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Der Monarch gewährt Gnade

Im Blickpunkt

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Mit dieser Entscheidung macht er Schlagzeilen: Saudi-Arabiens König Abdullah bin Abdul Asis al-Saud begnadigte gestern eine Frau, die zu sechs Monaten Haft und 200 Peitschenhieben verurteilt worden war. Der Vorwurf: unzüchtiges Verhalten. Dabei war die 19-Jährige Opfer eines Verbrechens. Kurz nach ihrer Hochzeit war sie zu einem Bekannten ins Auto gestiegen, um sich ein Foto geben zu lassen. Plötzlich drangen zwei Unbekannte in das Fahrzeug ein. Sie zwangen die Insassen, zu einem abgelegenen Ort zu fahren, wo fünf Komplizen warteten. Sie vergewaltigten die junge Frau.

Zum Verhängnis wurde ihr, dass sie die Geschlechtertrennung für einen Moment vergaß. In dem Auto war sie allein mit einem Mann, der weder ihr Ehemann noch ein Blutsverwandter war – ein Verstoß gegen die islamischen Gesetze.

Mit der Begnadigung reagierte der Monarch auch auf die weltweite Kritik. Sogar die US-Regierung, der wichtigste Verbündete Saudi-Arabiens, hatte von einem empörenden Urteil gesprochen. Allerdings beeilte sich der saudiarabische Justizminister zu versichern, dass die Entscheidung aus dem Königspalast nicht als Kritik an der Rechtsprechung zu werten sei. Der König sei überzeugt von der „Gerechtigkeit“ der saudiarabischen Justiz. Die löst aber mit Enthauptungen, Steinigungen, Verstümmelungen und anderen mittelalterlichen Strafen immer wieder Empörung aus.

In seiner Jugend war Abdullah vorwiegend von islamischen Geistlichen erzogen worden – mit Lektionen in Religion, Soziologie, Politik und Traditionen des Beduinenlebens. Noch heute zieht sich der Monarch zuweilen gern in die Wüste zurück. Sein Haupt bettet er dort im Zelt. Wie viele arabische Herrscher liebt er Falken und Pferde. Das Luxusleben, das etliche Prinzen der Saud-Dynastie lieben, lehnt der 83-Jährige ab.

Nur wenn sich der König auf Reisen begibt, gönnt er sich einen riesigen Begleittross. Zum Staatsbesuch in Deutschland brachten zehn Flugzeuge insgesamt 600 Begleiter, darunter zehn Prinzen, vier Ehefrauen und 22 Kinder nach Berlin. Allein im Hotel Adlon bewohnte die königliche Begleitung 200 Zimmer.

Abdullah, der den Thron nach dem Tod von König Fahd 2005 bestiegen hatte, gilt in den Augen radikaler Islamisten als „korrupter Tyrann“. Mehrfach haben Aktivisten des Terrornetzwerks al-Qaida den Tod Abdullahs gefordert. Der König, der den offiziellen Titel „Hüter der Heiligen Stätten“ führt, habe sich vom wahren Islam entfernt.

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA war der Druck auf das Herrscherhaus gewachsen. Kräftig sprudelten zwar die Einnahmen aus dem steigenden Ölpreis, doch der Irak-Krieg und die explosive Lage im Nahen Osten wirkten eher destabilisierend. Um die Macht Saudi-Arabiens zu festigen, hatte Abdullah 2002 überraschend eine Nahost-Friedensinitiative gestartet, die Israel eine Normalisierung der Beziehungen zu den arabischen Staaten in Aussicht stellte. (SZ/fg mit AP)