Teilen:

Der Mythos vom Warmduschen

© René Meinig

Schwulsein hat im Fußball bislang keinen Platz. Doch Jan Duensing kämpft gegen Diskriminierung und Vorurteile.

Von Henry Berndt

Fünf Euro ins Phrasenschwein, aber ganz klar: „Wichtig ist auf’m Platz“. Was im Fußball zählt, sind doch Tore, Dribblings und Zweikämpfe. Das weiß jeder Kneipenstammgast und jeder Hobby-Bundestrainer. 13 Jahre lang war Jan Duensing selbst Teil dieser Welt, in der es nur ein Konzept von Männlichkeit gibt: das des harten Kerls, der auf Frauen steht. Alles andere sind Warmduscher. Wer musste sich in seiner Jugend nicht mal als „schwule Sau“ oder „Schwuchtel“ bezeichnen lassen? Dumpfe Schimpfwörter ohne Hintersinn.

Viermal in der Woche trainierte Jan früher in seinem Verein, lebte damals noch in der Nähe von Mainz. Zuletzt spielte er Außenverteidiger in der Bezirksliga. Parallel leitete er jahrelang Jugendmannschaften. Er war immer dabei, und doch gehörte er nie richtig dazu.

Er war 16, als sich Jan Duensing in einen Mitspieler verliebte. „Das ist mir aber erst viel später so richtig klar geworden“, sagt er. „Damals hab ich mich nur erschreckt und gedacht: ,Was geht denn hier ab?‘“ Jan wahrte den Schein. Er versteckte seine Gefühlswelt vor seinen Mitspielern – und vor sich selbst. Sich zu outen, das war für ihn undenkbar. Irgendwie ging es auch so, nur glücklich war er nicht.

Heute bezeichnet sich der 24-Jährige als „stolzen bisexuellen Mann“. Warum er das „stolz“ demonstrativ voranstellt? Weil Bisexualität immer noch oft belächelt werde, nach dem Motto: „Du kannst dich doch bloß nicht entscheiden.“

Für sein Studium der Philosophie kam Jan vor vier Jahren nach Dresden und lebt seitdem im Hechtviertel in der Neustadt. Fußball spielt er hier bislang nicht, obwohl er den Sport noch immer für großartig hält und regelmäßig Heimspiele seines Herzensvereins Hertha BSC Berlin besucht.

Inzwischen arbeitet Jan in Dresden als freier Bildungsreferent, vor allem mit FSJ- und Freiwilligendienstgruppen. Ehrenamtlich engagiert er sich für den Verein „Gerede – homo, bi und trans“, der die Interessen von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transidenten sowie deren Angehörigen in Dresden vertritt.

Aus seinen eigenen Erfahrungen heraus überlegte Jan schon eine Weile, wie er dieses Thema auch in den Fußball hineintragen könnte. Herausgekommen ist das Projekt „Feiner Fußball“, dessen Name sich auf eines dieser typischen Vorurteile Schwulen gegenüber bezieht, die seien grundsätzlich so ein bisschen etepetete und überkandidelt. „So ernst das Thema ist, so ist der Name doch augenzwinkernd gedacht“, sagt Jan. Und das Wichtigste: Er erregt im besten Fall Neugier bei seiner Zielgruppe, den Fußballvereinen. Wichtig ist auf’m Platz? „Das stimmt so nicht“, stellt Jan klar. „Wichtig ist genauso auf dem Rang, im Vereinsheim, in der Kabine und zu Hause vor dem Fernseher.“ Nur das alles zusammen mache den Reiz aus.

Seine Initiative „Feiner Fußball“, die zum Jahresbeginn 2016 offiziell ins Leben gerufen wurde, will Fußballvereine für das Thema Homophobie sensibilisieren. Jan und seine Mitstreiterin Jana Böhme sehen sich dabei nicht als Selbsthilfegruppe, sondern als „ Bindeglied oder Knotenpunkt, an dem Dinge zusammenlaufen“, wie Jan sagt. Anfangs schrieben sie die Fußballvereine per Mail an und erklärten wortreich ihre Ziele. Reaktionen gab es keine. Dann begannen sie zu telefonieren. Die häufigste Antwort: Ganz tolle Sache, aber bei uns ist das gar kein Thema.

„Genau das ist das Problem“, sagt Jan denen dann. Geschätzt seien fünf bis zehn Prozent der Männer in Deutschland schwul. Schon rein statistisch könnte doch dann ein Verein mit 400 Mitgliedern keine rein heterosexuelle Gemeinschaft sein, selbst wenn viele Schwule gar nicht erst den Weg zum Fußball finden. „In unserer männlich dominierten Welt ist die Angst, auf Ablehnung zu stoßen, für viele groß.“

Dort setzt „Feiner Fußball“ an. Jan bietet Vereinen und Verbänden Workshops an, betreibt aber auch klassische „Lobbyarbeit“, wie er es nennt. Gerade verteilt er Postkarten mit dem Spruch: „Der Mythos vom Warmduschen“. Das Motto heißt: Trommeln und Klinken putzen. In jedem Verein gebe es offene Leute. „Viele Trainer sind auch willig und bräuchten nur noch die Befähigung, das Thema richtig anzusprechen.“ Jans Traum ist, dass der Kampf gegen Homophobie eines Tages fester Bestandteil der Trainerausbildung ist.

Für seinen Einsatz wurde er kürzlich zum Botschafter des Bundesnetzwerks Bürgerliches Engagement ernannt. Wieder ein Happen mehr Aufmerksamkeit. Inzwischen ist Jan Duesing selbst wieder so weit, dass er selbst Lust auf Fußball hätte. Und nicht nur das. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich bereit für eine feste Liebesbeziehung. „Ich weiß jetzt endlich, wer ich bin. Das ist ein schönes Gefühl.“

Mehr unter www.gerede-dresden.de