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Der Scharrier-König lässt bitten

Tillmann Richter wurde Sieger bei einem Wettstreit der besonderen Art. Nun durfte er seine Innungsbrüder einladen.

© Klaus-Dieter Brühl

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Großenhain. Auf einem großen Steintisch vor dem Betriebstor liegen die Gästelisten für das 26. Scharrierfest aus. Rund 100 Steinmetze, zumeist aus Sachsen, werden erwartet. Jeder erhält als edle Eintrittskarte eine gelaserte Medaille aus Edelstahl zum Umhängen. In der Firma Witschel auf der Herrmannstraße wird der alte Innungsbrauch zum ersten Mal ausgetragen. Der Grund ist simpel: Steinmetz Tillmann Richter wurde im Vorjahr in der Dresdner Werkstatt Hempel Scharrierkönig. Er durfte daraufhin die sandsteinerne Krone und das steinerne Zepter wie eine Art Wanderpokal mit nach Großenhain nehmen. Und nun in diesem Jahr das Scharrier-Fest ausrichten. Schon im Mittelalter soll es diese Tradition des Scharrierens gegeben haben. Wie beim Boccia werden dabei auf einem Spielfeld Scharriereisen – typisch für die Steinmetze – an ein in den Boden eingerammtes Spitzeisen geworfen. Wer im KO-System am Ende sein Werkzeug am nächsten platzieren kann, wird Scharrierkönig. Das ist Tillmann Richter im Vorjahr bei seiner dritten Teilnahme geglückt.

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Wie beim Boccia wird bei diesem Spiel mit Scharriereisen geworfen.
Wie beim Boccia wird bei diesem Spiel mit Scharriereisen geworfen. © Klaus-Dieter Brühl

In der DDR Feierabendspiel

Nun treten erneut Gäste aus Dresden, dem Triebischtal, ja sogar aus Rostock, Ribnitz-Damgarten und York in England bei diesem Spiel an. Die Stimmung ist gelöst, man trinkt Bier oder Wein, auch Kaffee und Kuchen stehen bereit. Manche Steinmetze haben ihre Frau oder Freundin mitgebracht – vielleicht auch fürs Autofahren auf dem Nachhauseweg. „Das Scharrierfest ist eine lockere Geselligkeit, wir tauschen uns aus, da findet sich die Konkurrenz mal zusammen“, sagt Tillmann Richter. 900 Flaschen Bier und zwei Backschweine hat er besorgt. Witschel-Jung-Geselle Erik Winkler ist in der Zabeltitzer Trommlergruppe Hauptpunkt zwei. Deshalb kommt als Unterhaltung später auch noch eine Trommelshow.

„Im Westen kennt man das Scharrieren nicht“, erklärt Christian Fröhlich. Der Steinmetz-Rentner ist extra aus Tübingen angereist, um ehemalige Berufskollegen zu treffen. „Wir haben uns früher dafür Zeit genommen.“ „Das Scharrieren war zu DDR-Zeiten regelmäßiges Feierabendspiel“, erinnert sich auch Marcus Faust aus Dresden. „Der Verlierer musste immer Bier holen.“ Weil neben der Firma Hempel ein Konsum war, der auch Grünzeug verkaufte, hieß es dann immer: „Aber jetzt ins Gemüse!“ Der inzwischen verstorbene Bildhauer Rolf Lattner rief 1990 den Wettstreit mit Königskrone ins Leben. Seit 1992 wird der sächsische Scharrierkönig regelmäßig ausgespielt.

Vor dem Witschelschen Steinmetzschauer ist dafür ein etwa sechsmal drei Meter großes Feld mit vier Abteilungen aufgezeichnet. Vier Gruppen a sechs Leute können also parallel spielen. Vier Meter beträgt auch der Abstand zum Spitzeisen. Schriftführer Jan-Mario Anders hat den genauen Überblick. Er füllt die exklusiv vorgedruckten Teilnehmerlisten aus. „Spielen dürfen nur Steinmetze oder Bildhauer mit Gesellenbrief“, stellt Anders klar. Dabei wird millimetergenau mit einem Zollstock gemessen. Tillmann Richter hat als amtierender König den ersten Wurf. Er geht dafür elastisch in die Knie. Die Spieler haben ihre eigenen Wurfeisen mitgebracht. Wer die Sechserrunde verliert, muss jeweils die Eisen einsammeln.

Einige Dresdner sind in schwarzen T-Shirts gekommen. Die wurden zum 23. Scharrierfest angefertigt. Die Namen aller Scharrierkönige wurden auf der Rückseite aufgedruckt. Die Steinmetze tragen die T-Shirts mit Stolz, das sieht man. Ob nun aber das Scharrieren oder Boccia oder das Hufeisenwerfen oder Wikinger-Schach zuerst erfunden war, weiß keiner von ihnen. Alles geht aber nach demselben Prinzip.

Alle singen das Zunftlied

Um Mitternacht wird es Zeit für die Hymne. Das Rochlitzer Steinmetz-Zunftlied haben die Anwesenden meist schon in der Berufsschule gelernt. Die mäßig bewegte Melodie stammt laut Kopie aus dem Jahr 1462. „Hoch leb` der Steinmetzstand“, singen alle inbrünstig. Und dann einen Dresdner Refrain neueren Datums: „15 Steinhauer – ein paar Schuh“.

Zum Schluss steht auch der neue Scharrierkönig fest: Paul Hempel aus Dresden, Sohn des Innungsobermeisters Andreas Hempel. So gehen Krone und Zepter nun wieder an die Elbe. Bis zum nächsten Jahr.

www.steinmetzinnung-dresden.de