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„Der schiefe Turm war unrealistisch“

Vor zehn Jahren wurde das neue Haus am Poppitzer Platz eingeweiht. Eine skurrile Idee fiel vorher durch.

© Sebastian Schultz

Riesa. Das Haus am Poppitzer Platz feiert am Wochenende seine Rundumerneuerung vor zehn Jahren. Seit 2007 leben Museum und Bibliothek nun unter einem Dach. Mitverantwortlich für die Sanierung war damals Friedhelm Preuß, der inzwischen pensionierte Niederlassungsleiter des Ingenieurbüros Ipro Riesa. Im SZ-Interview erinnert er sich an widerborstige Bausubstanz und das letzte verrückte Vorhaben von Ex-Oberbürgermeister Wolfram Köhler in Riesa.

1892 wurde die Kaserne am Poppitzer Platz gebaut. Bereits Anfang der 20er fing der Verein „Heimatmuseum Riesa und Umgebung“ an, Ausstellungsstücke in Räumen der Kaserne zu sammeln.
1892 wurde die Kaserne am Poppitzer Platz gebaut. Bereits Anfang der 20er fing der Verein „Heimatmuseum Riesa und Umgebung“ an, Ausstellungsstücke in Räumen der Kaserne zu sammeln. © Stadtmuseum
Der schiefe Turm stammt aus der Feder des renommierten Malers und Grafikers Wolfgang Nieblich aus Berlin.
Der schiefe Turm stammt aus der Feder des renommierten Malers und Grafikers Wolfgang Nieblich aus Berlin. © Repro: Stadtmuseum
Friedhelm Preuß ist der ehemalige Niederlassungsleiter des Ingenieurbüros Ipro Riesa. Seit 2009 sitzt er für die CDU im Stadtrat.
Friedhelm Preuß ist der ehemalige Niederlassungsleiter des Ingenieurbüros Ipro Riesa. Seit 2009 sitzt er für die CDU im Stadtrat. © privat

Herr Preuß, bedauern Sie heute, dass das Haus am Poppitzer Platz so „normal“ aussieht?

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Sie spielen auf den schiefen Turm an. Darin sollte die Bibliothek untergebracht werden. Das war der Wunsch unseres ehemaligen Oberbürgermeisters Wolfram Köhler – der schiefe Turm von Riesa in Anlehnung an den schiefen Turm von Pisa. Er sollte im Zentrum des Gebäudes stehen, mit einem unterirdischen Amphitheater im Untergeschoss. Wer hätte das bespielt? Ich habe viel und gut mit Wolfram Köhler zusammengearbeitet, etwa als wir die Sachsenarena gebaut haben, aber der schiefe Turm war unrealistisch.

Warum? Der Bau hätte sicher viel überregionale Aufmerksamkeit erzeugt.

Das mit Sicherheit. Aber es ist unsinnig, eine Bibliothek auf sieben runden Ebenen zu verteilen. Das wäre schon an den Bücherregalen gescheitert. Zum anderen hätte das Vorhaben jeden finanziellen Rahmen gesprengt. Die Kosten wollte Köhler durch Spenden reinholen, denn mit diesem Entwurf hätte es sicher keine Förderung vom Freistaat gegeben. Die Turm-Idee hat die Sanierung des alten Kasernengebäudes um Jahre verzögert.

Wie hat sich das alles entwickelt?

Erste Gespräche über die Zusammenlegung von Museum und Bibliothek habe ich mit Herrn Köhler schon parallel zum Bau der Arena geführt, und die wurde bekanntlich zum Tag der Sachsen 1999 eingeweiht. Als 2001 erste Studien für das „Städtische Zentrum für Geschichte und Kunst“ vorlagen, brachte der Berliner Künstler Wolfgang Nieblich die Idee vom spendenfinanzierten schiefen Turm mit in die Diskussion ein. Damit beeindruckte er unseren damaligen OB, sodass die Turmidee als weitere Variante in das Objekt eingearbeitet wurde. Der Turm stand der geplanten Nutzung durch Museum und Bibliothek aber im wahrsten Sinne des Wortes im Wege.

Wer hat dem Turmtreiben letztlich ein Ende gesetzt?

Das war Gerti Töpfer, als sie Herrn Köhler im Amt ablöste. Er wurde 2003 ja für die Olympiabewerbung in die Staatskanzlei berufen. Frau Töpfer hat dann Nägel mit Köpfen gemacht. Trotzdem hat sich das Projekt bis zur Fertigstellung ab diesem Zeitpunkt noch vier Jahre hingezogen.

Wieso?

Man musste sich auf einen neuen Entwurf einigen, der funktional, förderfähig und mit dem Denkmalschutz zu vereinbaren war, außerdem musste der Stadtrat zustimmen. Allein die Bauarbeiten haben dann noch mal zwei Jahre lang gedauert.

Warum so lange?

Die Fußböden lagen teilweise nicht auf den gleichen Ebenen. Viele Pläne stimmten nicht. Die Bausubstanz ließ zu wünschen übrig. Decken mussten komplett erneuert werden. Außerdem war das Gebäude total verbaut. Es gab zahlreich Umnutzungen. Zu dem Zeitpunkt, als die Sanierung losging, waren neben dem Stadtmuseum ja auch noch Wohnungen und eine Arztpraxis in dem Haus. Für den Umbau waren viele Absprachen nötig, damit am Ende alles passte. Gefragt waren dabei vor allem das Bauamt, die Bibliotheksleiterin Karin Proschwitz, die Museumschefin Maritta Prätzel und die Architektin Annelore Pinzel.

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Bei der Sanierung waren Arbeiter im Haus am Poppitzer Platz auf Botschaften von Kollegen gestoßen – aus dem Jahr 1924.

Sind Sie heute zufrieden mit dem Haus am Poppitzer Platz?

Ja, sehr. Das Haus wurde durch die Sanierung massiv aufgewertet. Ich finde, es macht viel her und es lebt. Die Museumsplanerin hat dafür gesorgt, dass die Geschichte optimal präsentiert wird.

Das Gespräch führte Britta Veltzke.