisschen Kommerz muss sein, auch im Civil Rights Museum von Memphis – und erst recht im 50. Todesjahr von „MLK“. © Thomas Spang
Studentin Rhonda Bellamy Hodge hat sich auf Spurensuche begeben.
Studentin Rhonda Bellamy Hodge hat sich auf Spurensuche begeben. © Thomas Spang
Im Raum 306 des „Lorraine Motel“ in Memphis wurde King 1968 ermordet. Heute ist es Teil eines Museums.
Im Raum 306 des „Lorraine Motel“ in Memphis wurde King 1968 ermordet. Heute ist es Teil eines Museums. © Thomas Spang
Spencer Stacy leitet die Bürgerrechtskoaltion MICAH. Dr. Kings Reden hörte er als Kind auf Schallplatten.
Spencer Stacy leitet die Bürgerrechtskoaltion MICAH. Dr. Kings Reden hörte er als Kind auf Schallplatten. © Thomas Spang

„Die letzten Meter sind die schwersten“, gesteht Rhonda, während sie gebannt auf die gespenstischen Aufnahmen starrt, die auf einem verbeulten Müllwagen der Stadtwerke von Memphis flackern. Die 28-Jährige liest die Schlagzeilen, die Martin Luther Kings Rede zu den streikenden Müllarbeitern ankündigen. Dabei verfolgt Rhonda die grausige Vorstellung, wie die Hydraulik-Presse eines dieser Fahrzeuge Echol Cole und Robert Walker bei lebendigem Leib zerquetschte.

Der Tod der beiden Müllwerker war der Auslöser der Arbeitsniederlegungen, die King Anfang April 1968 in die am Mississippi gelegene „Bluff City“ brachten. Er wollte sich mit den Arbeitern solidarisieren, um seiner „Poor Peoples Campaign“ Flügel zu verleihen. King thematisierte den Mangel an sozialer Gerechtigkeit als Wurzel der drei Sünden Armut, Rassismus und Militarismus, die Amerika fest im Griff hielten.

King sprach prophetisch von „schwierigen Tagen vor uns“, die ihn aber nicht beunruhigten, weil er schon auf dem Gipfel des Berges gewesen sei und das gelobte Land gesehen habe. „Ich gehe dort vielleicht nicht mit Euch zusammen hin, aber wir als Volk werden das gelobte Land sehen … Ich fürchte mich vor nichts“.

Wie immer stieg er im „Lorraine Motel“ ab, eine der damals wenigen Unterkünfte für Farbige in der rassengetrennten Südstaaten-Stadt. Und wie gewohnt nahm King auch wieder im Raum 306 Quartier. Das Zimmer ist die letzte Station in dem „Civil Rights Museum“ und emotionaler Höhepunkt für Rhonda. Sie erweist Martin Luther King die letzte Ehre an dem Ort, an dem James Earl Ray ihn vor 50 Jahren mit einem einzigen gezielten Schuss ermordete. „Es fühlt sich wie gestern an“, sinniert die Studentin, für die dieser Ort mehr Gegenwart als Geschichte ist.

Reverend Spencer Stacy kann das gut nachvollziehen. „Der teuflische Geist des Rassismus lebt in unseren Systemen und Strukturen weiter“, klagt der Führer der Bürgerrechtskoalition MICAH, zu der sich 42 Kirchen, Gewerkschaften und Bürgerrechtsgruppen zusammengeschlossen haben. „Viele derselben Müllarbeiter hier in Memphis verdienen heute noch immer keinen Lohn, von dem sie leben können“

Im Wohnzimmer seiner Großmutter im ländlichen Kentucky hörte der heute 52-jährige Spencer schon als Kind Schallplatten mit den Reden Dr. Kings. Dessen moralische Klarheit in sozialen Fragen motivierte ihn, selber Prediger zu werden. Heute leitet der charismatische Pastor die „New Direction“-Megakirche, der mehr als zehntausend Gläubige angehören. Der Reverend versteht als seine Aufgabe, „die Stafette aufzuheben, die Dr. King fallenließ, als er auf dem Balkon des Lorraine Motels zusammensackte“. Pastor Stacy sieht sich als Teil der „New Poor People Campaign“, die versucht, die in der „Mountain-Top“-Rede entfaltete Vision Kings zu realisieren. „Wir sind nirgendwo nahe am Gipfel. Wir müssen in die Täler gehen und die Arbeit erledigen.“

Die MICAH-Koalition in Memphis versucht genau das. Und kann sich dabei auf eine Studie des Benjamin L. Hooks Instituts der staatlichen Universität von Memphis stützen. Diese hat im Auftrag des Civil Rights Museums harte Fakten zusammengetragen. „Es fühlt sich so an, als ob die Arbeit, die Martin Luther King begonnen hat, damals einfach stehen blieb“, fasst die Soziologin Maria Elena Delavega die Ergebnisse des „Poverty Reports“ zusammen, der untersucht, wie es Schwarzen und Armen seit dem Tod Kings vor 50 Jahren in Memphis ergangen ist.

Die Befunde sind deprimierend. Obwohl Afroamerikaner durch Reformen des Bildungswesens heute vergleichbare Abschlussraten an Schulen und Universitäten erzielen, halten sich hartnäckig Einkommensunterschiede. Wie zu Zeiten Kings verdienen in Shelby County, zu dem Memphis gehört, Farbige nur halb so viel wie Weiße. „Die Afroamerikaner tun das, was wir von ihnen erwarten“, bilanziert Delavega, „sie machen aber wirtschaftlich keine Fortschritte“. Jedes zweite schwarze Kind lebt in Armut. Die Armutsrate unter Afroamerikanern insgesamt liegt 2,5 Mal über der der weißer Bürger. Gut bezahlte Jobs sind in der von Fedex und anderen Logistik-Unternehmen geprägten Umschlag- und Warenlager-Stadt am Mississippi Fehlanzeige. Ebenso bezahlbarer Wohnraum, Gesundheitsfürsorge, Zugang zu gesunder Ernährung und öffentlichem Nahverkehr.

Die Soziologin sieht „institutionalisierten und endemischen Rassismus am Werke“. Einen Befund, den Anwalt Josh Spickler aus seiner Arbeit für „Just City“ nur teilen kann. Er beschäftigt sich mit einem Phänomen, das zu Lebzeiten Kings noch nicht bekannt war, sondern, so seine Analyse, erst eine Reaktion auf das Ende der Rassentrennung war.

Seit Ende der 70er-Jahre der sogenannte „Krieg gegen die Drogen“ begann, landeten Afroamerikaner überproportional oft hinter Gittern. Die Zahl der Gefangenen stieg von knapp einer halben Million USA-weit auf 2,3 Millionen Menschen an. Dabei wanderten fünfmal so viele Schwarze ins Gefängnis wie Weiße.

Ein Trend, der auch auf das Zentrum des Blues zutrifft. Die Zahl der schwarzen Gefängnisinsassen stieg um 50 Prozent, während die weiße Gefangenenpopulation leicht abnahm. Spicklers Organisation „Just City“ hilft ehemaligen Gefangenen, wieder auf die Füße zu kommen. Denn mit dem Verbüßen der Strafe hören die Sanktionen lange nicht auf. Solche Urteile begleiten die Betroffenen oft ein Leben lang – von der Jobsuche über die Möglichkeit eine Wohnung oder Kredite zu bekommen bis hin zu dem Ausschluss von Wahlen.

Spickler macht die Strafjustiz als Paradebeispiel für strukturellen Rassismus aus. „Erst haben wir die Leute auf Schiffe gesteckt und gegen ihren Willen hier hingebracht, dann haben wir sie nach der Sklaven-Befreiung mit den Jim-Crow-Gesetzen unterdrückt. Und nach der Abschaffung der Rassentrennung erfanden wir das System des Wegschließens der schwarzen Männer.“

Memphis nahm dabei eine Vorreiterrolle ein. „Das ist der Geburtsort dieses Systems der Masseninhaftierung“, sagt Professor Andrew E. Johnson, der im Streit um die Denkmäler in Memphis bis dahin unbeachtete Details aus der Biografie des Konföderierten-Generals Nathan Bedford Forrest ausgrub. „Er hatte die Idee, seine großen Ländereien von schwarzen Gefangenen bestellen lassen.“ Bis zur Demontage der Denkmäler vergangenen Dezember feierte Tennessee Forrest als „erfolgreichen Geschäftsmann“. Ohne zu sagen, womit er sein Geld verdiente: Sklavenhandel.

Terri Johnson vom Civil Rights Museum im ehemaligen „Lorraine Motel“ ist erleichtert, dass Besuchern der Stadt dieser Anblick im Gedenkjahr erspart bleibt. Natürlich habe es in den vergangenen Jahren Fortschritte gegeben, sagt die schwarze Direktorin der Gedenkstätte. Aber King wäre gewiss „enttäuscht über diese Wohlstandskluft und über das Strafrechtssystem mit seiner Gefangenenpopulation“.

Wenn am 4. April in den USA, aber auch in Deutschland und vielen anderen Ländern die Glocken zum Gedenken an Kings Tod läuteten, sei das auch ein Signal, die unvollendeten Aufgaben eines Bürgerrechtlers fortzuführen, der schon damals global dachte und lokal handelte. Wie bei dem Streik der Müllarbeiter in Memphis.

Die unmittelbare Reaktion auf den bisher nicht lückenlos aufgeklärten Mord an King, zu dem noch rund 600 000 Dokumente für zehn Jahre unter Verschluss in den Archiven bleiben, waren die größten Rassenunruhen in den USA seit Ende des Bürgerkriegs. Die blutige Bilanz damals: Mehr als 40 Tote und über 3 000 Verletzte.

Auch das war nicht im Sinne des Ermordeten, der arme Schwarze und Weiße in seiner „Armen-Kampagne“ zusammenbringen wollte. Diese Aufgabe fällt nun seinen Erben zu, die unter Führung des Bürgerrechtlers William Barber die „New Poor People Campaign“ organisieren, der sich auch Pastor Stacy und die MICAH-Koalition angeschlossen haben. 50 Jahre nach dem Tod Martin Luther Kings versuchen sie, aus den 95 Millionen Amerikanern, die von Lohntüte zu Lohntüte oder unter der Armutsgrenze leben, eine multi-ethnische Koalition zu schmieden.

Die Studentin Rhonda Bellamy Hodge sieht am Ziel ihrer langen Reise im Zimmer 306 des „Lorraine Motel“ klarer als zuvor, wie aktuell Kings unvollendete Mission bleibt. Ihr persönliches Fazit könnte als Motto über dem 50. Jahrestag des Mordes an ihm stehen. „Der Marsch geht weiter“.