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Der ständige Aufpasser

Drei Riesaer Grundschule haben keinen ordentlichen Brandschutz. Deswegen schieben nun Wachen täglich Dienst.

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© Sebastian Schultz

Von Britta Veltzke

Riesa. Lutz Härtner geht wieder in die Schule. Von morgens 7.15 Uhr bis nachmittags 15.15 Uhr, montags bis freitags ist er in der vierten Grundschule an der Breitscheidstraße beschäftigt. Zum Lernen ist er jedoch nicht dort. Die Stadtverwaltung hat den Mitarbeiter des Bürgerbüros in die Grundschule entsandt: als Brandschutzwache. Denn die Landesdirektion, Sachsens höchste Verwaltungsbehörde, hat nach einer unangekündigten Begehung entschieden: Die Schule ist nicht mehr sicher. „Die Schulen des Typs Dresden entsprechen im nichtsanierten Zustand bezüglich der Fluchtwege nicht den Vorschriften der Arbeitsstättenverordnung. Danach sind zwei voneinander unabhängige Fluchtwege vonnöten“, erklärt Behördensprecher Holm Felber. Die Stadt Riesa habe deshalb vorgeschlagen, Brandwachen aufzustellen, um die Gefährdungen auszuschließen.

Wäre das nicht passiert, hätte die Landesdirektion die Schule auch schließen können. Die Stadt, die für die Grundschulgebäude verantwortlich ist, hätte in diesem Fall ein echtes Problem gehabt: Wohin mit den Kindern? Bei den Grundschulen fängt Riesa gerade erst an, ein Gebäude nach dem anderen zu sanieren.

Das Schulhaus an der Breitscheidstraße, in dem nun Lutz Härtner seine Dienste schiebt, steht auf der Abrissliste. Wenn alles gut läuft, ziehen Kinder und Kollegium im Jahr 2021 an den Standort Storchenbrunnen in Weida um. „Da der Umzug absehbar ist, werden wir hier nicht mehr groß in den Brandschutz investieren“, erklärt Stadtsprecher Uwe Päsler.

Drei Brandschutzwachen in Riesa

Die Grundschule an der Breitscheidstraße ist nicht die einzige Schule vom Typ Dresden, die noch nicht saniert ist: Auch die Grundschule in Weida an der Magdeburger Straße und die Schillerschule, die von der privaten Trinitatisgrundschule gemietet wird, wurden von der Landesdirektion als unsicher eingestuft. Auch hier stehen seit Dezember 2016 Brandschutzwachen. Die Grundschule in Weida wird sogar noch länger gebraucht als die an der Breitscheidstraße: Der geplante Neubau, der die alte Typ-Dresden-Schule in Weida einmal ersetzten soll, ist frühestens im Jahr 2023 fertig. Bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Wache dort noch sechseinhalb Jahre bleiben muss? „Ja, das ist dann wohl so“, sagt Uwe Päsler.

Aus dem Ärmel schüttelt die Stadtverwaltung drei Mitarbeiter mit Feuerwehrgrundausbildung, die sie ganztägig entbehren kann, auch nicht. „Klar, die fehlen natürlich für die Aufgaben, die sie sonst erledigen. Wirklich glücklich sind wir über die Lösung daher nicht“, so Päsler. Der Stadt fehlten außerdem Einnahmen, etwa die, die über Bußgelder in die Stadtkasse fließen. Lutz Härtner arbeitet sonst nämlich im Vollzugsdienst der Stadt – verteilt Knöllchen oder sorgt dafür, dass Ladenbetreiber ihre Auslagen nicht zu ausladend vor ihren Geschäften ausbreiten. Nun geht er also in die Schule. „Langsam habe ich mich an den Lärm gewöhnt“, sagt er schmunzelnd, als eine Horde Kinder vorbeistürmt. Bis zur letzten regulären Unterrichtsstunde muss er bleiben. Dann schaut er nach, ob auch alle Schüler die oberen Klassenzimmer verlassen haben. Wenn am Nachmittag die Kinder im Hort sind, kann er gehen. Der befindet sich im Erdgeschoss der 1977 erbauten Schule. Hier ist der Fluchtweg unkritisch. Denn die eigentliche Gefahr birgt das Treppenhaus. „Im Brandfall würde der Rauch in den einzig vorhandenen Fluchtweg ziehen. Das ist das eigentliche Problem“, erklärt Robert Gudat. Er ist in der Stadtverwaltung für den vorbeugenden Brandschutz zuständig. Das ist im Grunde auch der Job von Lutz Härtner und seinen beiden Kollegen in den anderen zwei Grundschulen. Denn die Brandschutzwachen „warten“ nicht nur darauf, dass es mal brennt: „Im Idealfall verhindern wir, dass überhaupt Feuer ausbricht. Wir sorgen zum Beispiel dafür, dass die Fluchtwege frei sind und kontrollieren regelmäßig die Feuerlöscher.“ Die Leiterin der 4. Grundschule, Angelika Fritz, ist froh, dass Lutz Härtner da ist: „Wenn man weiß, dass der Brandschutz nicht ausreicht, ist das ein beruhigendes Gefühl.“

Riesa ist nicht die einzige Stadt, die sich mit dem Schultyp Dresden herumärgert. Knapp 200 Gebäude dieser Art sind bis Anfang der 80er Jahre allein im Bezirk Dresden in Plattenbauweise entstanden. In der Landeshauptstadt steht eine dieser Schulen sogar unter Denkmalschutz – was nicht bedeutet, dass das Gebäude nicht verändert werden darf. Der Brandschutz ist laut Landesdirektion Teil des Sanierungskonzeptes, das gerade umgesetzt wird. Brandschutzwachen an Typ-Dresden-Schulen seien eher die Ausnahme, so Holm Felber von der Landesdirektion – außer in Riesa.