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Der Schulweg-Opa

Ein Radebeuler bringt ehrenamtlich jeden Tag eine große Kinderschar zur Grundschule. Bei Wind und Wetter geht’s zu Fuß.

© Arvid Müller

Von Nina Schirmer

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Wir sind Görlitz

Görlitz ist Vielfalt. Wie viel, dass zeigen ganz unterschiedliche Personen sowie Unternehmen und ihre ganz individuellen Geschichten.

Radebeul. Christian Franz ist immer da. Darauf ist Verlass. Pünktlich kurz nach Sieben steht der Rentner jeden Morgen an der Ecke von Ziller- und Stosch-Sarrasani-Straße. Bereit, seine Schäfchen in Empfang zu nehmen. Die kommen mit großen Ranzen auf den Rücken aus allen Richtungen auf den Rentner zugelaufen. „Guten Morgen, wie waren die Ferien?“, ruft Christian Franz ihnen zu.

Christian Franz passt nicht nur auf, dass seine Schützlinge sicher in der Schule ankommen. Er zeigt den Kindern unterwegs auch interessante Dinge auf dem Weg. I © Arvid Müller

Der Radebeuler begleitet ehrenamtlich Kinder auf ihren Weg in die Grundschule Niederlößnitz und passt auf, dass sie dort sicher ankommen. Zehn nach sieben hat sich an der Ecke schon ein Grüppchen von vier Kindern um den 77-Jährigen gescharrt. Und natürlich um Filou. Der Hund, ein rot-schwarzer Hovawart-Mix, ist der Star der Kinder. Klar, dass das Tier von jedem Schüler mit einem zärtlichen Streicheln am Kopf begrüßt wird. „Morgen ist Filou nicht dabei“, sagt Christian Franz. „Sie muss zum Tierarzt und wird dann ein paar Tage zu Hause bleiben.“

Der Rentner ist nicht nur ein Begleiter auf dem Schulweg. Er erklärt den Kindern auch alles, was sie wissen wollen. Seit sieben Jahren schon. Damals hat der Radebeuler angefangen, mit zur Grundschule zu laufen. Das habe sich einfach mal so ergeben, sagt er. Es gab den Kontakt zu einer Familie und dann sind immer wieder Kinder dazugekommen.

„Helena fehlt noch“, bemerkt Christian Franz, als es viertel acht wird. Er kennt seine Schützlinge alle mit Namen und weiß, wer, an welcher Straßenecke dazu stößt. Einen Augenblick später biegt Helena tatsächlich um die Ecke. Die Gruppe ist vollständig. Es kann losgehen. Die Kinder laufen vorne weg. Christian Franz und Filou mit etwas Abstand hinterher, damit er alle gut im Blick hat. Nach ein paar hundert Metern, wenn die Kinderschar die Dr.-Rudolf-Friedrichs-Straße quert, ist er besonders wachsam. „Hier muss man aufpassen“, sagt der Rentner. Unterwegs wird er auch von vielen Eltern gegrüßt. Gerade auf dem Sprung zur Arbeit, können sie dem Rentner ihre Kinder sicher anvertrauen. Eine Zeit- und Nervenerleichterung – erst recht in Zeiten, in denen Elterntaxis vor Schulen jeden Morgen die Straßen verstopfen. Und auch den Kindern tut der Schulweg zu Fuß richtig gut. „Sie sind ausgeglichener, wenn sie gelaufen sind“, findet Christian Franz. „Er selbst hat auch etwas von dem morgendlichen Spaziergang. „Ich habe Probleme mit der Bandscheibe und brauche morgens Bewegung, um in die Gänge zu kommen“, sagt er.

Bei frostigen Temperaturen hält sich das Grüppchen zurzeit nicht lange auf. Schnellen Schrittes geht es Richtung Schule. Aber das ist nicht immer so. Oft animiert der Schulwegbegleiter seine Schützlinge auch zu kleinen Spielchen. „Vor Weihnachten haben wir Schwibbögen in den Fenstern gezählt“, berichtet er. Eine besondere Blume am Wegesrand oder ein Vogel – Christian Franz zeigt es den Kindern gerne. Für sein ehrenamtliches Engagement wurde der Radebeuler Anfang des Jahres von der Stadt ausgezeichnet. Großes Tamtam macht er darum aber nicht. Ihn freuen vor allem die vielen schönen Momente auf dem Schulweg mit den Kindern. Zum Beispiel als ein Junge durch Filou seine Angst vor Hunden überwunden hat.

Zehn nach halb acht erreicht die Gruppe die Schule. „Viel Spaß heute und bis morgen“, ruft Christian Franz den Kindern hinterher. Den Rückweg bestreiten er und Filou allein. Danach gibt es den ersten Kaffee für den Schulweg-Opa.