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Der schwierige Weg zur Lingnerstadt

© Sven Ellger

Das Areal zwischen Großem Garten und dem Zentrum soll mit Wohnhäusern bebaut werden. Doch vorher ist noch einiges zu klären.

Von Lars Kühl und Nora Domschke

Sie gilt als eines der letzten großen Entwicklungsgebiete im Zentrum: attraktiv, mit reichlich Potenzial – die Lingnerstadt zwischen St. Petersburger Straße, Hygienemuseum und Grunaer Straße. Das Areal soll neu bebaut werden. Dazu gibt es schon seit über zehn Jahren Pläne, die das Gebiet als Ensemble mit dem Großen Garten und dem Blüherpark als östliche beziehungsweise südliche Gestaltungsgrenzen sehen. Jetzt werden Tatsachen geschaffen.

Die Bagger sind da. In den Monaten zuvor wurde der alte Robotron-Riegel an der St. Petersburger Straße drinnen für die Demontage vorbereitet, nun erledigen große Hydraulikscheren den Rest. Schrittweise reißen sie das Gebäude ab. Der Bauschutt wird sortiert und gelagert, um später wiederverwendet zu werden, erklärt Sascha Engelmann, Geschäftsführer der Global Conzept GmbH. Die ist die zuständige Tochter des Kasseler Investors Immovation. Der hat hier Großes vor. Seit gut einem Jahr gehören ihm knapp 100 000 Quadratmeter auf dem alten Robotron-Areal. Darauf sollen 2 500 bis 3 000 Wohnungen gebaut werden, die ersten Gebäude ab 2017 auf dem Gelände zwischen St. Petersburger und Zinzendorfstraße, das gerade frei wird.

„Lingner Altstadtgärten“ nennt Immovation sein Projekt. Zu dem gehören neben dem Robotron-Haus auch der Wohnmobil-Stellplatz daneben sowie die Halle des Raumausstatters „Ihr Teppichfreund“ und die alte Robotron-Kantine. Auf der anderen Seite des Skater-Parkes ergänzen der große Block, in dem sich neben Büros unter anderem auch die Cityherberge befindet, und der Parkplatz vor dem Komplex Dorint-Hotel/Sächsische Aufbaubank den Besitz. Die Grenzen zeigt der Investor auf seiner Internetseite. Zu sehen ist dort auch eine Visualisierung, allerdings sehr schematisch. Fassaden werden noch nicht diskutiert.

Überhaupt steckt das Vorhaben in einer frühen Phase. Einige Unklarheiten müssen demnächst beseitigt werden. So hat die Cityherberge einen langfristigen Mietvertrag. „Unser Planungshorizont für den aktuellen Standort, in den wir fortlaufend investieren, umfasst noch etwa 14 Jahre“, sagt Winfried Daltrop, Chef des Verwalters Lingner-Stadt, der vor dem Verkauf auch Eigentümer war. Im Moment gebe es also keinen Anlass, sich mit einem Umzug des Low-Budget-Hotels zu beschäftigen.

Schwierig ist es zudem, weil das Areal, das vom Planungsamt als Stadtquartier am Blüherpark entwickelt wird, nicht in einer Hand ist. Derzeit kann kein gültiger Bebauungsplan aufgestellt werden. Denn auf der Fläche gibt es 13 verschiedene Eigentümer. Die einzelnen Grundstücke gehören dem Bund, dem Freistaa, der Kommune, Wohnungsgenossenschaften sowie Privaten und Unternehmen. Darunter gibt es Eigentümergemeinschaften mit bis zu 20 Einzelpersonen. Die Größen der Grundstücke bewegen sich zwischen einstelligen Quadratmeterflächen und Arealen mit mehreren zehntausend Quadratmetern. Für die sehr kleinen Grundstücke bekommen die Besitzer ohnehin kein Baurecht. Nun will die Stadt das kleinteilige Gebiet so umstrukturieren, dass es bebaut werden kann. Dafür sollen die Eigentümer als Ausgleich anderes Bauland erhalten. Grundlage ist dabei eine sogenannte Umlegungsanordnung.

Aktuelles Beispiel für ein solches Verfahren, das erfolgreich war, ist die Markus-passage in Pieschen. Dort kann jetzt gebaut werden, weil die Grundstückeigentümer einem Flächentausch zugestimmt haben. Ähnliches strebt die Stadt mit den kleinteiligen Flächen südlich des Dorint-Hotels an. Als Ersatz will sie Grundstücke auf der Cockerwiese zwischen Blüher- und Lennéstraße anbieten. Doch damit ist längst nicht jeder Eigentümer einverstanden. So will einer von ihnen das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Wohn- und Geschäftshaus seines Großvaters an der Lingnerallee wieder aufbauen, erfuhr die Öffentlichkeit auf der jüngsten Altstädter Ortsbeiratssitzung.