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Der Spaßmacher

Es steht schlecht um das deutsche Eishockey. Doch dann wird Marco Sturm Bundestrainer – und plötzlich ist alles anders.

© Robert Michael

Von Sven Geisler

Dieser Ausflug mit der Mannschaft zum Fußball-Golf in Ottendorf-Okrilla ist ihm wichtig. Mal etwas anderes machen, etwas Neues sehen, eben Spaß haben. Das ist sein Stichwort, man kann es den Schlüssel zum Erfolg nennen. Denn als Marco Sturm sich im Mai 2015 überreden lässt, Bundestrainer zu werden, steht es schlecht um die deutsche Eishockey-Auswahl: Bei dreimal das Viertelfinale der WM verpasst, in der Qualifikation zu den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi gescheitert.

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Eishockey-Bundestrainer Marco Sturm erklärt an der Taktiktafel die nächste Übung. In Dresden hat sich das Team eine Woche lang auf die WM vorbereitet.
Eishockey-Bundestrainer Marco Sturm erklärt an der Taktiktafel die nächste Übung. In Dresden hat sich das Team eine Woche lang auf die WM vorbereitet. © Robert Michael

Damals, meint Sturm, habe er selber erst einmal herausfinden müssen, wo die Mannschaft steht. „Das Ergebnis war: Die Mannschaft wusste es selber nicht.“ Was er nicht sagt: Sein Vorgänger, der Kanadier Pat Cortina, soll bei den Spielern so beliebt gewesen sein wie ein Besuch beim Zahnarzt. „Marco ist es gelungen, wieder Emotionen zu wecken für die Nationalmannschaft“, nennt Franz Reindl, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes, den wichtigsten Faktor für den Aufschwung. Der ist so unglaublich, dass er Sturm ein bisschen unheimlich zu sein scheint: „Es ging teilweise schon ein bisschen zu schnell, aber das nehmen wir gerne mit.“

Nicht einmal drei Jahre nach dem Tiefpunkt haben der 39 Jahre alte Niederbayer und sein Team mit Olympia-Silber in Pyeongchang den bislang größten Erfolg in der deutschen Eishockey-Geschichte gefeiert. Sensationell? Allemal? Ein Wunder? Vielleicht. Vor allem hat es viel mit Sturm und seiner Art zu tun. „Es war die Herausforderung, die Jungs wieder zusammenzubringen und auch Spaß zu haben.“ Mit seinem einerseits lockeren Auftreten vor allem nach außen und einer klaren Linie intern hat er die Profis hinter sich gebracht, auch jene, die in den USA oder Kanada Millionen verdienen wie Stürmerstar Leon Draisaitl.

Die Spieler aus der nordamerikanischen Profi-Liga NHL sind bei Sturm gesetzt. „Daran hat Olympia-Silber nichts geändert.“ Bei den Spielen in Südkorea fehlten die Cracks aus Übersee allen Nationen, weil die Liga keine Pause einlegen wollte. „Es ist schade, wenn die Besten nicht dabei sind“, kritisiert Sturm die Entscheidung ohne Wehklagen. Vielmehr lässt er die anderen sein Vertrauen spüren. „Man hat gesehen, was man erreichen kann, auch wenn wir nicht die besten Einzelspieler haben“, sagt er. „Mit diesem Gefühl wollen wir unseren Weg weitergehen.“

Die nächsten Schritte folgen nun in Sachsen, seit Dienstag bereitet Sturm die Mannschaft in Dresden auf die zwei Testspiele gegen die Slowakei in Weißwasser und der Landeshauptstadt vor. Allerdings hat er nur zwei seiner Olympia-Helden dabei, den WM-Kader wird er erst drei Tage vor dem Auftakt am 4. Mai gegen Gastgeber Dänemark benennen können. Fast jeder Zweite seiner Kandidaten steht mit den Eisbären Berlin oder München im Finale um die deutsche Meisterschaft, das in bis zu sieben Spielen entschieden wird.

„Im Fußball unvorstellbar, im Eishockey ist es nun mal so“, meint der Bundestrainer. Genauso gelassen reagiert er – zumindest öffentlich – nach Niederlagen, wenn er beispielsweise seine Analyse mit dem Satz beendet: „Wir hoffen, dass morgen wieder die Sonne scheint.“ Rückschläge werde es geben, mit Sicherheit. „Es kann nicht nur nach oben gehen“, erklärt Sturm, „sonst wären wir bald die Nummer eins in der Welt. Und das wird leider nicht passieren.“ Bei seinem Amtsantritt stand Deutschland auf Platz 14 der Weltrangliste, jetzt auf Platz sieben. Dieser Aufstieg sei „kometenhaft“, meint Reindl.

Allerdings muss sich der Verbandschef Sorgen machen, seinen Erfolgscoach halten zu können, obwohl Sturm seinen Vertrag bereits vor Olympia bis 2022 verlängert hat. Im vorigen Sommer ist er sogar mit seiner Frau Astrid, Sohn Mason Jospeh (14 Jahre) und Tochter Kydie (11) zurück in seine alte Heimat nach Landshut gezogen. „Ich bin viel unterwegs. Da kam bei der Familie auch der Wunsch auf, Deutschland zu erleben“, erzählt er. „Die Kinder sind voll begeistert.“ Er selber sowieso – vor allem, weil er in Amerika die zünftige bayerische Hausmannskost vermisst hat.

Trotzdem zieht es ihn zurück über den Großen Teich, daraus macht Sturm kein Geheimnis. „Meine ehrliche Antwort: Ja“, sagt er auf die Frage, ob es ihn reizt, als Trainer in die NHL zu gehen. Als Spieler hat er mehr als 1 000 Partien in der besten Eishockey-Liga der Welt bestritten. „Wenn die Möglichkeit kommt, werde ich versuchen, das umzusetzen. Wann das sein wird, ist etwas anderes. Ich bin sehr froh und stolz, dass ich den Job hier habe.“

Dabei wollte er eigentlich nie Trainer werden, hat vor der Nationalmannschaft nur ein Nachwuchsteam betreut. Inzwischen sieht er das grundsätzlich anders, was zuerst an den Erfolgen liegt. „So etwas wie bei Olympia, das sind Momente, die ich als Spieler leider nicht erleben konnte“, sagt Sturm. „Erfolgreich zu sein: Dafür betreibt man diesen Sport. Das habe ich in der Zeit nach meiner Karriere vermisst, als ich ein paar Jahre nicht im Eishockey tätig war. Es macht mir einen Riesenspaß, mit den Jungs zusammenarbeiten.“

Spaß kann ansteckend sein. Und das nicht nur beim Fußball-Golf.

TV-Tipp: Sport 1 überträgt die Spiele gegen die Slowakei in Weißwasser (Sa., 17.45) und Dresden (So., 17.00).