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Der Sheriff vom Striezelmarkt

Polizist Markus Schneider wacht nicht nur über diebische Gäste und friedlichen Glühweingenuss. Er weist auch Touristen den Weg.

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Tobias Hoeflich

Zaghaft pocht die betagte Dame an die Scheibe des Polizeiwagens am Altmarkt. Kommissar Markus Schneider öffnet die Schiebetür, fragt, was passiert ist. Sie sei angerempelt worden, berichtet die Seniorin mit hochgezogenen Augenbrauen und runterhängenden Mundwinkeln. „Als ich mich umdrehte, war meine Tasche offen und die Geldbörse weg.“ Sie könne hier Anzeige erstatten, erklärt Kommissar Schneider und bittet sie höflich in sein Revier auf vier Rädern. Zeit hat die Dame jedoch nicht: „Um 17 Uhr muss ich im Theater sein“, erklärt sie. Anzeige ja, aber erst danach. „Ich komme später wieder“, sagt die Bestohlene und verschwindet geldbörsenlos im Markttreiben.

Portemonnaies, die unfreiwillig den Besitzer wechseln, sind dieser Tage kein Einzelfall. Neben Glühwein und gebrannten Mandeln erwärmt sich mancher Striezelmarktbesucher innerlich auch an fremden Geldbörsen. Dann ist Polizeikommissar Markus Schneider gefragt. Er ist Kopf der Einsatzgruppe, die für Recht und Ordnung in Deutschlands Weihnachtshauptstadt sorgt. Vier Wochen lang tauscht der 35-Jährige seinen Platz im Revier Schießgasse gegen einen Klapptisch in einem Mercedes 614. Fast pausenlos rauschen Funksprüche aus Revieren und Streifenwagen durch das Innere des Fahrzeugs. Ein mobiler Heizkörper und ein Räuchermann in schwarz-gelb sorgen darin für heimelige Atmosphäre.

„Wie beim Dynamo-Heimspiel“

Gut ein Dutzend Polizisten sind zur Weihnachtszeit rund um den Altmarkt im Einsatz. Mord und Totschlag gibt es freilich nicht, selbst ein Handgemenge bleibt die Ausnahme. „Auf dem Striezelmarkt geht‘s friedlich zu“, sagt Schneider, gekleidet im dunkelblauen Dress und mit der Dienstwaffe auf Hüfthöhe. Gezogen hat er sie in seinen zwölf Polizeijahren noch nie.

Langweilig wird den Weihnachtswächtern dennoch nicht. „Je später der Abend, umso lustiger und vielfältiger die Gestalten.“ Da wird mal von glühweintrunkenen Halbstarken an die Tür des Streifenwagens geklopft. Oder den Beamten ein dummer Spruch entgegengerufen. Doch zur besinnlichen Weihnachtszeit ist auch die Polizei um Besonnenheit bemüht. Eine gewisse Striezelanarchie regiert rings um den Altmarkt ohnehin: Die Wilsdruffer Straße wird zur Fußgängerzone, dampfender Rotwein lässt rote Ampeln vergessen. „Das ist wie auf der Lennéstraße nach ‘nem Heimspiel“, sagt Schneider, Dynamomitglied und leidenschaftlicher Stadiongänger. „Selbst wenn wir an der Ampel stehen, kümmert das keinen.“ Schlimmer ist dagegen der Diebstahl auf dem Markt – und die Sorglosigkeit der Besucher. Mehr als zwanzig Anzeigen hat Schneider in seinem mobilen Büro am Altmarkt schon gedruckt. Umhängetaschen, rät er, sollten vor dem Körper getragen, Geldbörsen und Wertsachen im Jackeninneren verstaut werden.

Und auch in den Gasthäusern rings um die Weihnachtsmärkte lauern Diebe auf Nachlässigkeiten. Für den Polizeikommissar sind die Striezelwochen dennoch ein ruhiger Einsatz und Abwechslung vom Alltag – trotz einer Zwölf-Stunden-Schicht. „Für die Menschenmassen, die hier unterwegs sind, passiert verhältnismäßig wenig.“ Wer sich an ihn wendet, hat meist nicht das Portemonnaie verloren, sondern die Orientierung. Kaum ist die Schiebetür des Mercedes offen, strömen die Fragen auf ihn ein. Besonnen schlüpft der Kommissar dann in die Rolle des Touristenführers. Und sie steht ihm gut. Die nächste Toilette? Ein Bankautomat? Die Kreuzkirche? Schneider gibt Auskunft, so gut es geht. „Ist doch schön, wenn man helfen kann.“ Gutherzige Art bei stattlicher Statur: So muss ein Striezelsheriff sein. Respektsperson und Ansprechpartner zugleich.

Um 14 Uhr hat es sich ausgestriezelt

Auch privat streift der Kommissar gern durch die Weihnachtshauptstadt. Er genießt das Marktschlendern von der Hauptstraße zum Hauptbahnhof – nicht zuletzt aber auch die Zeit daheim mit Ehefrau und Haustieren. „Obwohl der Hund und die beiden Katzen da keinen Unterschied machen. Die freuen sich immer, wenn ich vom Dienst nach Hause komme.“ Kommissar Schneider blickt deshalb schon vorfreudig auf den Heiligen Abend. Wenn um 14 Uhr der Striezelmarkt schließt, wird auch sein mobiles Büro vom Altmarkt rollen. „Dann war‘s das für dieses Jahr. Im Januar geht wieder der Alltag los.“ Zuvor aber wird sicher noch manches Diebstahlopfer zaghaft an die Scheibe pochen.