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„Der Masern-Erreger ist nie weg“

Das Gesundheitsamt in Dresden ist seit Wochen stark gefordert. Leiter Jens Heimann will aber definitiv keine Schulen schließen.

© Sven Ellger

Seit einem Monat steigt die Zahl der Masernerkrankungen in Dresden. Betroffen sind Kinder und Jugendliche, die nicht oder unzureichend geimpft sind. Viele von ihnen besuchen die Freie Waldorfschule in der Radeberger Vorstadt. Dort hat das städtische Gesundheitsamt Hunderte Schüler zwischenzeitlich der Schule verwiesen, um eine Ausbreitung der Masern zu verhindern. Gesundheitsamtsleiter Jens Heimann hat die Entscheidungen mit getroffen.

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Herr Heimann, wie entwickelt sich die Zahl der an Masern Erkrankten?

Die Zahl ist seit vergangener Woche noch einmal von 48 auf 50 Erkrankte gestiegen. Weil diese Steigerung nicht mehr so stark ist, hoffen wir, dass wir den Gipfel erreicht haben. Aber damit muss man natürlich vorsichtig sein. Es kann auch passieren, dass die Zahlen wieder rasanter zunehmen.

Wieso trifft diese Masernwelle nun gerade Dresden?

Es sind neben Dresden ja auch andere Großstädte wie Leipzig oder Berlin betroffen. Dabei ist es immer so, dass Häufungen dort auftreten, wo das Virus auf empfängliche Kontaktpersonen trifft. Also auf Menschen, die nicht geimpft sind.

Eine große Häufung gibt es in der Waldorfschule. In Berlin wurden in solchen Fällen ganze Schulen geschlossen? Wieso war das in Dresden nicht nötig?

Zu einer einzelnen Einrichtung möchte ich mich nicht äußern. Grundsätzlich ist es aber schwierig, eine ganze Schule zu schließen. Das bedeutet ja auch einschneidende Maßnahmen für die Eltern, die sehen müssen, wie sie ihre Kinder betreuen. In Dresden waren an der entsprechenden Einrichtung viele Schüler geimpft und somit geschützt. Die ungeimpften, die Kontakt mit einem Erkrankten hatten, durften dann aber 14 Tage nicht in die Schule.

Wie haben deren Eltern reagiert?

Überwiegend waren sie verständnisvoll. Und wir lagen mit unserer Vorsichtsmaßnahme ja auch richtig: 25 Personen, welche die Einrichtungen nicht mehr betreten durften, sind später zu Hause erkrankt. Aber natürlich gab es auch Fälle, in denen der Unmut groß war. Es ist nicht leicht, quasi sofort eine 14-tägige Betreuung für das Kind zu organisieren, wenn man eigentlich arbeiten muss. Aber wir haben uns diese Regeln ja nicht ausgedacht. Wir handeln nach dem Sächsischen Herdbekämpfungsprogramm.

Wie groß ist denn wiederum Ihr Verständnis dafür, dass Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen?

Es ist leider nicht so, wie Eltern in solchen Fällen oft sagen, dass das eine individuelle Entscheidung ist. Denn wer selbst nicht geimpft ist, kann andere anstecken und gefährden. Säuglinge oder manche kranken Menschen können zum Beispiel nicht geimpft werden. Von daher ist es für mich schwer nachvollziehbar, wenn Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen.

Was halten Sie von der Forderung nach einer generellen Impfpflicht?

Aus medizinischer Sicht bin ich dafür. Denn je mehr Menschen geimpft sind, desto weniger erkranken.

Nun argumentieren Impfgegner oft, dass Masern nur eine Kinderkrankheit ist und eine Erfahrung, die das Kind ruhig machen könne.

Beides stimmt nicht. Masern können auch Erwachsene treffen. Wer daran erkrankt, fühlt sich nicht nur ein bisschen matschig, sondern der ist richtig krank. Mit starkem Fieber, manchmal auch mit einer Bindehautentzündung. Zudem wissen wir von Komplikationen, die manchmal erst nach sechs bis acht Jahren auftreten und potenziell tödlich verlaufen können. Außerdem muss man nicht jede Erfahrung machen, die man machen kann. Wir sind doch zum Beispiel froh, dass es die Cholera, die Pest, Polio oder Tetanus bei uns in Deutschland nicht mehr gibt. Bei diesen schweren Krankheiten würde doch auch keiner sagen, das sei eine Erfahrung, die man mal machen muss.

In Berlin war die Angst vor Masern zwischenzeitlich so groß, dass Mütter mit Säuglingen nicht mehr vor die Tür gehen sollten. Droht das auch Dresden?

Nein, davon sind wir glücklicherweise noch weit entfernt. Die Zahl der Erkrankungen ist zwar so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr, tritt aber konzentriert auf. Größere Sorgen müssten wir uns machen, wenn es eine flächendeckende Verteilung der Fälle geben würde. Noch sind die Impfraten auch gut. Und wir merken in den vergangenen Wochen, dass das Interesse an den Impfungen wieder steigt. Der MasernErreger ist aber nie weg. Jederzeit kann die nächste Erkrankungswelle nach Dresden kommen.

Das Interview führte: Juliane Richter