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Der Nomade

Wer ist der Mann, der Dresden zu Europas Kulturhauptstadt machen soll? Ein überraschendes Porträt.

© Ronald Bonß

Von Karin Großmann

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Multimedia-Erlebnis statt Museumsbesuch

Nach sechs Jahren Planung eröffnet in der Festung Dresden die „Festung Xperience“, ein modernes Erlebnisangebot mit Unterhaltungsgarantie.

Noch sieben Jahre, dann könnte Dresden die Kulturhauptstadt Europas sein. Noch 15 Monate, dann sollte das Drehbuch für die Bewerbung stehen. Noch eine Woche, dann bezieht Michael Schindhelm das Büro im Kulturpalast. Dann dürfte der Teeverbrauch im Café gegenüber steigen. Zwischen beiden Orten liegt die Wilsdruffer Straße, die noch Ernst-Thälmann-Straße hieß, als Schindhelm hier entlangseppelte. Sein Vater, erzählt er, hat die 16-Millimeter-Filme von damals digitalisiert. Die Familie besuchte in den Sommerferien Studienfreunde des Vaters. Der fünfjährige Sohn trug die erste Lederhose seines Lebens.

Jetzt ist Michael Schindhelm 57, groß, schlank, grauhaarig, agil und offenbar ein unerschrockener Mann. Sonst hätte er das Amt des Kurators für die Hauptstadtbewerbung nicht übernommen. Das Ansehen von Dresden wirkt spätestens seit der Waldschlößchenbrücke so ramponiert wie ein Testauto nach dem Test. Martialische Aufmärsche machen die Stadt nicht sympathischer. Doch gerade die Konflikte sind es, die Schindhelm reizen. Er meint, dass nicht alle typisch sind für die Stadt: „Sie zeigen sich hier nur besonders deutlich.“

Es sind Konflikte, die die westliche Gesellschaft insgesamt betreffen. „Der ganze Kontinent ist unwillig zum Aufbruch. Viele Menschen glauben, dass sie dabei nichts zu gewinnen haben, dass die Zukunft nicht besser wird als die Vergangenheit. Statistiken bestätigen das. Heutigen Mittzwanzigern geht es schlechter als den Generationen zuvor. Sie verdienen weniger, sie leben in größerer Unsicherheit und sehen deshalb Werte wie Wohlstand, Wachstum und politische Freiheit mit größerer Skepsis.“

Für Michael Schindhelm läuft dieser Prozess auf die eine Frage hinaus: „Wohin bricht Europa auf – oder bricht es zusammen?“ In Dresden, meint er, könnte die Gefahr besonders spürbar sein, dass sich der Kontinent aufgibt und in nationale oder nationalistische Fragmente zerfällt.

Der Titel Kulturhauptstadt Europas hat zuletzt erheblich an Glanz verloren. Er wirkte verbraucht. Nun wird er wieder interessant, „existenziell!“, sagt Schindhelm. Die Welt hat sich heftig gedreht, seit der Titel auf Vorschlag der griechischen Schauspielerin, Sängerin und Politikerin Melina Mercouri 1985 erstmals vergeben wurde. Der Burgfrieden nach dem Kalten Krieg ist zu Ende. Alles ist in Bewegung – und dafür scheint Michael Schindhelm genau der Richtige zu sein. Sein Lebensweg steckt voller Brüche, seit er sich mit Angela Merkel am Institut für Physikalische Chemie in Ostberlin ein Büro teilte. Im sibirischen Woronesh hatte er Quantenchemie studiert. Schindhelm erzählt, wie er Jahrzehnte später dort vom Gouverneur empfangen wurde und der die alte Uni-Bewerbung aus der Tasche zog. Das hat ihn gefreut. Dem Studienfach blieb er dann doch nicht treu.

Wenn der 57-Jährige spricht, sucht er mitunter kurz nach dem passenden deutschen Wort. Er ist darin nicht mehr geübt. Er arbeitete in vielen Ländern, spricht russisch, englisch, französisch und italienisch. Das spart einer künftigen Kulturhauptstadt schon mal die Dolmetscherkosten. Die Dolmetscher hätten auch wenig Freude mit ihm. Mancher Gast kam mit dem Hören kaum hinterher, als Michael Schindhelm dieser Tage in Dresden-Loschwitz sein neues Buch vorstellte. Er forschte dem Leben des kaum bekannten surrealistischen Malers Walter Spies nach, mit dem er erstaunlich vieles gemeinsam hat: den freien Geist, die Umtriebigkeit, das Sprachtalent, die Faszination für das Fremde. Und die Erkenntnis: „Man kommt nicht aus seiner Haut heraus, man muss sich der eigenen Geschichte stellen.“ Walter Spies lebte eine kurze Zeit lang auch in Dresden.

Michael Schindhelm stammt aus Thüringen und sammelte prägende Lebenserfahrungen in der Golfregion. Dazwischen liegt eine frappierende Theaterkarriere. Er leitete die Bühnen von Nordhausen, Gera und Altenburg und führte zehn Jahre lang das Theater Basel als größtes Mehrspartenhaus der Schweiz mit den streitbarsten Schauspielregisseuren zum Ruhm. In Berlin wurde Schindhelm 2005 zum ersten Generaldirektor der Opernstiftung berufen, die drei Häuser zusammenfasste. Er hantierte mit einem Jahresetat von 113 Millionen Euro. Die geforderten Einsparungen wollte er nicht mittragen und ging. Zeit für einen neuen Aufbruch. Er ging nach Dubai.

„Ich wusste jedes Mal, dass ich nicht für immer bleiben würde. Dass ich komme und wieder gehe. Ein gewisses Nomadentum ist den meisten Kulturschaffenden eigen. Sie tragen Ideen und Erfahrungen weiter. Das ist für eine Gesellschaft genauso wichtig wie jene Menschen, die an einem Ort bleiben und sich mit ihm identifizieren.“ Viele Jahre lang, sagt Schindhelm, spielte er die Rolle eines Flaneurs, der beobachtet und beschreibt, aber nie ganz dazugehört. Ein gemächlicher Spaziergänger war er nie. Schindhelm macht nicht nur beim Reden Tempo. Er hat ein Basislager in London und eins in Lugano, ist deutscher Staatsbürger und schweizerischer und arbeitet zurzeit häufig in Singapur.

Woher kommt dieser Drang nach Veränderung? Hat er sich schon als Lederhosenkind schnell gelangweilt? Hat er keine Geduld? Treibt ihn die Neugier? „Es ist von allem etwas“, sagt Michael Schindhelm, „aber die Neugier ist stets am größten – und die Lust auf Risiko.“ Damit kann er in Dresden rechnen. Die Stadt begrüßt einen Neuling von außen selten mit offenen Armen. Das Misstrauen wird vermutlich vererbt. Erst mal gucken, was einer kann. Als Kurator für die Kulturhauptstadt-Bewerbung hat Schindhelm sich nicht beworben, er wurde gefragt, so wie er schon für Weimar 1999 und für Essen 2010 gefragt worden war. Damals hatte er abgelehnt. Damals schien ihm Europa noch nicht interessant genug. „Diesmal ist es anders.“

Inzwischen traf sich der Kurator in Dresden zu ersten Gesprächen, stellte sich im Stadtrat vor und warnt: Er wird nicht innerhalb von vier Wochen das Goldkonzept aus dem Ärmel schütteln, das alle Probleme löst, um die „lokale Identität zu stärken“ oder den „Dialog mit der Bürgerschaft“ zu fördern, wie es in offiziellen Dokumenten heißt. „Ich gucke die Stadtteile an und frage, was dort spezifisch ist, wie eine städtische Landschaft entsteht und wie sich die Vielfalt zu einer Gesamtvision entwickelt.“

Was Schindhelm als ein Ideal beschreibt, ist Grenzgängerei ohne Grenzen: Konsumenten werden zu Produzenten, Laien vermischen sich mit Profis, die strengen Spielregeln zwischen populärer und klassischer Kunst, zwischen Kunst und Technologie verschwinden, und die tradierten Institutionen enden nicht an der Tür, wo der öffentliche Raum beginnt. „Wir müssen uns mit einer heterogenen Gesellschaft voller unterschiedlicher Interessen auseinandersetzen. Die Menschen müssen sich mit ihrer Perspektive, mit ihrer Geschichte vertreten fühlen. Die Kultur kann das Parlament der Stimmen und Geschichtserzähler erweitern.“

Michael Schindhelm kann sich leicht in Begeisterung reden. Er versucht, etwas von dieser Theorie umzusetzen, wenn er Manager in aller Welt schult in dem, was er „soft power“ nennt: Beeinflussung und Konfliktlösung durch Kultur. Damit begann er 2007 in Dubai. Er gründete ein Studienzentrum, aus dem sich ein neues Selbstverständnis entwickelte und daraus vieles andere: eine Kunstmesse, ein Filmfestival, eine Welt von Galerien und eine Vielfalt von Publikationen, wie sie einmalig ist in dieser Region. „Inmitten von Kriegen und religiösen Fanatismen wurde die Toleranz zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen und Kulturen gelebt.“ Ebenso beeindruckte ihn der unbeirrbare Zukunftsglaube, sagt Schindhelm. „Es scheint, als hätte das alte Europa im Prozess der Globalisierung wenig zu gewinnen gegenüber jenen hungrigen neuen Staaten und den Menschen, die die Zukunft viel optimistischer sehen.“

Die Entscheidung für Dresden ist für den kosmopolitischen Kulturmanager Schindhelm mit einem radikalen Perspektivwechsel verbunden. Illusionen macht er sich wohl nicht, auch nicht über den neuen Wirkungsort. In seinem Roman „Die Herausforderung“ porträtiert er einen SPD-Politiker aus dem Westen, der in Sachsen Ministerpräsident werden will und in der Dresdner Straßenbahn einen jugendlichen Rapper arabischer Herkunft niederschlägt, der antisemitische Parolen brüllt. Der Politiker scheitert. Das Buch ist 13 Jahre alt.