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Der Spätherbst des Patriarchen

Er ist rechtskräftig verurteilt, musste den Senat verlassen, leistet Sozialdienst. Dann verlor Silvio Berlusconi die Europawahl - und nun beginnt noch das Berufungsverfahren im „Bunga-Bunga“-Prozess.

© dpa

Von Hanns-Jochen Kaffsack

Rom. Armer Silvio Berlusconi! Wöchentlich muss der ehemalige italienische Regierungschef in einem Seniorenheim bei Mailand für vier Stunden Sozialdienst leisten. Und nach seiner Verurteilung wegen Korruption ist er in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt.

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Bei den Europa-Wahlen gab es für seine konservative Partei Forza Italia (FI) ein Debakel, wie er es bislang für undenkbar gehalten hätte. In Rom ist mit Ministerpräsident Matteo Renzi ein Mann als neuer Stern am Ruder, der nahezu vier Jahrzehnte jünger ist als der Mailänder Medienzar und Milliardär. Und jetzt muss er sich dem Berufungsprozess um Amtsmissbrauch und Sex mit minderjährigen Prostituierten stellen.

Erste Instanz: sieben Jahren Haft ohne Bewährung

Das hat dem 77-jährigen Berlusconi gerade noch gefehlt, dieses neue Verfahren um die damals minderjährige Karima el-Mahruug, die weltweit Schlagzeilen machte als „Ruby Rubacuori“ (Herzensbrecherin Ruby). Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass Berlusconi von einem Mailänder Gericht in erster Instanz zu sieben Jahren Haft ohne Bewährung und zu einem lebenslangen Verbot öffentlicher Ämter verdonnert worden ist.

Den Sitz im Senat in Rom hat er schon lange verloren - denn nach seinen Dutzenden Prozessen wurde er in dem Mediaset-Verfahren wegen Korruption erstmals rechtskräftig verurteilt. Weitere Verfahren laufen oder drohen - etwa in einem gesonderten Ruby-Verfahren um Falschaussagen in dem Prozess.

Aber mehr Angst dürfte ihm die Neuauflage des „Bunga-Bunga“-Prozesses machen: Wird die Haftstrafe von sieben Jahren später auch vom Kassationsgerichtshof bestätigt, wäre das Ende der Fahnenstange erreicht. Ihm drohten dann bis zu zehn Jahre Hausarrest, denn auch seine lockere Sozialdienst-Lösung zur Abbüßung der Mediaset-Haftstrafe könnte dadurch aufgehoben werden.

„Berlusconi ist vom Radar der Politik verschwunden“

Es sieht nach einem Spätherbst des Patriarchen Silvio Berlusconi aus. „Berlusconi ist vom Radar der Politik verschwunden“, meint zumindest die linksliberale römische „La Repubblica“, traditionelle Speerspitze seiner Gegner. Denn Berlusconi erscheint kaum noch auf der Szene; es sind andere, die in der Partei nach politischen Überlebensstrategien suchen. Öfter ist von Tochter Marina als Nachfolgerin an der Spitze der FI die Rede, doch sie ziert sich noch. Nach zwei Jahrzehnten in der Politik klappt es mit dem Markennamen Silvio, mit der rigorosen Führung seiner Truppen und seinen locker gemeinten Witzen nicht mehr.

Wird sich Berlusconi also mehr auf sein Medienimperium und seinen Mailänder Fußballclub kümmern, enttäuscht von seinem Abstieg in der Politik? Nicht alle sehen ihn bereits ganz auf dem Abstellgleis, auch wenn sich Regierungschef Matteo Renzi - trotz massiver Turbulenzen in seiner Mittel-Links-Partei PD (Demokratische Partei) - im römischen Regierungspalast Chigi inzwischen fest etabliert hat.

Berlusconi und Renzi kennen sich und schätzen sich, Renzi hat keine Berührungsängste bei dem umstrittenen Chef der oppositionellen Forza Italia. Mit dem hatte er dringende Reformen des Parlaments abgesprochen - als dessen Partei noch nicht zur drittstärksten Kraft zusammengeschrumpft war.

Zunächst einmal steht allerdings der „Bunga-Bunga“-Prozess um die als wild beschriebenen Partys in Berlusconis Villa Arcore bei Mailand auf dem Programm. Renzi will sich von den Sorgen Berlusconis nicht bremsen lassen. Er will vermeiden, dass der so mühsame Weg Italiens aus der Rezession und der bürokratischen Verkrustung wieder blockiert werden könnte von vermeintlichen Eskapaden des alternden Patriarchen. Wobei das Berufungsverfahren zwar unangenehm und lästig ist für Berlusconi, der sich allzeit als das Opfer einer linken Justiz beschrieben hat. Es ist jedoch noch nicht die definitive dritte Kassations-Instanz. (dpa)