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Der Phaeton ist kein Ladenhüter

Die SZ sprach mit Frank Löschmann, Chef von Volkswagen Sachsen, über die Vorliebe der Chinesen für Luxuswagen und die Absatzkrise in Deutschland.

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Herr Löschmann, VW gelang 2009 gegen den Branchentrend ein Absatzrekord von 6,3 Millionen Fahrzeugen. Welchen Anteil hatte daran VW Sachsen?

Unser Golf ist hervorragend gelaufen, natürlich auch Dank der Unterstützung durch die Abwrackprämie. Dadurch sind die Auslieferungen an Volkswagen Kunden sogar im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen. Wir haben davon profitiert, dass wir unsere Golfkapazität in einem ersten Schritt flexibel ausgebaut haben, allerdings zu Lasten unserer Passat Volumen.

Lässt sich das beziffern?Beim Passat haben wir etwa um die Hälfte reduziert, dafür aber rund 160 000 Golf gebaut, so viele, wie noch nie. Insgesamt liefen 212000 Fahrzeuge vom Band.

Herrscht immer noch Kurzarbeit oder schon wieder?Volkswagen Sachsen fährt zurzeit keine Kurzarbeit. Wir hoffen, dass es im ersten Halbjahr 2010 auch dabei bleibt. Wir fahren aber besonders mit Blick auf das zweite Halbjahr 2010 weiterhin auf Sicht. Die ersten Monate sind gut abgesichert. Die aktuelle Auftragssituation beim Golf sorgt für eine vernünftige Auslastung. Der Passat bleibt auf etwas niedrigerem Niveau.

Sie sind demnach nicht so pessimistisch wie viele Autoexperten, die den großen Absatzeinbruch im ersten Jahr nach der Abwrackprämie erwarten?Prognosen wage ich nicht, denn das wäre wie der Blick in die Glaskugel. Ich gehe von realen Aufträgen aus und die sind im ersten Halbjahr 2010 definitiv gut. Für das zweite Halbjahr kann ich das heute nicht abschätzen.

Die Premiumwagen-Hersteller waren nicht unbedingt die Gewinner der Abwrackprämie. Wie hat sich der Absatz des Phaeton entwickelt?Wir haben das schwierige Jahr 2009 ganz gut ausgleichen können. Mit unseren Möglichkeiten der flexiblen Arbeitszeitgestaltung haben wir die verminderte Nachfrage ohne zusätzliche Personalveränderungen gefahren. Und 2010 sieht für den Phaeton recht positiv aus. Wir freuen uns aktuell über die positive Entwicklung der Nachfrage in China.

Im Jahr 2008 wurden 6000 Phaeton verkauft, wie viele waren es im vergangenen Jahr?Rund 4500 Fahrzeuge. In diesem Jahr hoffen wir wieder auf einen positiven Trend und werden wieder das 2008er Niveau anpeilen.

Der Phaeton ist demnach kein Ladenhüter in Europa, wie es oft in den Medien heißt?Nein, ganz und gar nicht. Der Phaeton ist ein fantastisches Auto. Er hat „Premium“ in vielen Bereichen neu definiert. Es wird in Europa aber keine erheblichen Volumensteigerungen geben.

Warum?Dieses Fahrzeug ist die Spitze der Marke Volkswagen. Das soll so bleiben, deshalb entwickeln wir dieses Fahrzeug auch behutsam weiter. Es wird aber nie wie der Golf in Mehrtausenderstückzahl am Tag gebaut werden.

Sie haben China erwähnt. Wie viele Phaeton wurden dorthin verkauft und erwarten Sie eine Steigerung für dieses Jahr?2009 haben sich die Aufträge erst im zweiten Halbjahr wirklich gut entwickelt. Für dieses Jahr nehmen wir uns mehr vor, ohne heute schon konkret werden zu wollen.

Warum sind die Chinesen so begeistert vom Phaeton? Weil sie große, schwarze Luxusautos lieben oder weil VW schon so lange in China präsent ist?Die Chinesen lieben, wenn sie es sich leisten können, Premiumfahrzeuge, mit einem Extra an Komfort, Fahrzeuge mit Platz. Das zweite Thema ist das Image. In Europa musste Volkswagen gegen andere, etablierte Wettbewerber antreten. In China müssen alle Hersteller das Image ihrer Fahrzeuge neu aufbauen. Und Volkswagen hat 20 Jahre Erfahrung auf dem chinesischen Markt und eine entsprechend gute Ausgangssituation auch für den Phaeton.

Wie sieht es in Nordamerika aus?Eventuell werden wir zu gegebener Zeit über einen Wiedereinstieg in den US-Markt nachdenken. Dies muss mit entsprechend wirtschaftlichen Daten hinterlegt sein.

Verdient VW unterm Strich Geld mit dem Phaeton?Ja, und dies besonders durch den Premiumklassen-Effekt. Ein Beispiel: Ich hatte kürzlich eine Diskussion mit einem Phaeton-Kunden, einem Hotelier. Der hat nicht nur einen Phaeton gekauft, sondern ist von dem Transporter eines Wettbewerbers auf den T5 von Volkswagen umgestiegen und hat davon gleich vier Fahrzeuge für sein Hotelgeschäft geordert. Der Phaeton ist als Leitbild bei Volkswagen wichtig. Wenn wir einen Kunden für den Phaeton begeistert haben, dann ist auch eine Nähe zu Volkswagen und seinem breiten Produktportfolio da.

Welche prominenten Kunden konnten Sie denn begeistern?Roland Kaiser ist begeisterter Phaeton-Fahrer. Aber auch Peter Maffay, Jan Vogler oder die Pianistin Helene Grimaud.

Sie sind seit einem Jahr Chef der Gläsernen Manufaktur in Dresden und wollten Synergien zwischen den sächsischen Standorten suchen. Welche haben Sie gefunden?Viele im administrativen Bereich. Personalabteilung, Öffentlichkeitsarbeit, logistische Abläufe sind unter einen Hut gebracht worden. Vertrieb und Marketing dagegen haben wir bewusst mit der Kompetenz in Dresden beibehalten. Die Exklusivität der Dresdner Manufaktur muss erhalten bleiben.

Hat das Stellen gekostet?Nein. Wir haben beispielsweise über Altersteilzeit oder die Flexibilität innerhalb aller sächsischen Standorte ausgeglichen. Aber niemand wurde deswegen entlassen.

Wird die Beschäftigung künftig noch wachsen?Das ist wieder der Blick in die Glaskugel. Bei der Beschäftigung wird es qualitatives Wachstum geben, quantitatives angesichts der Volumenentwicklung in Europa eher nicht. Wir sind aber auf steigende Volumen in Sachsen angewiesen, um die Produktivitätsfortschritte zu kompensieren. Für Zwickau ist eine Produktionszahl von 400000 Fahrzeugen im Jahr ohne Weiteres denkbar, und in Chemnitz etwa könnten 1000000 Motoren im Jahr vom Band laufen.

Das Gespräch führte Nora Miethke