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Feuilleton

„Der Pseudo-Dialog ging viel zu weit“

Mit Pegida reden? Laut Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler, wurden dabei viele Fehler gemacht. Ein Gespräch über die Kunst des Miteinander-Redens.

Beim Thema "kommunikativer Klimawandel" spielt Pegida eine große Rolle. Die damaligen Pegida-Führungsleute Lutz Bachmann und Kathrin Oertel versuchen am 19. Januar 2015 auf einer Pressekonferenz das Gespräch mit Journalisten.
Beim Thema "kommunikativer Klimawandel" spielt Pegida eine große Rolle. Die damaligen Pegida-Führungsleute Lutz Bachmann und Kathrin Oertel versuchen am 19. Januar 2015 auf einer Pressekonferenz das Gespräch mit Journalisten. © Ronald Bonß

Ein Gespräch mit Bernhard Pörksen ist immer etwas Besonderes, denn Kommunikation und Dialog gehören zu seinen Schwerpunktthemen. Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, hat jetzt zusammen mit dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun das Buch „Die Kunst des Miteinander-Redens“ herausgebracht. Darin tauschen sich die beiden in Dialogform über den „kommunikativen Klimawandel“ der Gesellschaft aus, wie sie es nennen. Dresden und Sachsen spielen in diesem aufschlussreichen Buch keine geringe Rolle.

Herr Pörksen, seit es Pegida gibt, wird in Sachsen Dialog als Heilmittel gesehen. Jetzt kommen Sie und sagen: „Der Dialog war hier zu einer bloßen Beschwichtigungsgeste mutiert.“ Welche Fehler wurden gemacht?

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Ich will keine Haltungsnoten vergeben, das wäre der erste Fehler: arrogantes Besserwissertum in Tateinheit mit einer wissenschaftlich bemäntelten Ferndiagnose.

Der Satz ist aus Ihrem neuen Buch.

Stimmt. Muss ich zugeben. Hier streiten der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun und ich über die Frage: Soll man mit allen reden? Kann man das überhaupt? Wir ringen um die richtige Mischung aus Empathie und Konfrontationsbereitschaft, aus Zuwendung und Trennschärfe im Diskurs. Seine Position: die Diskurs- und Dialog-Anstrengung maximieren, den kommunikativen Brückenbau intensivieren!

Und Ihre Position?

Die Dialog-Voraussetzungen schärfer definieren, sich ernsthaft fragen, mit wem man wirklich reden will. Sonst rollt man irgendwann Rassisten und Islamfeinden den roten Teppich aus. Aber: Das Wichtigste ist nicht irgendein Fertigrezept der Kommunikation, das es ohnehin nicht gibt, sondern die Debatte der Möglichkeiten selbst – in ihrer Unterschiedlichkeit. Diese Debatte versuchen wir. Sie soll den Leser ermutigen, seine eigene Haltung zu finden, passend zur eigenen Person und der besonderen Situation. Es geht uns um eine Kunst des Herausfindens auf der Suche nach stimmigen Lösungen.

Aber noch mal: Wie lautet Ihre Kritik?

Was in Sachsen als Dialog-Offerte formuliert wurde, war oft gar kein Dialog, sondern ein Versuch der schnellen Besänftigung mit pseudotherapeutischem Touch – hektisch, ergebnisgetrieben, auf den Effekt fixiert. So funktioniert das Miteinander-Reden nicht.

Es gibt auch von der anderen Seite den Vorwurf, die vielen Dialog-Angebote durch Politik und Medien hätten was Pädagogisches, nach dem Motto: Wir reden mit euch, damit ihr euch wieder bessert. Ist da was dran?

Absolut. Und Menschen sind Experten bei der Entlarvung von Heuchelei. Sie haben feine Antennen, um zu begreifen, wenn vor allem gefloskelt wird und das „Gespräch auf Augenhöhe“, das „echte Zuhören“ und die Rede von den „Sorgen, die man endlich ernst nehmen“ wolle, nur als Trick eingesetzt werden. In einem Dialog beginnt, wie Friedemann Schulz von Thun in unserem Buch sagt, die Wahrheit zu zweit. Das ist der Kern dieser Form von Kommunikation. Und das heißt, dass man sich mit dem Gedanken anfreunden muss, der andere könnte recht haben. Und damit lautet die entscheidende Frage: Will man das wirklich? Ist man bereit, die Ruhebank der eigenen Gewissheiten zu verlassen?

Wie kommt man zu einer Antwort?

Indem man Verstehen, Verständnis und Einverständnis unterscheidet, so unser Vorschlag. Verstehen sollte man den anderen immer, selbst wenn man ihn als Gegner begreift. Aber ob man Verständnis für seine Motive und Empfindlichkeiten hat oder gar einverstanden ist – das ist eine ganz andere Frage. Mir selbst hilft dieses DreierSchema, um meine eigene Diskurs- und Dialogbereitschaft zu klären. Und um diese Klarheit geht es.

Was heißt das mit Blick auf Pegida?

Ich fand und finde, der zu Beginn verständnissinnige, betuliche Pseudo-Dialog gegenüber den Pegida-Anführern und den Pegida-Rednern ging viel zu weit und viel zu lange. Auch gegenüber einem bestenfalls drittklassigen Strategen und Demagogen wie Björn Höcke, der seine so bündniswillige Partei durch seine Erfurter Spielchen gerade für lange Zeit in der Extremisten-Ecke einbetoniert hat, braucht es die klärende Konfrontation. Zum Beispiel die Nachfrage: Wie sieht seine Verbindung zu einem militanten Neonazi aus, für deren Zeitschrift er nach Auffassung von Gutachtern unter Pseudonym geschrieben hat? Und ich fand und finde gleichzeitig: Mit denen, die vielleicht aus anderen Motiven – Wut, Verzweiflung, Globalisierungsskepsis – mitlaufen, braucht es das Gespräch. Das kann scheitern, aber auf den Versuch kommt es an. Auch wenn gerade keine Fernsehkameras in der Nähe sind.

In vielen Dialog-Veranstaltungen hier konnte man beobachten, dass die meisten erst mal nur Dampf ablassen wollten. Aber das reicht wohl nicht?

Gewiss nicht, nein. Für den Dialog braucht es Zeit, Behutsamkeit, geklärte Kontexte, die Bereitschaft der Beteiligten. Harsche Kritik und polemische Zuspitzung sind hier lediglich eine Zwischenphase auf dem Weg einer Perspektive, die die Gesichtspunkte beider Seiten berücksichtigt.

„Menschen sind Experten bei der Entlarvung von Heuchelei“, sagt Professor Bernhard Pörksen.
„Menschen sind Experten bei der Entlarvung von Heuchelei“, sagt Professor Bernhard Pörksen. © Peter-Andreas Hassiepen

Oft war bei solchen Diskussionen auch zu beobachten, dass das Bemühen um sachliches Argumentieren einen emotional aufgebrachten „Wutbürger“ erst recht aggressiv machen kann, weil er das als besserwisserisch empfindet. Sachlichkeit genügt also auch nicht?

Wir Menschen versöhnen uns nicht auf dem Pfad der Vernunft, sondern dem der Emotion. Das heißt: Wer den anderen erreichen, mit ihm den Tanz des Dialoges beginnen, wieder Frieden und Freundschaft schließen will, der muss alles vermeiden, was auch nur entfernt als Abwertung und Angriff interpretiert werden könnte. Wertschätzung gegenüber der Person ist der Türöffner, selbst wenn später die Kritik der Position hinzutritt.

Der Rechtspopulismus ist in Sachsen trotz allem immer stärker geworden.

Ist der gesellschaftliche Dialog-Versuch gescheitert?

Das glaube ich nicht, nein. Und die gegenwärtig so mächtigen Bilder des totalen Diskurs-Ruins führen nicht weiter. Sie sind falsch und entmutigen. Wir leben, so versuchen wir zu zeigen, kommunikativ in einer Gesellschaft der Gleichzeitigkeiten. Zum einen gibt es Hass und Hetze, entsetzliche Formen der Erniedrigung. Zum anderen finden wir in manchen akademischen Milieus eine mitunter anstrengende, moralisierende Betulichkeit und Empfindlichkeit, die auch schlechte Scherze maximal furios verfolgt. Und schließlich existiert auch eine Sphäre echter Wertschätzung und des Respekts – in Unternehmen, Schulen, Universitäten, Redaktionen. Die gilt es zu stärken.

Kritiker des Dialogs mit „Rechts“ warnen vor einer Diskursverschiebung und dem Aufweichen berechtigter Tabus. Wie sehen Sie das?

Diese Gefahr besteht. Und doch: Es kann auch falsch sein, das Bemühen um Empathie sofort als Sympathie zu skandalisieren. Ein Dilemma, das sich nur situativ und im Konkreten auflösen lässt.

Dass sich Tabus auflösen, ist jedenfalls offensichtlich.

Wenn ich persönlich antworten darf: Vor zwanzig Jahren schrieb ich meine Doktorarbeit über die Sprache von Neonazis. Meine Hauptschwierigkeit war, überhaupt an Material heranzukommen. Wochen- und monatelang reiste ich deshalb durch die Republik und fahndete in obskuren Archiven nach Propagandaschriften aus einer publizistischen Unterwelt, die öffentlich unsichtbar blieb. Heute könnte ich mir all dies in drei Stunden zusammengoogeln.

Wie kommt man dagegen an?

Die gesellschaftliche Mitte ist gefordert wie nie. Sie muss in einer Zeit, in der die Lauten und die Hassenden von den Rändern her das Kommunikationsklima bestimmen, für eine Sprache der Mäßigung und der Abkühlung werben. Der mediale und öffentliche Fokus auf das hässliche Extrem – wohlgemerkt, es handelt sich nachweislich um eine lautstarke Minderheit – ist falsch. Und noch etwas: Das Bestehen auf Tabus, hier verwechselt ein Uwe Tellkamp etwas, ist kein Indiz für Meinungs- oder Gesinnungsvorgaben. Das nennt man Zivilisation.

Wir haben noch nie so viel übers Debattieren debattiert wie heute. Woran liegt das eigentlich?

An der Neuordnung der Medien- und Machtverhältnisse im digitalen Zeitalter. Wenn Regeln schwinden, Hierarchien wegfallen, Autorität pulverisiert und Kontexte kollabieren, dann entsteht ein offener Raum. Und man fragt sich: Wie noch sprechen? Die permanente Meta-Debatte ist die Reaktion auf die laufende Kommunikationsrevolution, die in der Tiefe wirkt.

Die Fragen stellte Marcus Thielking.

Bernhard Pörksen, Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik. Hanser-Verlag, 223 S., 20 €.