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Der Spießer in mir

Tino Piontek ist ein weltweit erfolgreicher DJ – und passt doch so gar nicht in diese Szene.

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Von Theresa Hellwig

Das Hawaiihemd hängt ihm locker über die Jeans. Kein einziges Haar lugt aus dem Ausschnitt. Den Schnauzbart hingegen hat er stehen gelassen. Es ist grau und windig draußen, Tino Piontek hat vorsichtshalber trotzdem seine Sonnenbrille mitgebracht. Als Treffpunkt für das Gespräch hat der DJ jedoch nicht etwa eine szenische Kneipe in der Neustadt, sondern das klassische Café Toscana am Blauen Wunder vorgeschlagen. Blick auf die Elbe, in der Auslage feine Törtchen, an den Wänden Bilder in verschnörkelten, goldenen Rahmen. Ein Klischee-Plattenaufleger, der sich verirrt hat?

Tino Piontek ist DJ und Musikproduzent, 36 Jahre alt, hat gerade sein erstes Album herausgebracht, tourt als „Purple Disco Machine“ durch die Welt – und kommt aus Dresden. Er wohnt in einer Eigentumswohnung nahe der Elbe. Und nein, er hat sich nicht verirrt – denn er sei ein bisschen „spießig“, wie er von sich selbst behauptet. Dresden ist seine Herzensstadt, Striesen seine Heimat. Sein Hit „Devil in me“ hingegen klingt wenig spießig und ist weit über Dresden hinaus bekannt. Es fällt beim Hören schwer, sitzen zu bleiben. Wenigstens der Fuß muss einfach mitwippen. Das Stück ist elektronisch produziert, wie alle von Pionteks Stücken. Seine Musik ist rhythmisch, entspannt und zusammengemischt. Immer wieder arbeitet er mit aus dem Radio bekannten Größen zusammen. Mit Jamiroquai, dem amerikanischen Hip-Hopper Cee-Lo Green oder den Gorillaz, zum Beispiel.

Discjockeys, die nehmen Drogen und feiern wilde Partys? Pionteks Antwort überrascht: „Ich habe mich schon immer im Garten mit meinen Kindern spielen sehen – und nicht mit halbnackten Frauen am Pool.“ Der Dresdner erklärt mit einem zaghaften Grinsen, dass es zwei Arten von DJs gebe: „Die einen, die wegen des Ruhmes Musik machen. Die, die Groupies wollen. Die anderen könnte man als Nerds bezeichnen. Dazu zähle ich mich.“ Der 36-Jährige lehnt sich zurück, redet ruhig. Drogen, das sei nie sein Ding gewesen. Piontek erinnert sich: „In der Schule war ich immer der Kleinste, stand im Hintergrund. Musik ist für mich fast so eine Art Therapie.“

Keine Drogen, keine wilden Partys – aber ein bisschen abgehoben muss so ein Partymacher doch sein? Piontek gewann Preise, bei Facebook folgen ihm mehr als 100 000 Menschen. Trotzdem gibt er sich bescheiden. Er sagt: „Eine Million Spotify-Streams pro Monat; mein Manager hat mir gesagt, das sind viele – ich kann das nicht so einschätzen.“ Wenn er spricht, klingt der sächsische Dialekt durch.

Piontek hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Lange Zeit habe er in einer Wohnung ohne Heizung gelebt, Geld ist ihm egal – ein klassischer Beruf mit festen Arbeitszeiten ist nichts für ihn. Schon als Kind haben ihn seine Eltern an die Musik herangeführt, das war immer seins. Trotzdem wollte Piontek „etwas Ordentliches“ machen, lernte Koch. Das wilde Partyleben als DJ? Fehlanzeige. „Die Wochenenden habe ich durchgearbeitet, montags und dienstags hatte ich frei.“ Weil an diesen Tagen seine Freunde arbeiteten, habe er sich dann mit der Musik beschäftigt. „Da konnte ich laut drehen, ohne andere zu stören.“

Die Musik des Dresdners ruft Sommer-Sonnengefühle hervor, und genau so will er es auch. Die meisten der Texte sind inhaltlos, bewusst unpolitisch – doch der DJ ist es nicht unbedingt: „Musik ist fernab von Hautfarbe und Religion. Sie hat kein Gesicht; ist nicht schwarz oder weiß. Musik verbindet. Das ist schön – gerade, wenn man hört, was in Dresden passiert.“

Als DJ könne es leicht passieren, dass man mal den Realitätsbezug verliere, erzählt Piontek. Wenn er zum Beispiel in den USA auf Tour sei, herumkutschiert werde und in Sternehotels übernachte. Oder in Mexiko und Indien, wo große Plakate mit seinem Foto aushängen. Wenn ihm Fans erzählen, dass sie seinetwegen sieben Stunden Fahrt hinter sich haben – oder dass sie zwei Monate dafür gespart haben. „Da denke ich mir: Gebt das Geld doch besser für etwas Wichtiges aus!“

Vor allem seine Familie holt Piontek auf den Boden zurück. Sein Profilfoto bei Whatsapp zeigt ihn, mit weit geöffnetem Mund grinsend. Daneben sein Sohn, Handtuch auf dem Kopf, Mund ebenfalls weit geöffnet, fröhlich lachend. Immer wieder führt Piontek das Gespräch zurück zu seiner Familie. „Meine Frau hat mich immer bestärkt, mir Energie gegeben.“ Und weiter: „Sie ist oft alleine Zuhause, mit den Kindern. Ich frage mich, wie sie das meistert.“ Familie; genau das sei es, was Piontek wolle. Und genau deshalb gefällt es ihm auch in Dresden so gut. Die Stadt habe die perfekte Größe. Hier kann er sich unbemerkt bewegen. Auf dem Wochenmarkt hingegen wird er erkannt – jedoch nicht wegen seiner Musik. Sondern wegen seiner Tochter, die „immer alle anquatscht“.