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Der Rückkehrer

Nach seinem Gastspiel als Kultusminister ist Frank Haubitz erneut Schulleiter. Ein Blick hinter das Schultor.

© René Meinig

Von Julia Vollmer und Claudia Schade

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Es wird langsam hell, als Frank Haubitz auf dem Schulhof ankommt. Sieben zeigt die Uhr, als sein Arbeitstag beginnt – Routine seit 28 Jahren. „Oh, der Herr Haubitz im Anzug!“, schallt es dem Schulleiter vom Gymnasium Klotzsche später aus mehreren Kindermündern entgegen. Dabei ist Respekt, aber auch viel Sympathie zu spüren.

Das gehört auch dazu: Mails checken, Vertretungspläne schreiben und Ausflüge planen. © René Meinig
Frank Haubitz erklärt seiner 9. Klasse den Satz des Pythagoras. „Er kann Mathe übelst gut erklären“, sagt eine Schülerin. © René Meinig

Früher war der Lehrer eher der Jeans-und-Turnschuh-Typ. Heute trägt er Sakko, dazu ein weißes Hemd, blaue Krawatte und passende Hose. Das wohl deutlichste Zeichen, dass sich in seinem Leben mit dem Ausflug in das Kultusministerium etwas verändert hat. Nur die Schuhe sind sportlich geblieben. „Meine Frau sagt: Wenn du den feinen Zwirn jetzt schon mal hast, musst du ihn auch abtragen.“ Typisch Haubitz. Immer flapsig.

Der feine Zwirn stammt aus seiner Zeit als Kultusminister. Für Aufsehen hatte seine Ernennung im Oktober 2017 gesorgt. Sie war eine der letzten Amtshandlungen des scheidenden Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich. Doch knapp acht Wochen später regierte ein Neuer: Michael Kretschmer. Über das Ende möchte Haubitz nicht sprechen. Aus Loyalität. Aber wohl auch aus Rücksicht auf seinen Nachfolger. Frank Haubitz ist keiner, der nachtritt. „Aber“, hebt der 60-Jährige dann doch noch an, „die jetzt kommende Verbeamtung der Lehrer – das war auch mit mein Verdienst.“ Er hatte diese während seiner kurzen Amtszeit vehement gefordert und offensiv ins Gespräch gebracht.

Und wie war die Rückkehr an die Schule? „Mir war schon mulmig vor meinem ersten Tag wieder hier. Aber die Freude überwog“, sagt er. „Der Unterricht und das Feedback meiner Schüler haben mir im Ministerium schon sehr gefehlt.“ Umgekehrt scheint das Ministerium weniger zu fehlen. Wie tief die Wunden tatsächlich sind, die das kurze Gastspiel hinterließ, lässt sich jedoch nur erahnen.

Um 7.40 Uhr beginnt der Unterricht. Der Schulleiter läuft über den Gang in Richtung Direktorenzimmer. Ein Mädchen zupft an seinem Ärmel. „Herr Haubitz, wo haben wir nachher Mathe?“ Er beugt sich hinunter, dicht an ihr Ohr. „Bei mir habt ihr Mathe, im Nebengebäude.“ Er hat es parat. Er kennt das Mädchen, trotz der unübersichtlichen Zahl von fast 900 Schülern.

Doch bevor er in den Unterricht geht, hat der Schulleiter noch einiges zu erledigen. In seinem Zimmer stehen meterweise Bücher im Regal: Mathematik und Sport – seine Fächer. „Wir sind hier nicht bei: Wünsch´ dir was, sondern bei: So isses“. Dieser Spruch, auf eine Karte gedruckt, steht auf seinem Fensterbrett. Kaum ein Zitat könnte ihn treffender beschreiben. Direkt, ehrlich gerade heraus: Frank Haubitz ist wieder zurück.

Um 8.30 Uhr klopft es an die Tür. Davor wartet ein zerknirschter Schüler. Er hat zwei seiner Mitschüler geschlagen. Nicht zum ersten Mal. Noch so ein Vorfall und er fliegt von der Schule. Erst mal für eine Woche und bei Wiederholung dann für immer. Haubitz redet ihm ins Gewissen.

9 Uhr, das Sakko hängt inzwischen über dem Stuhl, die Brille sitzt dafür auf der Nase. Mails checken, Stunden- und Vertretungspläne machen – das gehört zu seinen Aufgaben als Schulleiter. Nebenbei greift er immer mal wieder zu Gummibärchen und Schokolade, die auf seinem Schreibtisch stehen. „Meine Schüler wissen, was ich gern esse“, sagt Haubitz mit Augenzwinkern. Anscheinend sorgen sie gut für ihn. Aber auch der Zucker kann ihm die Sorge über den Lehrermangel an seiner Schule nicht nehmen.

Wie schwer der wiegt, erlebt er jeden Tag. „Wenn die Kollegen wegen Krankheit ausfallen, springe ich ein.“ Gerade ist er nebenbei noch Klassenlehrer einer 9. Klasse. Puffer, um Krankheit auszugleichen, gibt es nicht. Dabei stehe sein Gymnasium mit insgesamt 74 Lehrern im Vergleich noch gut da. Das bestätigt auch sein Stellvertreter Jens Rieth. Dennoch: „Wir müssen gerade alle viel ran. Viele Kollegen sind krank“, ruft Rieht aus dem Nebenzimmer herüber. Und wie ist es so, statt Schulleiter nun wieder Stellvertreter zu sein? „Endlich ist er wieder da, ich freue mich“, so Rieth. Für keinen anderen hätte er seinen Posten lieber wieder geräumt, behauptet er. Es klingt ehrlich.

9.30 Uhr. Pause. Der Chef persönlich hat Aufsicht. Hunderte Schüler wuseln über die Gänge des Altbaus. Nächstes Jahr wird er abgerissen. Die gesamte Schule zieht während der Bauzeit für den Neubau nach Pieschen. „Wir sind mitten in der Organisation dafür.“ Haubitz freut sich. Jahrelang hat er darum gekämpft.

Als die nächste Stunde beginnt, wirft der Schulleiter noch einen prüfenden Blick über den Gang. Im Visier: auf dem Handy tippende Schüler. „Bei mir herrscht Handyverbot für die Klassen 5 bis 10“, sagt er. Wird jemand erwischt, landet das Gerät im Safe. Für eine Woche. Nur für die 11. und 12. Klasse gibt es Ausnahmen, in der Pause oder für Recherchezwecke. „Ich verstehe ja die Angst der Eltern und ihr Bedürfnis nach Sicherheit, wenn sie die Handys kaufen“, sagt Haubitz. Dennoch bleibt er hart. Schüler, die den ganzen Tag auf ihre Telefone starren, mag er nicht sehen.

Inzwischen ist es 10.30 Uhr. Die 9. Klasse wartet auf ihren Mathe-Lehrer. Der eilt mit langen Schritten hinüber ins Nebengebäude. Vor dem Raum hocken drei Mädels auf dem Boden und quatschen. Kaum erspähen sie ihn, huschen sie schnell hinter ihren Tisch und stehen kerzengerade. Da ist er wieder – der Respekt. „Guten Morgen, Kinder. Setzen bitte!“ Seine Stimme trägt. Der Satz des Pythagoras steht auf dem Programm. Anders als in vielen anderen Klassenzimmern kommt hier kein Stöhnen von den Schülern. „Herr Haubitz kann Mathe übelst cool erklären“, sagt Lea und grinst. Sie sind froh, dass er wieder da ist.

Später wird er in seinem Arbeitszimmer versonnen vor einer Wand stehen. Daran geheftet sind Dutzende bunte Zettel. Darauf hatten seine Schüler ihre guten Wünsche geschrieben, als sie ihn ins Ministerium verabschiedet haben. Tja, nun ist er wieder hier. Und man hat den Eindruck, er ist an dem Ort, wo er sich am wohlsten fühlt. In seiner Schule.