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Döbeln

Der Ruf nach dem vereinten Deutschland

Vor 30 Jahren gingen in Döbeln die Menschen für mehr Rechte und ein besseres Leben auf die Straße. Der Euphorie folgte bald die Realität.

Das Banner, das Klaus Vogelgesang (r.) an Kathrin Fuchs vom Stadtmuseum übergeben hat, wurde bei einer Demonstration im November 1989 entrollt. Jürgen Dettmer (M.) hielt einen Vortrag über die Zeit der Wende in Döbeln.
Das Banner, das Klaus Vogelgesang (r.) an Kathrin Fuchs vom Stadtmuseum übergeben hat, wurde bei einer Demonstration im November 1989 entrollt. Jürgen Dettmer (M.) hielt einen Vortrag über die Zeit der Wende in Döbeln. © Jens Hoyer

Döbeln. Um die Zeit der Wende ging es am Montag bei einer Veranstaltung der Heimatfreunde im Döbelner Rathaus. Klaus Vogelgesang hatte eine Plastiktüte mit geschichtlich wertvollem Inhalt dabei. Bei der Eröffnung der Ausstellung zu dem Thema in der kleinen Galerie zog er ein Banner aus der Tasche, schwarze Farbe auf hellgrauem Stoff: „Deutschland einig Vaterland.“ 

„Das hat meine Frau Sabine im Blumenladen am Sternplatz gemalt“, erzählt der 62-Jährige. Bei der Demo mit 2.500 Teilnehmern am 20. November 1989 hatte sie es vor dem damaligen FDGB-Haus an der Franz-Mehring-Straße in die Höhe gehalten. „Es war das erste Mal in Döbeln, dass auf einer Demo die Wiedervereinigung gefordert wurde“, sagte Vogelgesang, der das Banner ans Stadtmuseum übergab. Mitarbeiterin Kathrin Fuchs freute sich über das seltene Exponat: „Das sind die Sachen, die wir suchen.“

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In einem Vortrag ließ Heimatfreund Jürgen Dettmer die Zeit der Wende Revue passieren. Eine erste Umweltgruppe hatte es seit 1987 unter Pfarrer Thomas Schönfuß in Technitz gegeben. Unter dem Dach der Kirche organisierte sich auch in Döbeln der Widerstand. 

Für den 9. Oktober 1989, als in Leipzig 70.000 Menschen auf die Straße gingen, hatten die Pfarrer Reiner Landgraf und Hans-Georg Tannhäuser aus Sorge um die Demonstranten zum Fürbittgottesdienst in die Nicolaikirche eingeladen. Zuvor waren sie ins Rathaus einbestellt und gebeten worden, den Gottesdienst abzusagen, was sie ablehnten. Etwa 70 Leute kamen in die Kirche. Auf der Straße standen alle 50 Meter Polizisten – und die Feuerwehr auf dem Obermarkt, Hunde waren in Bereitschaft. Zur Demo kam es nicht. Das sollte sich ändern.

Zum zweiten Fürbittgottesdienst kamen schon 600 Leute. Gunter Bechstein warb im Vorraum der Kirche für das Neue Forum, dessen Döbelner Ableger sich am 26. Oktober in Technitz mit rund 100 Mitgliedern gründete. Ende Oktober gab es eine fünfstündige Diskussion im Volkshaus über Mangel- und Misswirtschaft, Versorgungsprobleme, kaputte Straßen und Häuser. 

Danach nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen „Pflichtverletzungen“ bei der Sanierung des Hotels Stadt Dresden und dem Bau des Heizhauses der Papierfabrik Technitz auf. Gerüchte kursierten auch über die pompöse Ausstattung des Hauses an der heutigen Bahnhofstraße, das für eine Million Mark für die SED-Kreisleitung ausgebaut wurde.

 20 Leute konnten sich davon überzeugen, dass es sich weder um ein Bettenhaus mit Sauna handelt, noch dass es eine Sonderverkaufsstelle in dem Gebäude gibt. Später wurde es der allgemeinen Nutzung durch Arztpraxen übergeben.

Die erste Demo gab es am 6. November nach dem fünften Fürbittgottesdienst, um einen Offenen Brief an die SED-Kreisleitung zu übergeben. Bis zu 3.000 Menschen gingen in den kommenden Wochen für mehr Rechte, eine bessere Versorgung, eine saubere Umwelt, gegen die Alleinherrschaft der SED auf die Straße. 

Bürgerrechtler und Staatsanwälte besichtigten und versiegelten am 5. Dezember die Stasi-Zentrale an der Reichensteinstraße. Sie fanden eine wohlgefüllte Waffenkammer, bis zu 8.000 Unterlagen und frische Papierasche im Heizungskeller. Bei einer Demo zur Stasi ein paar Tage später war die Stimmung angespannt. Dank der Ordner bliebt die Demo gewaltlos.

Der Vortrag Dettmers machte auch bewusst, wie schnell sich die Zielrichtung im Laufe von wenigen Monaten änderte und die Euphorie von der Realität eingeholt wurde. Am Anfang stand die Forderung nach einem besseren Sozialismus. Später kamen die Wiederherstellung des Landes Sachsen, die deutsche Wiedervereinigung und die Einführung der D-Mark dazu. 

Ab 16. Februar 1990 gab es keine Demos mehr – wegen des Desinteresses der Parteien. Die ersten freien Wahlen standen vor der Tür – die CDU siegte haushoch. Im März gab es fast 200 Arbeitslose und im Juli 1990, nach Einführung der D-Mark, Kurzarbeit in den ersten Betrieben. Am 10. August waren in Döbeln fast 890 Menschen arbeitslos.

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